Prof. Marc Schiesser: Operationsroboter für die Bauchspeicheldrüse

01.01.2000
Claudia Dechamps
Redakteurin

Professor Dr. med. Marc Schiesser ist ein hochspezialisierter Chirurg, der sich gerade bei Operationen der oberen Bauchorgane enormes Renommee erworben hat. Er zählt in der Hepatobiliären Chirurgie zu den ausgewiesenen Experten, also wenn es um die Leber, die Milz und Gallenblase und Gallenwege geht – und um die Bauchspeicheldrüse. Am Chirurgischen Zentrum Zürich der Klinik Hirslanden hat er sich bei der chirurgischen Therapie von Krebserkrankungen der Bauchorgane mit minimal-invasiven Eingriffen einen Namen gemacht. Im Gespräch mit dem Leading Medicine erklärt der anerkannte Tumorchirurg, wie eine roboterassistierte Operation der Bauchspeicheldrüse abläuft.

Schiesser0.jpg

Leading Medicine Guide: Die Bauchspeicheldrüse ist schwierig zu operieren. Warum ist dieses Organ in operativer Hinsicht so kompliziert?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: Die Bauchspeicheldrüse oder das Pankreas, wie die Mediziner sagen, ist beim Menschen ein 20 bis 25 Zentimeter langes, schmales Organ, das hinter dem Magen liegt und eine enge örtliche Beziehung zu wichtigen Gefässen hat. Eigentlich ist es eine Drüse – sie produziert Verdauungsenzyme und Hormone, die für den Stoffwechsel wichtig sind, wie beispielsweise das Insulin. Die Bauchspeicheldrüse selbst besteht aus weichem, fragilem Gewebe, das schwierig zu operieren ist.

Leading Medicine Guide: Kann man in solches Gewebe überhaupt hineinschneiden?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: Grundsätzlich schon, man muss aber behutsam mit dem Gewebe umgehen. Der exokrine Teil, der die Verdauungsenzyme produziert, setzt sich zusammen aus tausenden kleinen Läppchen mit unzähligen Drüsengängen. Der endokrine Teil, also die hormonproduzierenden Zellen, sind Anhäufungen von Zellschichten. Sie werden auch nach ihrem Entdecker „Langerhans-Inseln“ genannt – daher kommt der Begriff Insulin. Um effektiv arbeiten zu können, wird die Bauchspeicheldrüse von einem feinen und dichten Gefässnetz durchzogen, umgeben ist sie von einer dünnen Bindegewebsschicht. An dieser Beschreibung wird deutlich, dass wir es hier mit einem kompliziert aufgebauten, diffizilen Organ zu tun haben. Die Konsistenz ist weich, Verbindungen und Nähte lassen sich schlecht positionieren.

Schiesser1.jpg

Leading Medicine Guide: Trotzdem wagen Sie es, da operativ dranzugehen. Was sind die Gründe für eine Operation der Bauchspeicheldrüse?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: In der Regel sind es Tumore, die wir entfernen, Tumore oder deren Vorläufer, zystische Tumore. Die Bauchspeicheldrüse wird unterteilt in drei Teile: Kopf, Körper und Schwanz. Die Tumore sitzen häufig im Kopf. Je nach Lage des Tumors wird ein Teil der Drüse entfernt.

Leading Medicine Guide: Machen Sie diese OPs auch schon minimal-invasiv, d. h. also mit kleinen Schnitten und der Kamera- oder Schlüssellochtechnik?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: Wenn die Tumore im Schwanzbereich liegen, dann operiere ich in der Regel mit der minimal-invasiven Methode, das heisst mit dem Operationsroboter. Mithilfe des Operationsroboters kann man die Drüse sehr gut visualisieren, durch die Vergrösserung sehen wir alles noch sehr viel genauer. Die Gefässe lassen sich gut darstellen und präparieren. Das ist, nach dem was ich eingangs beschrieben habe, gerade in dieser Situation besonders wichtig. Inzwischen operieren wir gut sechs Jahre mit dem Operationsroboter. Anfangs dachten wir, es könnte ein Problem sein, dass wir das Gewebe nicht mehr direkt mit den Händen fühlen und anfassen. Das dreidimensionale Sehen und die exzellente Auflösung kompensieren das fehlende taktile ‚feedback‘ aber völlig. Man lernt als Operateur rasch, wie das Gewebe reagiert, wenn man es über die Instrumente berührt.

