Experteninterviews

Gefangen in der virtuellen Welt. Internet- und Computerspielsucht. Surfen, chatten, Online-Spiele: Das Internet ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Doch einige Menschen driften ab in die virtuelle Welt – und werden süchtig nach dem World Wide Web. Es ist eine irreale Welt, in der sie versinken, und manchmal wird die reale Welt regelrecht ausgeblendet. Die Folgen können im Zweifelsfall dramatisch werden. Manche Spielsüchtige verlassen kaum noch das Haus, werden schüchtern im Umgang mit „echten“ Menschen, vernachlässigen sich und die Arbeit, und schnell verläuft das Leben in einer Negativspirale nach unten.

Bert te Wildt

Wir hatten Gelegenheit mit Priv.-Doz. Dr. Bert te Wildt aus der Psychosomatischen Klinik – Kloster Diessen am Ammersee zu sprechen. Dr. te Wildt ist dort Chefarzt und Facharzt für Psychiatrie und Psychosomatische Medizin, der sich unter anderem auf Störungen der Impulskontrolle wie Internetabhängigkeit, Kaufsucht und Binge-Eating-Störung spezialisiert hat.

Herr Dr. Bert te Wildt, trotz der Kritik vieler Wissenschaftler hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Computerspielsucht in diesem Jahr als eigenständige Krankheit anerkannt. Im Katalog der Krankheiten (ICD-11) steht exzessives Online-Spielen unter anderen Suchtkrankheiten wie Glücksspielsucht. Sehen Sie Gefahren in der Krankheitseinstufung?

PD Dr. te Wildt: Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Internetsucht in Wissenschaft und klinischer Praxis, vor allem mit seiner häufigsten Variante, der Online-Computerspielsucht. Aber ich muss immer wieder zu meiner Überraschung feststellen, wie viele Menschen, gerade auch Eltern, von dieser Gefahr keine Kenntnis haben. Wie wir in einer eigenen Studie mit knapp tausend Besuchern der Messe Gamescom feststellen konnten, scheint die überwiegende Zahl der Gamer durchaus ein Bewusstsein für die Suchtgefahr zu haben und von Ärzten und Wissenschaftlern wie mir gar nicht angegriffen und stigmatisiert zu fühlen. Aufgrund von einer überwältigenden Zahl von Studien besteht eine hochgradige Evidenz. Für die überfällige Anerkennung haben wir hart gearbeitet und gekämpft. Sie ist längst überfällig. Gefahren sehe ich keine. Wir wollen Computerspiele ja nicht verteufeln und verbieten.

Internetberatung


Seit wann gibt es das Internet? 

Wer hat´s erfunden? Man streitet sich natürlich, wer damals die zündende Idee hatte und somit den Vorläufer des Internets entwickelte. War es vielleicht die Sowjetunion, nachdem sie 1957 den ersten Satelliten (Sputnik) ins Weltall schossen oder doch das US-amerikanische Militär, das 1960 begann mit einem vernetzen Grossrechner zu arbeiten. So oder so bemühte man sich auf beiden Seiten – während des Kalten Krieges – ein Netzwerk zu schaffen, dass eine überregionale Kommunikationsebene ermöglichte. Das World Wide Web (seit 1991 offiziell weltweit verfügbar) steht für Weltweites Netz und schaut inzwischen auf eine fast 30 jährige Geschichte zurück. Heute nutzt jeder neunte Weltbürger das Internet, welches von Jahr zu Jahr schneller, umfangreicher aber auch immer komplizierter wird. 


Sehen Sie als Arzt und Psychotherapeut nicht eine Gefahr darin, dass tiefer liegende Probleme wie Depressionen oder Angststörungen durch die Diagnose Internet- bzw. Computerspielsucht untergehen und nicht behandelt werden? 

PD Dr. te Wildt: Depressionen und Angststörungen sind häufige Begleiterkrankungen, nicht nur von Verhaltenssüchten, sondern auch von substanzgebundenen Suchterkrankungen. Sie können sowohl Auslöser als auch Folgen der Abhängigkeit von digitalen Medien sein, was sich in gegenseitiger Verstärkung zum typischen Teufelskreis der Sucht führen kann. Die Konflikte und Störungen, die zur Abhängigkeitsentwicklung beigetragen haben, mit zu behandeln gehört immer zu einer qualifizierten Suchttherapie. Das umfassende Behandlungskonzept von psychosomatischen Kliniken wie der unsrigen ist dafür besonders geeignet. 

“Allein die Dosis ist noch kein ausreichendes Indiz für Spielsucht. Dazu gehört Kontrollverlust hinsichtlich Nutzung, eigener Körper, soziale Beziehungen, Leistung in Schule, Ausbildung und Beruf”

Computersucht

Wer gilt für Sie als computerspielsüchtig?

