Experteninterviews

Experteninterview mit Primarius (Chefarzt) Professor Dr. med. Thomas Grünberger, Abteilungsvorstand der Chirurgischen Abteilung des Kaiser-Franz-Josef Spitals, SMZ-Süd, in Wien. 

Aus dem lateinischen Wort „viszera“, übersetzt „Eingeweide“, leitet sich der Begriff „Viszeralchirurgie“ ab. Es meint die operative Behandlung innerhalb des Bauchraums und der Bauchwand. Im Bauchraum liegen viele Organe, die lebensnotwendige Funktionen übernehmen – Leber, Milz, Gallenblase, Bauchspeicheldrüse und der gesamte Verdauungsapparat mit Magen, Dünn- und Dickdarm sowie die Speiseröhre. Bei diesen Organen bilden zum Beispiel die Leber, die Bauchspeicheldrüse und die Gallenwege mit Gallenblase eine Einheit, was die Verdauungsprozesse betrifft. So werden zugeführte Giftstoffe und Abfallprodukte des Stoffwechsels durch Leber und Galle gefiltert, wobei die Galle zusätzlich wertvolle Stoffe für die nötige Fettverdauung abgibt. Die Leber ist auch ein essenzieller Speicher für Fette, Vitamine und Zucker – und sie produziert wichtige Eiweisse für den Zellaufbau. Das macht auch die Bauchspeicheldrüse, die darüber hinaus auch den Zuckerstoffwechsel regelt. 

Eine spannende Verzahnung an Aufgaben besteht in unserem Körper

Wenn hier eine Einheit ausfällt oder in Mitleidenschaft gezogen ist, droht das funktionierende System zusammenzubrechen. Dies kann zum Beispiel bei Tumorbildungen, Entzündungen, Fehlbildungen oder akuten Verletzungen geschehen. Genau an dieser Stelle tritt der Viszeralchirurg auf und kann mittels Bauchchirurgie, aber auch mittels der operativen Behandlung von Schilddrüse, Nebenschilddrüse, Eingeweide-Einbrüchen oder Transplantationschirurgie lebenswichtige Funktionen der betroffenen Organe wiederherstellen, sodass ein beschwerdefreies Leben wieder möglich gemacht werden kann.

Grünberger

Die sogenannte Hepato-Pankreato-Biliäre Chirurgie (HPB-Chirurgie) beschreibt die Operationen an der Leber, der Bauchspeicheldrüse und den Gallenwegen bzw. der Gallenblase. Dabei werden sowohl gutartige (benigne) als auch bösartige (maligne) Erkrankungen behandelt. Mehr als 2000 Leberoperationen und über 500 Pankreasoperationen hat Primarius Professor Dr. med. Thomas Grünberger durchgeführt, Abteilungsvorstand der Chirurgischen Abteilung des Kaiser-Franz-Josef Spitals, SMZ-Süd, in Wien. Zu seinen vorrangigen Spezialgebieten gehören die Versorgung von Patienten mit Lebertumoren, Lebermetastasen, Bauchspeicheldrüsentumoren, Pankreaskarzinomen, Gallenblasenkarzinomen und Gallengangskarzinomen. Die Redaktion des Leading Medicine Guide hatte die Möglichkeit, mit Professor Dr. Thomas Grünberger über diesen so wesentlichen und spannenden Bereich der Chirurgie im Detail zu sprechen.

Onkologische Chirurgie – was ist das überhaupt?

Die Onkologische Chirurgie bildet einen der wichtigsten Schwerpunkte in der chirurgischen Tätigkeit von Professor Dr. Grünberger. Zur Erklärung des für viele vielleicht noch unverständlichen Begriffs erläutert er: „Onkologische Chirurgie betitelt die Chirurgie von bösartigen Tumoren. Zur Durchführung von Resektionen dieser Art bedarf es nicht nur des chirurgischen Wissens und technischen Könnens diese Tumore zu entfernen, sondern in ganz besonderem Masse das Tumor spezifische Verständnis. Es ist heute gesetzlich vorgeschrieben und Grundvoraussetzung zur Behandlung von Tumoren, dass man ein Krebs-spezifisches Wissen, eben die onkologische Kenntnis, in ein sogenanntes Tumorboard einbringt, in dem eine Reihe von Spezialisten aus verschiedenen Fachgebieten über die beste Therapieoption beraten und anhand von Guidelines das Vorgehen beschliessen, zu dem auch die Chirurgie gehört“. 