Leading Medicine Guide: Was sind die Vorteile der minimal-invasiven Operation der Bauchspeicheldrüse?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: Also zunächst einmal müssen wir keinen grossen Bauchschnitt machen, das entlastet unsere Patienten enorm. Kleine Schnitte verheilen schneller, die Patienten haben weniger Schmerzen, sind schneller wieder fit, die Gefahr von Entzündungen ist reduziert und der gesamte Bauchraum ist nicht so mitgenommen wie nach einem grossen Eingriff. Das Operieren mit laparoskopischen Instrumenten und dem Operationsroboter bietet uns Chirurgen eine bessere Sicht auf das Operationsfeld, das Organ und seine Umgebung. Die Instrumente des Roboters sind zudem beweglich wie kleine Hände, sie zittern nicht und können auch kleinste Unsicherheiten meiner eigenen Hand ausgleichen.

Leading Medicine Guide: Ist es für eine minimal-invasive OP der Bauchspeicheldrüse unerheblich, wie korpulent die Patienten sind?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: Bei den etwas beleibteren Patienten ist diese Form des Zugangs sogar vorteilhafter und einfacher, weil wir mit den langen Instrumenten gut in die Tiefe des Bauchraums gelangen können.

Leading Medicine Guide: Wann kommt eine minimal-invasive Operation der Bauchspeicheldrüse nicht in Frage?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: Aus meiner Sicht ist der minimal-invasive Zugang für Tumore im Pankreaskopf weniger geeignet. Die Operation ist wesentlich komplexer und häufig besteht eine Infiltration im Bereich der Gefässe. Dies kann bei der Präparation heikel sein und wir brauchen jederzeit Kontrolle, damit keine schweren Blutungen entstehen. Die Gruppen, die sich damit eng befasst haben, rapportieren beinahe doppelt so lange Operationszeiten und insbesondere die Verbindungen zwischen Bauchspeicheldrüse und Dünndarm, die man anlegt, haben eine erheblich höhere Leckage-Rate. Das heisst, die Komplikationsrate ist aktuell noch zu hoch und relativiert den Benefit des minimal invasiven Zugangs.

Schiesser2.jpg

Leading Medicine Guide: Bei welcher Indikation ist eine minimal-invasive Operation der Bauchspeicheldrüse denn überhaupt möglich?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: Wir operieren die Bauchspeicheldrüse oder das Pankreas, wie die Mediziner sagen, in der Regel wenn ein Tumor vorliegt. Den minimal-invasiven Zugang, also mit dem Operationsroboter und kleinen Bauchschnitten, wenden wir an bei Tumoren, die im Schwanzteil des Pankreas liegen. Bei Tumoren im Kopf der Bauchspeicheldrüse greife ich in der Regel lieber auf die bewährte, offene Methode zurück, weil sie sicherer ist, eine kürzere Operationszeit aufweist und weniger Komplikationen bereitet. Dagegen werden Tumore im Schwanz- und Korpusbereich des Pankreas bei uns an der Klinik Hirslanden mithilfe des Operationsroboters operiert. Ich operiere seit sechs Jahren mit dem Operationsroboter, und wir gehören zu den wenigen Kliniken, die eine umfangreiche Erfahrung mit dem Operationsroboter haben. Wir nehmen aktuell an einer internationalen Studie teil, welche die Wertigkeit des Roboters bei der Speiseröhrenentfernung untersucht.

Leading Medicine Guide: Wenn also klar ist, dass der Tumor an der Bauchspeicheldrüse auf minimal-invasive Weise operiert werden kann, wie geht es dann für den Patienten weiter?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: Zur Vorbereitung des Eingriffs werden Bilder gemacht, damit wir Lage und Form des Tumors genau erkennen können. Die Indikation wird noch einmal sorgfältig interdisziplinär geprüft und wir besprechen mit dem Patienten die Vorgehensweise. Der Patient trifft in der Regel am Tag der Operation ein und der Anästhesist beginnt mit der Vollnarkose und dem Legen von Venen- und Blutdruckkathetern. Einen Schmerzkatheter brauchen wir, im Gegensatz zu einer grossen offenen Bauch-OP, nicht. Anschliessend beginnen wir, nach sterilem Abdecken, indem wir über fünf kleine Schnitte, die acht Millimeter gross sind, die Gerätearme in den Bauchraum einbringen.

