Experteninterviews

Zunehmend mehr Menschen leiden an Schlafproblemen

Der Leading Medicine Guide Experte und Schlafmediziner Professor Teschler von der Universitätsmedizin Essen  - Ruhrlandklinik klärt auf 

Na, haben Sie letzte Nacht gut geschlummert? Dann gehören Sie zu den wenigen Menschen hierzulande, die es noch hinbekommen, tief und fest zu schlafen. Neuesten gesundheitlichen Studien zufolge leben wir in einer ganz schön übermüdeten Gesellschaft: Vier von fünf Menschen leiden an Schlafstörungen.Warum ist das so? Ist das wirklich so schlimm oder sogar evolutionsbedingt? Was können wir tun und wie sorgen wir wieder für erholsame Bettruhe? Wichtige Fragen! Stellen wir sie doch mal einen echten Schlafexperten: Professor Helmut Teschler (Universitätsmedizin Essen - Ruhrlandklinik) gilt als Pionier der Schlafmedizin.Seit mehr als 30 Jahren gehören Schlafstörungen und schlafbezogene Atmungsstörungen zu seinem  Fachgebiet. Im Oktober ist der international renommierte Schlafspezialist und ehemalige Chefarzt der Ruhrlandklinik Essen in Pension gegangen. Sein Nachfolger ist der ebenfalls renommierte Universitätsprofessor Dr. Taube. Aber kommen wir zurück zu Prof. Teschler, der natürlich nicht ans Aufhören denkt: Seinen täglichen Power-nap wird er sich weiterhin gönnen - denn er hat noch viel vor! Wir haben mit dem ehemaligen Chefarzt über Entwicklungen in der Schlafmedizin, über seinen ersten Beruf als Maschinenbauingenieur und über Schlafprobleme gesprochen:
"Ursachen sind [...] ruhelose Beine, Depression, Störung des Wach-Schlaf-Rhythmus. [...] Suchtmittel wir Alkohol, Medikamente und Drogen werden ebenfalls unterschätzt." (Prof. Teschler)

Professor Dr. Teschler, wird unsere Gesellschaft zunehmend schlaflos?

Prof. Teschler: 4 Millionen aller Menschen in Deutschen leiden an Schlafapnoe, mehr Männer als Frauen, aber auch zunehmend Kinder. Und wussten Sie: 26% aller Autofahrerinnen und Autofahrer sind bereits einmal am Steuer eingenickt! Deutsche Unternehmen verlieren pro Jahr 210.000 Arbeitstage durch unausgeschlafene Mitarbeiter. Ursachen sind, neben der durch Atemaussetzer verursachten Schlafapnoe, eine Vielzahl von anderen Erkrankungen mit Auswirkungen auf die Schlafqualität und -quantität. Als Beispiele seien das Syndrom der ruhelosen Beine (Restless legs Syndrom oder Wittmaak-Ekbom Sydrom), die in einer rastlosen Leistungsgesellschaft immer stärker zunehmenden Depressionen und Störungen des Wach-Schlaf-Rhythmus unter anderem durch Jetlag, Schichtarbeit und eine Lebensweise genannt, die den Schlaf als notwendiges Übel und nicht als Jungbrunnen des Menschen betrachtet. Im Hinblick auf Schlafstörungen wird die negative Wirkung von Suchtmitteln wie Alkohol und Drogen ebenso unterschätzt wie von bestimmten Medikamenten – entweder einzeln oder in Kombination mit anderen Faktoren.    
"Die Schlafmedizin ist noch eine relativ junge Disziplin. [...] Die wenigen Schlafmediziner sind völlig überfordert." (Prof. Teschler)

Gehen Schlafgestörte rechtzeitig zum Arzt?

Prof. Teschler: Schlafstörungen werden im Regelfall erst spät, oft zufällig und nur selten gezielt diagnostiziert. Das liegt an der Tatsache, dass die Schlafmedizin eine junge Disziplin ist, in der hausärztlichen Medizin noch immer eine viel zu geringe Rolle spielt und in Deutschland häufig auf die Schlafapnoe-Medizin reduziert wird. Mit der Vielzahl an Patienten und dem breiten Spektrum an chronischen Schlafstörungen sind die wenigen Schlafmediziner zudem völlig überfordert. Das gilt aber auch in den meisten anderen Ländern, so dass es nicht verwundert, dass sich auch ausländische Patienten mit chronischen Gesundheitsstörungen bei uns vorstellen, die primär nicht auf einen gestörten Schlaf zurückgeführt oder damit in Zusammenhang gebracht wurden.
"Wer versucht, seinen chronischen Schlafmangel durch die Einnahme von Schlaftabletten zu beheben, überdeckt seine Gesundheitsprobleme und schadet sich langfristig." (Prof. Teschler)

Schlucken viele Menschen lieber Schlaftabletten, anstatt nach der wahren Ursache für ihre Schlafprobleme zu suchen? 

