Gesundheit

Er ist einer von 119 Teilnehmern einer Studie mit Cannabidiol (CBD) und einer der Jüngsten: der fünfjährige Lenny (Name von der Redaktion geändert). Er leidet an einer sehr seltenen Form eines Hirntumors und hat bereits einen Behandlungsmarathon mit allen herkömmlichen Therapiemethoden hinter sich – ohne Erfolg. Dann verabreicht ihm das Forscherteam um den britischen Arzt Julian Kenyon sechs Monate lang nichts anders als Hanföl und das Unglaubliche passiert: Der Tumor verringert seine Grösse um sage und schreibe 60 Prozent. Auch bei den anderen Patienten stellen sich teilweise recht beachtliche Erfolge ein. 

Diese im September 2018 veröffentlichte Geschichte aus einer Studie ist eine der jüngsten im Jahrtausende währenden Kampf, den Krebs zu besiegen. Helden, wie wir sie aus vielen anderen medizinischen Forschungsbereichen kennen, man denke an Robert Koch, Sigmund Freud oder Paracelsus, hat sie aber nicht hervorgebracht, zu machtlos waren die Forschenden gegenüber dem wuchernden Wachstum von Tumorzellen.

Krebsforschung im Lauf der Geschichte

Um 2.700 v. Chr. führt der ägyptische Universalgelehrte Imhotep erstmals die „aus der Brust hervorquellenden Massen“ in einer Krankheitsliste auf, für die er jedoch keine Therapie benennen kann. Zwei Jahrtausende später untersuchte Hippokrates von Kos (460 bis 370 v. Chr.; Abbildung) Geschwüre unter anderem in der weiblichen Brust und nannte die Tumore, die sich ins Fleisch wie Krabben im Sand eingegraben hatten, Karkinos: Krebs. Nur bei deren Behandlung wusste auch Hippokrates keinen besseren Rat als den, die Tumore am besten unbehandelt zu lassen, weil die Patienten so länger lebten.

Einen weiteren grossen Zeitsprung müssen wir machen, um zu nennenswerten Fortschritten zu kommen: Im 18. Jh. führten verschiedene Beobachtungen über langanhaltende Reize zu der Vermutung, dass zum Beispiel Russ (Schornsteinbrand) bei Schornsteinfegern zu Krebs führe. Und man begann mit Tierexperimenten, um diese Annahmen zu verifizieren. Im ausgehenden 19. Jh. nahm die Zahl der Krebserkrankungen zu. Allerdings wurden die Leute durch die verbesserten Hygieneverhältnisse auch deutlich älter. Und weitaus mehr ältere als junge Menschen sind von der Krankheit betroffen. Erstmals rückte man dem Krebs mit dem Messer auf den Leib. Die Operationen waren nicht gerade erfolgreich. Die Diagnose Krebs blieb ein Todesurteil.

Mit der Entwicklung der Röntgenstrahlen im beginnenden 20. Jh. wurde auch der Nutzen der viel energiereicheren Radiumstrahlung entdeckt und neue Hoffnung keimte auf. Doch erst die Kombination von chirurgischem Eingriff und verbesserter Strahlenbehandlung ab den 1930er Jahren brachte nennenswerte Fortschritte. Im Zweiten Weltkrieg fand man bei Experimenten mit chemischen Kampfstoffen zufällig Substanzen, die das Zellwachstum hemmen. Die Chemotherapie entwickelte sich. Bis heute werden Kombinationen aus Operation, Chemo- und Strahlentherapie eingesetzt und ebenso wie die Früherkennung stetig verbessert.

Zahlen und Daten zur Krebsforschung

Warum gestaltet sich die Bekämpfung der Krebserkrankungen so langwierig?

  • Da der Krebs aus körpereigenen Zellen besteht, ist die Bekämpfung mit Medikamenten viel schwieriger, als bei Bakterien.
  • Man unterscheidet immer mehr Krebsarten, inzwischen sind es über 200 Formen.
  • Bei den Frauen ist die Brustdrüse das mit Abstand am häufigsten betroffene Organ (ca. 30,5 % der Neuerkrankungen), bei den Männern die Prostata (ca. 23 % der Neuerkrankungen). Es folgen Darm und Lunge. Etwas seltener betroffen sind Gebärmutter (bei den Frauen), Harnblase (bei den Männern) und die Haut. Alle anderen Organe sind deutlich seltener erkrankt.
  • Dabei sind die Lebenserwartungen Krebskranker in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Häufiger als bei Krebserkrankungen sind Herz-Kreislauferkrankungen eine Todesursache. „Vor 1980 starben mehr als zwei Drittel aller Krebspatienten an ihrer Krebserkrankung. Heute kann mehr als die Hälfte auf dauerhafte Heilung hoffen“, gibt das deutsche Krebsforschungszentrum (dkfz) an.
  • Die Heilungschancen sind je nach Krebsart sehr unterschiedlich. „So haben Kinder mit Leukämien und junge Männer mit Hodenkrebs heute sehr gute Aussichten auf dauerhafte Heilung. Auch die Überlebensraten für Lippenkrebs, schwarzen Hautkrebs (malignes Melanom) und mittlerweile auch Prostatakrebs sind deutlich angestiegen. Vielen Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, Lungenkrebs oder Speiseröhrenkrebs dagegen können die Ärzte bis heute noch keine längere Überlebenszeit oder Heilung in Aussicht stellen,“ heisst es in der Statistik des dkfz.

Und was bringt die Forschung in Zukunft?

Die Medizin macht weiterhin Fortschritte. Im vergangenen Jahr wurde der Nobelpreis für Medizin an zwei Wissenschaftler vergeben, die wesentlich an der Entwicklung von Immuntherapien gegen Krebs beteiligt waren. Medikamente auf dieser Basis sowie Impfungen gibt es noch nicht viele und sie sind längst nicht für alle Krebsarten geeignet.

Es wird also noch eine Weile dauern, bis sie um Standard in der Krebstherapie gehören. Auch die vorbeugende Schutzimpfung für Gesunde gibt es bisher nur für einige wenige Viren, die Krebs auslösen können. In allen drei Fällen dürfen Betroffene für die Zukunft Hilfe für weitere Krebsarten erwarten. Was die Behandlung mit medizinischem Cannabis angeht, wie im Fallbeispiel eingangs geschildert, so lässt sich feststellen, dass seit der Freigabe 2017 Cannabinoid-Arzneimittel inzwischen im Versorgungsalltag angekommen sind. Doch fehlen hierzu noch Studien zu Wechselwirkungen mit anderen Krebsmedikamenten. Daher werden bisher nur schwerkranken Patienten in Einzelfällen Cannabisblüten verordnet.


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