Leading Medicine Guide: An einem Gerätearm ist eine Kamera mit Lampe befestigt, damit Sie Ihr Operationsfeld sehen. Aber so ein Bauchinneres ist doch ziemlich eng und die Organe liegen dicht beieinander. Wie erhalten Sie da genug Sicht auf das OP-Feld?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: Die freie Sicht bekommen wir, indem wir den Bauch mit CO₂ aufblasen. Das Gas hilft, die Bauchdecke zu heben, damit wir freie Sicht auf die Organe haben. Dann bringen wir die Instrumente, die an die Arme des Roboters gekoppelt sind, in den Bauchraum ein, justieren diese und können schliesslich mit der eigentlichen Arbeit beginnen.

Leading Medicine Guide: Wie lange dauert der minimal-invasive Eingriff an der Bauchspeicheldrüse?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: In der Regel brauchen wir zwischen 90 und 150 Minuten für den Eingriff. Nach der OP müssen die Patienten nicht zwingend auf die Intensivstation. Sie bleiben für eine gewisse Zeit auf unserer Überwachungsstation und dürfen meist am Abend schon wieder aufstehen und schluckweise etwas trinken. Das ist also kein Vergleich zu den Nachwirkungen einer grossen Bauch-OP. Am nächsten Morgen dürfen die Patienten mit dem Essen beginnen, zunächst weiche Kost, dann können sie auf leichte Kost umsteigen.

Schiesser3.jpg

Leading Medicine Guide: Der gesamte Erholungsprozess geht also wesentlich schneller?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: Ja, das stimmt, durch die kleineren Inzisionen erholen sich die Patienten schneller. Die Drainage am Bauch wird möglichst bald entfernt und lnfusionen brauchen wir auch meistens ab dem fünften bis sechsten Tag nicht mehr. Nach sieben, spätestens neun Tagen werden die Patienten nach Hause entlassen.

Leading Medicine Guide: Neben den Tumoren operieren Sie aber auch immer häufiger Zysten in der Bauchspeicheldrüse. Warum müssen die herausgenommen werden?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: Ja, wir beobachten immer mehr zystische Veränderungen im Pankreasgewebe. Das kann auch daran liegen, dass die Computertomografie und Magnetresonanztomografie immer besser und detailreicher werden und wir dadurch einfach mehr zystische Tumore entdecken können. Wir wissen inzwischen, dass bestimmte zystischen Veränderungen Vorläufer von bösartigen Tumoren sein können. Sie werden daher genau beobachtet. Für die zystischen Veränderungen gibt es verschiedene Kriterien, so dass wir ziemlich genau sagen können, welche Zysten malignes Entartungspotenzial haben.

Leading Medicine Guide: Zysten in der Bauchspeicheldrüse sind also nicht zu unterschätzen. Wie lassen sie sich feststellen?

Prof. Dr. med. Marc Schiesser: Veränderungen im Pankreas gehen leider nicht mit Schmerzen einher, so dass die Entdeckung der Zysten eigentlich immer einem Zufallsbefund zu verdanken sind. Die Patienten klagen in der Regel über unspezifische Symptome und im Rahmen einer Bildgebung mittels CT oder MRI werden dann die zystischen Veränderungen entdeckt. Wie gesagt – wir achten da heute mehr drauf und operieren auch eher, um schon frühzeitig die Gefahr eines Pankreaskrebses zu bannen.

Herr Professor Dr. Schiesser, wir bedanken uns sehr für die anschaulichen und detailreichen Ausführungen. Haben Sie Fragen oder möchten direkt Kontakt zum Arzt aufnehmen? Dann besuchen Sie seine Profilseite im Expertenportal Leading Medicine Guide.

Whatsapp Twitter Facebook VKontakte YouTube E-Mail Print