Das Wort Onkologie leitet sich von dem griechischen Wort ὄγκος („onkos“) für „Anschwellung“ ab und meint die Wissenschaft, die sich mit Krebs befasst.

Ein weiterer grosser Schwerpunkt von Professor Dr. Grünberger liegt in der Hepato-Pankreato-Bilären Chirurgie (HPB-Chirurgie). Darunter versteht man im Speziellen die Operationen an der Leber, der Bauchspeicheldrüse und den Gallenwegen bzw. der Gallenblase. Das Vertrackte an Krebserkrankungen bei Leber und Bauchspeicheldrüse ist, dass der Betroffene dieses körperlich erst spät bemerkt oder sogar keine relevanten Beschwerden spürt. Oftmals wird diese Krebserkrankung zufällig entdeckt, etwa bei einem Ultraschall des Bauches. Ein auffälliger Gewichtsverlust sowie ein wiederkehrendes Druckgefühl im Bauch können Anzeichen sein und sollten jeden motivieren, einen Spezialisten aufzusuchen. 

Was die Indikation betrifft, so sagt Prof. Dr. Grünberger: „Die häufigste Indikation zur Leberresektion stellen Metastasen dar, wobei zumeist Metastasen des Dickdarmkrebses die Ursache sind. Die häufigste Indikation der Tumoroperation der Gallenwege stellt das cholangiozelluläre Karzinom dar, eine bösartige Geschwulst in den Gallengängen, die zu Gelbsucht führen kann. Bei Bauchspeicheldrüsen-Operationen ist das Pankreaskopfkarzinom die häufigste Diagnose“.

Die Krux mit der Bauchspeicheldrüse

Tumorerkrankungen an der Bauchspeicheldrüse sind nach wie vor schwer zu behandeln. Pankreaskarzinome wachsen recht aggressiv und bilden sehr früh Tochtergeschwülste (Metastasen). Dennoch hat sich vieles in der Medizin getan, um auch hier erfolgreich gegensteuern zu können. „Es stimmt, dass der Bauchspeicheldrüsenkrebs leider nach wie vor in über der Hälfte der Fälle bereits im metastasierten oder lokal inoperablen Stadium diagnostiziert wird; dadurch ist hier keine chirurgische Entfernung mehr zielführend“, erklärt Prof. Dr. Grünberger, ergänzt aber optimistisch: „Die systemischen Therapieoptionen haben sich aber in den letzten Jahren beeindruckend verbessert, wodurch das Überleben deutlich verlängert werden konnte und eine sogenannte sekundäre Resektion angestrebt werden kann. Dadurch und auch durch die verbesserte Therapie nach einer Operation.“

Ein bösartiger, also maligner Befund in der Bauchspeicheldrüse kann potenziell heilend nur durch eine operative Entfernung oder Teilentfernung behandelt werden. Meist muss eine Chemo- und Strahlentherapie als unterstützende Funktion hinzugezogen werden. „Die Entfernung der gesamten Bauchspeicheldrüse ist in wenigen Fällen notwendig“, entgegnet Prof. Dr. Grünberger, „aber bei onkologischer oder chirurgisch-technischer Notwendigkeit ist ein normales Leben ohne Bauchspeicheldrüse inklusive guter Verdauung möglich. Die Verdauungsenzyme der Bauchspeicheldrüse werden in einem solchen Fall durch Tabletten ersetzt, und es wird Insulin zur Aufrechterhaltung eines adäquaten Blutzuckerspiegels gespritzt“, führt er weiter aus.

