Gesundheit

Seit geraumer Zeit ist immer wieder der Begriff Telemedizin zu hören, wenn es um die Gesundheitsversorgung in unserem Land geht. Doch kann digitale Vernetzung das persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis ersetzen? Sicher nicht – doch was viele mit grosser Skepsis betrachten, ist als ergänzende Massnahme offenbar von grossem Nutzen. Das ergab eine neue Studie, die Forscher der Charité Berlin jüngst durchführten. So verbrachten telemedizinisch begleitete Patienten mit Herzschwäche wesentlich weniger Tage im Krankenhaus – und auch die Sterberate ging deutlich zurück.In Zusammenarbeit mit Barmer und AOK wiesen Wissenschaftler in einer repräsentativen Studie jetzt erstmals den Nutzen der Telemedizin für Herzpatienten nach. Doch was muss man sich darunter vorstellen? Kurz gesagt: Telemedizin vernetzt ferne medizinische Standorte und Fachärzte direkt mit dem Patienten. Das impliziert Datenübermittlung und Informationsaustausch in Echtzeit – und erlaubt bei Bedarf sofortiges Eingreifen.

Studie: Meilenstein für die Gesundheitsversorgung der Zukunft

An der sogenannten Fontane-Studie nahmen über 1.500 Herzpatienten aus dem ländlichen und städtischen Raum teil. Zu Beginn erhielten die teilnehmenden Patienten eine Einführung, wie sie mit den zur Verfügung gestellten Techniktools sachgerecht umgehen. Ziel war es, täglich Werte wie EKG, Sauerstoffsättigung des Blutes oder Blutdruck zu ermitteln. Die Messergebnisse wurden automatisch an die Mediziner im Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der Charité weitergegeben. Auch ein Tablet, mit dessen Hilfe die Patienten täglich über ihr subjektives Befinden Auskunft gaben, gehörte zur Ausstattung. Die Daten der Teilnehmer wurden rund um die Uhr ausgewertet. Wies ein Patient veränderte Werte auf, gaben die Mediziner dem Patienten Anweisungen oder ergriffen geeignete Massnahmen.

Nutzen der Telemedizin evident

Nicht ganz zufällig wurde das Projekt auch vom Bundesgesundheitsministerium gefördert. Ziel ist es, Telemedizin künftig zur Regelversorgung der Krankenkassen zu machen – so zumindest die Hoffnung. Grund genug gäbe es – denn die Zahlen der Studie sprechen Bände. Unabhängig davon, ob die Patienten auf dem Land oder in der Stadt lebten und welches Alter sie hatten, lieferte die repräsentative Studie dieselben positiven Ergebnisse. Die telemedizinisch begleiteten Teilnehmer verbrachten aufgrund ihrer Herzerkrankung durchschnittlich 17,8 Tage des Jahres in der Klinik – bei den Patienten der Kontrollgruppe dagegen waren es 24,2 Tage. Ähnlich sieht es mit der Sterberate aus. Während eines Jahres verstarben in der Gruppe ohne Telemedizin-Monitoring immerhin 11 von 100 Patienten – bei der betreuten Gruppe waren es nur 8 von 100.Zwar gibt die vorliegende Studie nur Auskunft über den Nutzen für Menschen mit Herzinsuffizienz – doch ist naheliegend, dass künftig auch andere Risikopatienten von der Telemedizin profitieren könnten. Natürlich kann und soll die Telemedizin kein Ersatz für das persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis sein. Doch der Nutzen für Patient und Arzt ist evident. Das mag selbst Skeptiker überzeugen, die dem Sammeln persönlicher Daten und dem Wegfall direkten menschlichen Kontakts kritisch gegenüberstehen.Bleibt abzuwarten, ob Telemedizin tatsächlich in naher Zukunft als Kassenleistung zur Verfügung steht. Das wäre in der Tat ein Meilenstein. Denn bisher führt die Telemedizin eher ein Schattendasein. Das ist auch fehlender Richtlinienkompetenz bei der Vergütung geschuldet. Bedauerlich – denn telemedizinisches Monitoring brächte nicht nur Vorteile für Patienten, sondern auch für Ärzte. So könnten Landärzte vom Know-how des telemedizinischen Netzwerks profitieren, zu dem auch Unikliniken gehören.

Telemedizin für alle machbar?

Fraglich bleibt, wie die Übermittlung der Daten mit dem lückenhaften Breitbandausbau im ländlichen Raum vereinbar sein soll. Ein weiterer Grund, die lange angekündigte Digitalisierung endlich mit Hochdruck voranzutreiben. Nur so hätte jeder Risikopatient – unabhängig von seinem Wohnort – Zugang zur Telemedizin, die Leben retten kann.