Klinikdirektor Priv.-Doz. Dr. med. Dr. phil. Yasin Möller: „Einsamkeit ist subjektiv!“

17.06.2021
Leading Medicine Guide Redaktion
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Hat uns die Pandemie einsamer gemacht? Und wann wird Einsamkeit eigentlich zu einer depressiven Störung? Wer diese Fragen aus einer hochkarätigen medizinischen Perspektive beantwortet haben möchte, wendet sich an einen absoluten Spezialisten – etwa an Priv.-Doz. Dr. med. Dr. phil. Yasin Möller. Der ist nicht nur Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, sondern auch für Neurologie und Suchtmedizin, ausserdem Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen und Sozialmedizin. Als Medizinischer Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor leitet PD Dr. med. Möller die Akutklinik Albstadt GmbH, eine Privatklinik für Psychosomatische Medizin. Im Gespräch mit dem Leading Medicine Guide steht der ausgewiesene Experte für die menschliche Psyche Rede und Antwort. Er erklärt, was Einsamkeit von sozialer Isolation unterscheidet, erzählt aus seinem Arbeitsalltag und verrät, was wirklich gegen Einsamkeit hilft.

Von Dorina Marlen Heller

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Leading Medicine Guide: Einsamkeit ist eines der grossen Themen unserer Zeit – in Grossbritannien wurde sogar ein Ministerium ins Leben gerufen, das Einsamkeit abbauen soll. Inwiefern haben Sie in Ihrem Berufsalltag mit dieser Problematik zu tun?

PD Dr. med. Möller: Einsamkeit ist ein Phänomen, das ich in der Berufspraxis sehr häufig beobachte. Ausserdem interessiere ich mich besonders für Phänomene, die gesellschaftliche Relevanz haben und die Psychiatrie und Psychotherapie gleichermassen berühren. Auch das Thema Corona hat viele psychologische und psychiatrische Aspekte.

Leading Medicine Guide: Wir erleben im Zuge der COVID-19-Pandemie eine gesellschaftliche Vereinsamung, deren Ende noch nicht absehbar ist. Es gibt einen massiven Anstieg der Inanspruchnahme psychotherapeutischer Dienstleistungen, insbesondere auch von jungen Menschen. Therapieplätze sind rar, die psychosozialen Beratungsstellen überlastet. Wie macht sich das in Ihrem eigenen Arbeitsalltag bemerkbar?

PD Dr. med. Möller: Bei unseren Patientinnen und Patienten kommt das Thema Corona oft hoch, aber weniger, weil die Patienten selbst coronakrank wären, sondern weil es als Thema im Raum steht, das mit Angst behaftet ist. Die Menschen fragen sich: Inwieweit kann ich mich selbst infizieren und erkranken? Aber auch andere Folgen der Pandemie werden für die Menschen spürbar, wenn etwa der Kontakt zu Familienangehörigen erschwert wird. Vor allem ältere Menschen leiden darunter, dass etwa die Enkel nicht mehr zu Besuch kommen können, weil die Angst vor einer Infektion besteht. Ausserdem kann jedes wichtige gesellschaftliche Phänomen zum Thema psychischer Erkrankungen werden, also auch die Pandemie.

Leading Medicine Guide: Also führt die Pandemie zu einem Anstieg psychischer Erkrankungen?

PD Dr. med. Möller: Es wird immer deutlicher, dass die Pandemie für viele Menschen schwerwiegende psychische Folgen hat. Es liegen inzwischen Daten einer Studie vor, die bei etwa zwanzig Prozent erkrankter Patienten psychische Störungen gefunden hat. Es handelt sich dabei insbesondere um Angststörungen und Depressionen. Die Häufigkeit dieser Erkrankungen in der Durchschnittsbevölkerung wird damit deutlich übertroffen, ebenso auch im Vergleich mit bestimmten anderen Erkrankungen zum Beispiel der Atemwege. Es braucht eine differenzierte Beurteilung psychischer Folgen der Covid-Erkrankung.

Leading Medicine Guide: Häufig heisst es bereits, dass es durch die Pandemie mehr Suizide geben könnte. Wie sieht es damit aus?

PD Dr. med. Möller: Die Erwartung, dass die Suizidhäufigkeit in der Pandemie zugenommen hat, liess sich in einer internationalen Studie nicht bestätigen. Vorhandene psychische Symptome bei bereits unabhängig von der Pandemie erkrankten Menschen können verstärkt werden. Im direkten Kontakt zum Beispiel mit depressiven Patienten findet sich oft, dass die sozialie Isolation weiter zugenommen hat.

Leading Medicine Guide: Wie beurteilen Sie die zunehmende Verschiebung von Sozialkontakten in die virtuelle Welt? Ist es genauso gut, die beste Freundin über Zoom zu treffen anstatt wie früher im Café? Oder macht uns das einsamer?