Eine der wichtigsten Funktionen der Bauchspeicheldrüse ist neben der Produktion von Verdauungssäften die Produktion des Hormons Insulin, das direkt ins Blut abgegeben wird. Insulin ist wichtig für die Blutzuckerregulierung und für den Transport von Zucker in die Blutbahn erforderlich. Nur im Blut kann Zucker dann für die Energiegewinnung verbrannt werden.

Die Leber – ein Wunderorgan?

Bei dem Organ Leber denken bei Erkrankungen viele an die sogenannte Fettleber. Diese kann sich etwa durch regelmässigen und erhöhten Alkoholkonsum und durch einen allgemein ungesunden Lebensstil bilden. Eine Leber hat aber auch die Fähigkeit, sich zu regenerieren. Das Ausmass einer Leberzellverfettung lässt sich nur durch eine Untersuchung einer Gewebeprobe feststellen (Leberbiopsie). „Eine gesunde Ernährung und körperliche Fitness sind die besten Garanten für die Prävention einer Leberverfettung oder Bauchspeicheldrüsenentzündung. Sollte eines oder beides bereits eingetreten sein, ist durch diätologische Massnahmen und Sport eine Verbesserung der Funktionalität wiederherzustellen“, erklärt Prof. Dr. Grünberger.

Ca. 20% der Bevölkerung in Deutschland erkranken an einer Fettleber (Steatosis hepatis), wobei in erster Linie Vierzig- bis Schzigjährige betroffen sind.

Erstaunlich ist, dass die Leber die Fähigkeit hat, sich zu regenerieren. Das müsste ja bedeuten, dass im Falle eines Tumorbefalls der Leber grosszügige Areale einfach herausgenommen werden könnten und diese dann natürlich nachwachsen – oder? „Die Leber hat in besonderem Masse die Möglichkeit der Regeneration und der sogenannten Hypertrophie nach grossen Resektionen. Der verbliebene Leberanteil wächst binnen sechs Wochen rapide und gewährleistet die präoperative Funktion. Voraussetzung für diese Regeneration ist aber eine gesunde zugrundeliegende Restleber“, klärt Prof. Dr. Grünberger auf. Es ist also beileibe nicht so, dass die Leber sich auf alle Zeiten immer wieder neu bilden kann.

„Da kommt mir die Galle hoch!“

Die Redensarten „Da kommt mir die Galle hoch!“ oder auch „Gift und Galle spucken“ kommen nicht von ungefähr. Denn es kann in der Tat passieren, dass die gelb-grünliche Gallenflüssigkeit nicht von der Leber über den Zwölffingerdarm ausgeschieden wird, sondern über die Speiseröhre in den Mund gelangt. Zugrunde liegt dann aber eine Erkrankung und nicht eine Missstimmung oder Stress, wie fälschlicherweise oft vermutet wird. 

Ein Gallenstein oder eine Gallenblasenentzündung etwa kann die Ursache sein. Symptome für Gallenprobleme sind oftmals dunkelbrauner Urin oder eine Gelbfärbung der Augen und Haut. „Neben seltenen erblichen Erkrankungen ist die Gallenblasenentzündung (Cholezystolithiasis) eine klassische Wohlstandserkrankung, die durch Übergewicht und fettreiches Essen provoziert wird“, äussert Prof. Dr. Grünberger. 

Ernährungstipps für eine gesunde Galle

Versuchen Sie auf fettreiche Lebensmittel wie Fleisch, Wurst, Käse und Sahne zu verzichten. Auch blähende Nahrungsmittel wie Kohlsorten und Hülsenfrüchte sollten nur in Massen gegessen werden. Scharfe Gewürze, Schokolade und schwefelhaltige Konservierungsstoffe (mit denen z.B. Erdnüsse und Mandeln haltbar gemacht werden) sollten ebenfalls nur in kleinen Mengen gegessen werden. Eine ausgewogene ballaststoffreiche Kost mit Blick auf das Cholesterin und die Vermeidung tierischer Fette ist in jedem Fall sinnvoll!