Prof. Teschler: Das stimmt, doch Vorsicht! Schlaftabletten erhöhen mehreren Studien zufolge das Sterberisiko. Das gilt selbst für jüngere Menschen und für alle Arten von Schlafmitteln. Die direkte Letalität (Letalität ist das Verhältnis der Todesfälle durch eine bestimmte Erkrankung zur Zahl der Erkrankten) dürfte eher gering sein. Schlafmittel lösen bei chronischer Einnahme aber oft Depressionen aus und erhöhten so die Suizidgefahr. Sie beeinträchtigten die Fahrtauglichkeit und verstärkten die Schwere vorhandener Atemaussetzer während des Schlafs; Bluthochdruck, Herz-Kreislaufstörungen, Schlaganfall und Entzündungen der tiefen Atemwege könnten somit weitere Ursache für indirekte Sterbefälle im Zusammenhang mit der chronischen Einnahme von Schlaftabletten sein. Wer versucht, seinen chronischen Schlafmangel durch die Einnahme von Schlaftabletten zu beheben, überdeckt seine Gesundheitsprobleme und schadet sich langfristig. Bei hartnäckigen Schlafstörungen empfiehlt es sich immer, den Schlafspezialisten aufzusuchen.
"Schlafhygiene heisst das Zauberwort - doch passt das nicht so gut in unsere rastlose Zeit." (Prof. Teschler)

Und Herr Prof. Teschler, wie viel Schlaf braucht ein Mensch eigentlich?

Prof. Teschler: Im Durchschnitt benötigt der Mensch zwischen 6 und 8 Stunden Schlaf pro Tag; bei gesunden jungen Menschen eher 7-8 Stunden, ab dem 60. Lebensjahr eher weniger. Die Schlafqualität ist aber von viel grösserer Bedeutung als die Schlafdauer. Wann ein Mensch aufsteht und ins Bett geht, bestimmt nicht nur sein Wecker, sondern seine innere Uhr. Zwingt man einer „Lerche“ den Schlafrhythmus einer „Eule“ auf, ist das genauso problematisch wie umgekehrt. Schlafhygiene heisst das Zauberwort, doch passt das nicht so gut in unsere rastlose Zeit mit Erfolgszwang und Städten, die niemals schlafen.

Und Sie, Herr Professor Teschler: Was tun Sie selber, um gut zu schlafen?

Prof. Teschler: Ich schlafe gut und gerne, und zwar mit einem Powernap von 15 bis 20 Minuten Dauer am Mittag und einem abendlichen Zubettgehen zirka 3 Stunden nach Sonnenuntergang – im Winter also deutlich früher als im Sommer.    
"Ein veränderter Lebensstil und eine gesunde Schlafhygiene bringen meistens wieder einen erholsamen Schlaf zurück." (Prof. Teschler) 

Das scheint ein gutes Geheimrezept zu sein! Doch wie erkennen Sie Schlafstörungen?

Prof. Teschler: Bei stressbedingten Schlafstörungen ist es meist nicht allzu schwer, den Grund für unruhige Nächte zu finden. Ein veränderter Lebensstil und eine gesunde Schlafhygiene bringen meistens wieder einen erholsamen Schlaf zurück. Finden sich konkrete Auslöser für anhaltende Schlafstörungen, so setzt jede erfolgreiche Therapie bei den Ursachen an. Ausführliche Patienten-Befragungen zum Krankheitsbild sind die Grundlage für gezielte diagnostische Verfahren.  Dies gilt insbesondere für Schlafstörungen, die eine Folge von Erkrankungen des zentralen Nervensystems sind. Die häufigsten neurologischen Schlafstörungen sind die Insomnie (Schlaflosigkeit), die weitaus seltenere Narkolepsie oder Hypersomnie (Schlafsüchte), das Restless-Leg-Syndrom mit typischen Beinzuckungen insbesondere in der zweiten Tageshälfte, ferner Parasomnien wie Schlafwandeln, Zähneknirschen und nächtliche Panik, aber auch Depressionen, die mehr mit Müdigkeit als mit Schläfrigkeit einhergehen.
"Mein Eindruck war, dass Mediziner nicht in Mass und Zahl bzw. auf Grundlage von Algorithmen denken [...] was für ein Irrtum!" (Prof. Teschler) 

Herr Prof. Teschler. Ist das richtig: Vor Ihrer Arztkarriere, waren sie Maschinenbauingenieur. Wie kam es zu dem Berufswechsel? Das waren doch nicht hoffentlich auftretende Schlafstörungen? 

Prof. Teschler: Nein, nein. Ich habe mich schon immer für die Biologie und Gesetzmässigkeiten des Lebens interessiert. Schicksalhaft war die Begegnung mit einem Arzt, der nach cleveren Lösungen für die Optimierung der Abläufe in seiner Schrittmacherambulanz suchte. Mit meinem fundierten Wissen über Computer und Programmiersprachen der damaligen Zeit konnte ich ihm eine Software schreiben, mit deren Hilfe er die Abläufe so steuern konnte, wie das heute ein Praxisinformationssystem ermöglicht. Mein Eindruck war zu dieser Zeit, dass Mediziner nicht in Mass und Zahl bzw. auf Grundlage von Algorithmen denken. Wie ich heute weiss, war das ein gravierender Irrtum, doch für mich war es der Ansporn, das eine mit dem anderen zu verbinden.  
"Ich löse ich meine Probleme bis heute wie ein Ingenieur. [...] Es lag auf der Hand, dass ich Pneumologe werde." (Prof. Teschler) 

Und wenden Sie Ihr Wissen aus dem Maschinenbau dennoch irgendwie in der Medizin an?