PD Dr. med. Möller: Ich sehe das positiv, das ist eine Ersatzmöglichkeit. Einfach ausgedrückt: Ein Kontakt via Skype ist immer noch besser als gar kein Kontakt. Natürlich lässt sich aber das persönliche Miteinander, auch die körperliche Nähe, dadurch nicht ersetzen. Aber ich unterstütze die virtuellen Kontakte, immer wenn sie möglich sind, weil ich der Meinung bin, dass dadurch das Gefühl der sozialen Isolation zumindest teilweise konterkariert werden kann. Vor allem aber bei Kindern spielt allerdings auch das Nonverbale eine grosse Rolle – das Enkelkind auf dem Schoss zu haben und festzuhalten, gibt ein Gefühl von Nähe, das sich durch keinen virtuellen Kontakt ersetzen lässt.

Leading Medicine Guide: Die Entwicklung könnte dazu führen, dass bestimmte gesellschaftliche Bereiche, etwa universitäre Lehre, ganz auf das virtuelle oder hybride Format umgestellt werden. Sollten wir das mit Vorsicht betrachten?

PD Dr. med. Möller: Es gibt keinen eindeutigen Beleg dafür, dass die zukünftige Verbreitung von Internetmedien mit der Entwicklung von sozialer Isolation in Zusammenhang steht. Es ist aber wichtig, hier die Begriffe zu unterscheiden: Der Begriff der Einsamkeit ist subjektiv – „ich fühle mich einsam“. Dieses Gefühl kann mich auch überkommen, wenn ich in der Gesellschaft anderer Menschen bin. Soziale Isolation ist hingegen ein objektiver Begriff, der fragt: Wie viele soziale Kontakte gibt es und wie werden die genutzt?

Leading Medicine Guide: Nun hat die Pandemie bestimmt zur sozialen Isolation beigetragen, aber hat Corona uns als Gesellschaft einsamer gemacht?

PD Dr. med. Möller: Durch Corona ist das Thema der sozialen Isolierung wieder verstärkt in die gesellschaftliche Aufmerksamkeit gerückt: Viele Personen klagen darüber, dass sie als Folge der Pandemie sozial isoliert sind. Die von Ihnen schon erwähnte steigende Frequenz der Inanspruchnahme psychotherapeutischer Dienste hat mindestens teilweise auch mit erlebter Einsamkeit zu tun. Die Vereinsamung ist ein Symptom der meisten psychischen Erkrankungen, vor allem der depressiven Störungen. Hier fühlen sich Patientinnen und Patienten einsam – und sie zeigen im Verlaufe ihrer Erkrankung eine Reduktion vorher vorhanden gewesener sozialer Kontakte.

Leading Medicine Guide: Wo endet „normale“ Einsamkeit und wo beginnt eine psychische Erkrankung, wie etwa eine Depression? Was sind hier die Anzeichen?

PD Dr. med. Möller: Das Gefühl, einsam zu sein, ist für sich keine Krankheit. Es gibt wahrscheinlich auch Menschen, die die Einsamkeit suchen, die das als Lebensform für sich gewählt haben. Zur psychischen Erkrankung wird es, wenn sich zu dem Gefühl der Einsamkeit noch andere Symptome hinzugesellen. Etwa Schlafstörungen, Appetitstörungen, körperliche Befindlichkeitsstörungen, depressiver Affekt. Die depressive Stimmungslage zeichnet sich aus durch Hoffnungslosigkeit, durch den Verlust von Perspektiven, den Zweifel am Selbstwertgefühl und damit verbunden die vermeintliche Unfähigkeit, im eigenen Bereich Dinge ändern zu können.

Leading Medicine Guide: Mit dieser Symptomatik kommen auch viele Menschen zu Ihnen in die Klinik. Sie haben da ja einen sehr ganzheitlichen Zugang. Was bedeutet das genau?

PD Dr. med. Möller: Ich bin der Meinung, dass man der psychischen Erkrankung auf allen Ebenen begegnen muss, auf der sie Symptome zeitigt. Das ist von Patientin zu Patient verschieden. Bei manchen steht Traurigkeit im Vordergrund, bei anderen sind es körperliche Verstimmungen. Für andere wiederum ist Vereinsamung ein ganz zentrales Depressionssymptom.

Leading Medicine Guide: Wie begegnen Sie dem?

PD Dr. med. Möller: Da können Gruppentherapien ein wichtiges Moment sein, um den einzelnen Menschen wieder mehr für die anwesenden anderen zu öffnen und eine Atmosphäre des vertraulichen Austauschs zu schaffen. Aber auch jenseits der Therapien kann das Miteinander in so einem Klinikalltag auch schon stark dazu beitragen, dass wieder soziale Kontakte entstehen.

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Top-Adresse für Psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychiotherapie: Die Aktuklinik Albstadt ist perfekt ausgestattet

Leading Medicine Guide: Und wie geht es nach der Entlassung aus der Klinik weiter?