Sind die Gallenwege so sehr erkrankt, dass sich ein Karzinom gebildet hat, so muss die gesamte Gallenblase entfernt werden. „Das Gallenblasenkarzinom tritt in zwei Erscheinungsformen auf: Erstens als Zufallsbefund in der feingeweblichen Aufarbeitung der Gallenblase nach Entfernung wegen Steinen. Dabei ist eine Notwendigkeit der Nachresektion abhängig vom Tumorstadium. Und zweitens als Zufallsbefund bei rechtem Oberbauchschmerz (dann meist bereits im fortgeschrittenen Stadium). Das Ausmass der Resektion (mit umgebenden Strukturen wie Leber, Zwölffingerdarm, Dickdarm, Gallengang) bestimmt die Schwierigkeit des Eingriffs. 

Ohne Gallenblase kann man übrigens ohne Probleme leben, da die Gallenflüssigkeit in der Leber gebildet wird und über den Gallengang in den Zwölffingerdarm fliesst, um dort bei der Verdauung zu helfen; die Gallenblase stellt lediglich ein Reservoir für zu viel produzierte Galle dar“, verdeutlicht Prof. Dr. Grünberger.

Die Entschlossenheit, Krebs in Bauchspeicheldrüse, Leber und Galle zu heilen, ist hoch.

Gerade auf dem Gebiet der Viszeralchirurgie sieht sich der Chirurg vor besondere Herausforderungen gestellt, da eine Vielzahl an Erkrankungen auftreten können. Die Operationstechniken haben sich bis zum heutigen Tage rasant entwickelt, sodass viele Operationen zum Beispiel auch minimal-invasiv durchgeführt werden können. Das heisst, die Operationen laufen besonders gewebeschonend mit einem Minimum an Blutverlust. Therapeutische Massnahmen können immer individueller auf den Patienten abgestimmt werden, und die interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie der kontinuierliche medizinische Fortschritt zeigen sich in den Behandlungserfolgen. 

Als Facharzt für Chirurgie und Zusatzfacharzt für Viszeralchirurgie geniesst der Spezialist für Tumoren der Leber, des Pankreas und der Gallenwege bzw. Gallenblase einen hervorragenden Ruf im Bereich der Viszeralchirurgie in Wien. „Ich komme aus einer Arztfamilie, daher war die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Medizin und deren Facetten schon als Kind begeisternd. Eine Reihe von besonderen onkologischen Krankheitsverläufen stimuliert mein Engagement tagtäglich aufs Neue und lässt mich erst ruhen, wenn wir imstande sind, zumindest die HPB-Tumore zu heilen“, erläutert Prof. Grünberger abschliessend, der auch neugierig in die Zukunft der Medizin schaut: „Die Medizin wandelt sich von der Krankheitsspezialisierung zur individuellen patientenspezifischen Therapieabfolge und zur Zusammensetzung basierend auf molekularen Markern, die wir beständig neu erforschen. Das Wichtigste in der chirurgischen Onkologie ist ‘das über den Tellerrand schauen‘. Man kann von anderen Fachärzten in jedem Tumorboard etwas Neues lernen“ äussert der hochmotivierte Spezialist.

Neben seiner klinischen Tätigkeit am SMZ-Süd ist Prof. Dr. Thomas Grünberger auch als Mitglied in der Österreichischen Gesellschaft für chirurgische Onkologie (ASSO) und als Mitglied der European Society of Surgical Oncology (ESSO) aktiv sowie Mitglied zahlreicher anderer Fachgesellschaften. Darüber hinaus bildet er angehende Mediziner und Krankenpflegekräfte aus und ist gefragter Referent im In- und Ausland. Prof. Grünberger leistet auf dem Gebiet der Onkologie intensive Forschungsarbeit, die sich in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen niederschlägt. Zusätzlich leitet Prof. Dr. Grünberger den Lehrstuhl für HPB-Chirurgie an der Sigmund-Freud Privatuniversität in Wien.