Prof. Teschler: In der Tat! In der Medizin löse ich meine Probleme bis heute mit der Denkweise und den Herangehensweisen eines Ingenieurs. So formuliere ich Hypothesen oder suche nach Lösungsansätzen, die mithilfe von Naturgesetzen oder mathematischen Regeln geprüft oder realisiert werden können. Da ich als Jungingenieur in einem Unternehmen für Klima- und Lüftungstechnik geforscht habe, kenne ich mich mit physikalischen Grössen wie Druck, Fluss und Volumen bestens aus. Deshalb lag es auf der Hand, dass ich Pneumologe werde, der sich mit der Atmung und der Steuerung der Ventilation beschäftigt. Diese besonderen Fähigkeiten und die grosse Leidenschaft erkannte mein damaliger Chef in der Ruhrlandklinik und machte mich zum Oberarzt für das Lungenfunktionslabor. Binnen kurzer Zeit hatte ich die manuelle Auswertung und Befundung von Lungenfunktionen und Blutgasanalysen automatisiert und ein System für die Überprüfung der Atemregulation gebaut, das 20 Jahre später in unserer Klinik noch immer angewendet wird.   

Und Sie gelten als Pionier der Schlafmedizin. Was waren für Sie - rückblickend gesehen - die grössten Entwicklungen in diesem Fachbereich?

Prof. Teschler: Als Ingenieur interessierten mich die Unterschiede in den Gesetzmässigkeiten der Regelung der Atmung im Wach- und Schlafzustand und die Grundlagen der gestörten Atmung sowie Möglichkeiten, schlafbezogene Atmungsstörungen und deren krankmachende Auswirkungen zu korrigieren. Eine bahnbrechende Entwicklung war die industrielle Herstellung von Polysomnografiegeräten, mit denen der Schlaf und die gestörte Atmung nach klar definierten Gesetzmässigkeiten erfasst werden. Ein logischer Schritt war die Entwicklung von kleinen Beatmungsgeräten, die den kollabierenden oberen Atemweg im Schlaf mithilfe von positivem Druck stabilisieren (sogenannte PAP-Geräte). Diese Methode wurde von dem Australier Collin Sullivan entwickelt, den ich kennen lernte und der mich faszinierte. Wir tickten auf einer Wellenlänge und so kam es, dass unsere Arbeitsgruppe sich an der Entwicklung der Automatisierung der Druckeinstellung dieser Geräte unter Leitung von Dr. Mike Berthon-Jones beteiligen konnte. Im nächsten Schritt erfolge die gemeinsame Entwicklung neuer Methoden zur nicht-invasiven Beatmung bei zentraler Schlafapnoe und ventilatorischem Versagen. Weitere Meilensteine auf diesem Gebiet waren die Entwicklung von Unterkieferprotrusionsschienen und der Atemwegsstimulation zur Behandlung der obstruktiven Schlafapnoe. In keinem anderen Gebiet der Medizin ist die Telemedizin auf einem so hohen Stand, wie bei der PAP-Behandlung. Auch dazu konnten wir in den letzten Jahren beitragen.           

Seit Oktober diesen Jahres sind Sie pensioniert. Was haben Sie jetzt vor?

Prof. Teschler: Neben mehr Zeit für Hobbies wie das Fotografieren und die klassische Musik übernehme ich gemeinsam mit Professor Fitze von der Charité den Vorsitz der Deutschen Stiftung Schlaf und werde einen Beitrag zur Verbesserung der pneumologischen und schlafmedizinischen Versorgung mit Hilfe der Telemedizin und einer technischen Weiterentwicklung leisten, an der ich nun seit mehr als einem Jahr forsche.     
Wir freuen uns nicht nur, dass Sie damals den Weg in die Medizin gefunden und so wertvolle Entwicklungen in der Schlafforschung angestossen haben! Auch sind wir weiterhin sehr gespannt, welche Innovationen folgen, die Sie in Angriff genommen haben! Vielen Dank für das Gespräch. 
 Wollen Sie mehr über Professor Teschler erfahren oder eine Zweitmeinung einholen, dann besuchen Sie sein Arztprofil im Leading Medicine Guide und kontaktieren Sie ihn noch heute. Erhalten Sie ausserdem mehr Informationen über seinen Nachfolger, Professor Taube, der an der Universität Essen-Duisburg das Fach der Pneumologie lehrt und neuer Chefarzt für diesen Bereich an der Ruhrlandklinik ist.  Bildquelle: © peshkova, © Gorodenkoff, © Ivan Traimak, © Bakulov ,© RioPatuca Images, © detailblick-foto, © pathdoc - fotolia.com