PD Dr. te Wildt: Allein die Dosis, also die Zeit, die jemand mit Computerspielen verbringt, ist noch kein ausreichendes Indiz dafür, ob jemand wirklich süchtig ist. Patienten, die mehr als 12 Stunden am Tag spielen, was gar nicht so selten ist, erfüllen aber in der Regel die Kriterien für eine Sucht. Dazu gehören verschiedene Anzeichen des Kontrollverlusts über die Computerspielnutzung, negative Folgen hinsichtlich des Umgangs mit dem eigenen Körper, sozialen Beziehungen und den Leistungen in Schule, Ausbildung und Beruf. Wenn dann trotz dieser negativen Folgen und wegen der damit einhergehenden Frustrationen weiter oder noch mehr gespielt wird, dann ist der Betroffene in den Teufelskreis eingetreten. 

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Internetsucht und Essstörungen?

PD Dr. te Wildt: Internetsucht geht nicht selten mit einer Vernachlässigung wichtiger körperlicher Bedürfnisse einher. Eine Umkehrung des Schlaf-Wach-RhythmusHaltungsstörungenBewegungsmangel und Fehlernährung können zu nachhaltigen orthopädischen und vegetativen Problemen führen. Manche Patienten vergessen das Essen beim Spielen und sind unterernährt. Häufiger leiden die Patienten aber an Übergewicht, weil sie sich nicht bewegen und vor dem Rechner permanent nebenher hochkalorische Softdrinks und Snacks konsumieren. Manche weisen auch ein suchtartiges Ernährungsverhalten wie das Binge-Eating auf. Auch die Binge-Eating-Störung findet gerade erst Anerkennung in der Medizin und wird in unserer Klinik im Rahmen eines spezifischen Programms behandelt.

Essen am Computer

Woran erkenne ich bei Familienmitgliedern, Freunden oder Kollegen eine mögliche Internet- und Computerspielsucht sonst noch?

PD Dr. te Wildt: Wichtig ist es zu wissen, dass auch Internetsüchtige dazu neigen, sich selbst und ihren Angehörigen vormachen, sie hätten kein Problem, manchmal auch dafür zu lügen. Auch wenn es schwer fällt, es ist wichtig, dass nicht allzu persönlich zu nehmen, sondern als Symptom zu verstehen. Wenn sich jemand also unter fadenscheinigen Vorwänden immer wieder und immer weiter zurückzieht, sich nicht in seine „digitalen Karten“ schauen lässt und zunehmend das Interesse dafür verliert, was und wer ihm eigentlich einmal wichtig war, dann ist es höchste Zeit Alarm zu schlagen. Bei Verdacht auf ein Suchtverhalten gilt auch hier: behutsam und empathisch seine Sorgen zum Ausdruck zu bringen und Hilfe anbieten. Wer die Augen verschliesst, wird im Zweifelsfall zum Co-Abhängigen. 

Beratung

Welche Behandlungsmethoden erachten Sie als sinnvoll, und was für einen Behandlungszeitraum muss man sich vorstellen?

PD Dr. te Wildt: Internet- und Computerspielsucht entwickelt sich zumeist über einen Zeitraum von mehreren Jahren, weshalb auch die Behandlung Zeit und Geduld erfordert. Bislang sind es noch nicht viele Ambulanzen und Suchberatungsstellen, die in Deutschland verhaltenstherapeutische Gruppenangebote anbieten, die sich in Studien als hilfreich erwiesen haben. Manchmal bedarf es aber auch einer stationärer psychotherapeutischen Behandlung, im Rahmen derer häufig eine Kombination aus suchtspezifischen verhaltenstherapeutischen Ansätzen und tiefenpsychologischen Elementen zur Behandlung der Begleiterkrankungen zur Anwendung kommt. Ziel ist tatsächlich die Abstinenz von denjenigen Internetinhalten, die in die Sucht geführt haben, also insbesondere von Computerspielen oder von Online-Sexangeboten. Aber eine Behandlung, in der es immer nur darum geht, was die Patienten nicht mehr tun sollten, ist aussichtslos. Es geht vor allem darum, Lust auf das analoge Leben zu machen, die Welt da draussen und die Herzen von echten Menschen unmittelbar, mit allen Sinnen und vollem Körpereinsatz zu erobern. Der realen Welt Adrenalinkicks und Glücksmomente abzugewinnen, dafür bietet die reichhaltige Kultur und Natur im und um unsere Klinik am Ammersee beste Voraussetzungen. 

Sehr geehrter Herr Dr. te Wildt – herzlichen Dank für Ihre Zeit! 

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