PD Dr. med. Möller: Vereinsamung entgegenzuwirken ist auch ein grosser Teil der nachstationären Bemühungen. Also sollte man sich schon frühzeitig fragen: Was passiert nach der Entlassung? Wie können wir dafür sorgen, dass der Patient nach der Entlassung wieder vermehrt Sozialkontakte hat? Die Möglichkeiten, die hier zur Verfügung stehen, sind begrenzt, aber vorhanden. Wir können Patientinnen und Patienten in Gruppen vermitteln, es gibt ja verschiedenste Selbsthilfegruppen für die einzelnen Krankenbilder. Wir ermuntern die Menschen auch, soziale Kontakte, die früher bestanden haben, vielleicht schon von der Klinik aus wieder zu aktivieren. Also hier geht es dann darum, zu Leuten in Verbindung zu treten, zu denen der Kontakt vielleicht auch krankheitsbedingt abgerissen ist.

Leading Medicine Guide: Haben Sie Erfahrung mit Achtsamkeits- und Meditationsübungen bei Einsamkeit und psychischen Erkrankungen?

PD Dr. med. Möller: Achtsamkeit und Meditation sind wichtige Therapieelemente im Kontext eines ganzheitlichen Ansatzes. Ich würde sie aber nicht als isolierte therapeutische Techniken ansehen, sondern immer im Verbund mit anderen therapeutischen Ansätzen. Da können sie eine wichtige Rolle spielen. Wenn wir aber konkret über Einsamkeit reden, glaube ich, dass aktivierende und weniger kontemplative Therapietechniken im Vordergrund stehen müssen. Dazu gehört auch, dass eine klare Tagesstruktur im Vordergrund steht – die Patientinnen und Patienten müssen wissen, wie der Tag anfängt und wie er aufhört. Aber auch Sport, Gymnastik und Spiel in der Gruppe sind hier von Bedeutung.

Leading Medicine Guide: Was hilft denn nun wirklich gegen Einsamkeit?

PD Dr. med. Möller: Es ist wichtig, dass für alle, die das wollen, Möglichkeiten vorhanden sind, um aus der Einsamkeit herauszufinden. Hier spielen dann eine gesunde und ausgewogene Ernährung, regelmässige Bewegung, strukturbildende Routinen eine Rolle, aber auch die Pflege kultureller Interessen. Diese Punkte können zunächst absolut gleich wichtig sein. Es kommt darauf an, dass der einzelne Patient aus diesem Blumenstrauss das für sich Passende heraussucht, da sind Interessen sehr verschieden.

Leading Medicine Guide: Sie sind ja auch Facharzt für Neurologie – was macht Einsamkeit mit unserem Gehirn?

PD Dr. med. Möller: Ich bleibe hier auch auf der psychiatrischen Seite und kann sagen, dass in der Praxis eine Beziehung besteht zwischen sozialer Isolation und der Entwicklung psychischer Störungen, vor allem der Depression. Es gibt Studienbelege, die zeigen, dass Menschen, die in extremer sozialer Isolation leben, häufiger krank werden und eine niedrigere Lebenserwartung haben. Man kann das jetzt unterschiedlich interpretieren und etwa sagen, dass diese Menschen sich zu spät Hilfe suchen. Daraus kann man also erstmal pauschal nicht ableiten, dass es organische und neurologische Veränderungen aufgrund von Einsamkeit gibt.

Leading Medicine Guide: Aber?

PD Dr. med. Möller: Natürlich muss man in der Psychiatrie organische Störungen immer als Ursachen für bestimmte Symptome erstmal ausschliessen. Es kann zum Beispiel sein, dass eine stark antriebsgeminderte Patientin, die den ganzen Tag auf der Couch verbringt und das Haus nicht mehr verlässt, aus organischen Gründen antriebsgemindert ist. Man kann aber nach heutigem Forschungsstand nicht sagen, dass es neurobiologische Gründe gibt, aufgrund derer Menschen sich als einsam erleben.

Leading Medicine Guide: Herzlichen Dank für das spannende und aufschlussreiche Gespräch, Herr Priv.-Doz. Dr. Dr. Möller!

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Priv.-Doz. Dr. med. Dr. phil. Yasin Möller ist Medizinischer Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor der Akutklinik Albstadt GmbH, einer Privatklinik für Psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Neurologie und Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen, Sozialmedizin, Suchtmedizin. Das höchste Ziel der Akutklinik Albstadt GmbH ist es, mittels einer ausgearbeiteten Kombination an therapeutischen Angeboten und Pflegedienstleistungen psychische Leiden gezielt einzudämmen. Für das zusätzliche Wohlbefinden sorgt das hotelartige Ambiente der Klinik mit einem ansprechenden gastronomischen Angebot und freundlicher Atmosphäre. Mehr über die Akutklinik Albstadt und Priv.-Doz. Dr. Möller erfahren Sie auf der Profilseite im Leading Medicine Guide.
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