ERAS, ein ganzheitliches Behandlungskonzept – Interviewbericht mit Prof. Dr. Robert Rosenberg

01.01.2000

Enhanced Recovery After Surgery (kurz: ERAS) ist ein Behandlungskonzept für Patientinnen und Patienten, die sich einem grösseren chirurgischen Eingriff unterziehen müssen. Mittlerweile gilt dieser ganzheitliche Ansatz als Standard. Was bedeutet das aber in der Praxis? Prof. Dr. med. Robert Rosenberg, Chefarzt für Viszeralchirurgie und Leiter des renommierten Darmkrebszentrum am Kantonsspital Baselland, berichtet von der Einführung von ERAS in seiner eigenen Klinik.

Eras7.jpg

Bereits seit Jahren wird am Kantonsspital Baselland der ERAS (Enhanced Recovery After Surgery)-Standard angewandt. Dabei sind Ablauf und Behandlungspfad genau definiert und werden bei möglichst allen Patientinnen und Patienten umgesetzt.

Schneller Weg zur Selbstständigkeit

Bei der ERAS-Therapie geht es im Wesentlichen darum, nach einer Operation möglichst schnell wieder den Normalzustand herzustellen. Früher lagen die Patientinnen und Patienten bis zu 14 Tage im Bett, waren an Schläuche angehängt, konnten nicht aufstehen und kaum selbstständig essen. Heute ist es genau umgekehrt: Die rasche und vollständige Genesung der Patientinnen und Patienten steht im Vordergrund.

Prof. Dr. Rosenberg betont: „Wir wollen das körperliche Gleichgewicht rund um die Operation so wenig wie möglich stören und eine schnelle Erholung der Patientinnen und Patienten erreichen. Dadurch kommt es auch zu weniger Komplikationen und kürzeren Krankenhausaufenthalten.“

Dabei laufen die Patientinnen und Patienten einen vorab definierten Behandlungspfad ab. Konkret bedeutet das, dass bereits in der ersten Sprechstunde eine Broschüre übergeben wird, die erklärt, was nun genau auf sie zukommt. Die Patientinnen und Patienten sollen verstehen, was während der Operation und an jedem einzelnen Tag danach passiert. Es gibt Vorgaben und Zielsetzungen für jeden postoperativen Tag, die die Patientinnen und Patienten kennen sollen. Gerade für das Erwartungsmanagement ist es auch wichtig für die Patientinnen und Patienten zu wissen, an welchem Tag sie entlassen werden, erklärt Prof. Dr. Rosenberg.

Die ERAS-Nurse als individuelle Ansprechpartnerin

„In unserem Team haben wir eine eigene ERAS-Nurse, also eine Krankenschwester, die nur für die Betreuung der ERAS-Patientinnen und -Patienten da ist. Sie bespricht tagtäglich mit ihnen ihren Fortschritt, was erreicht wurde und welche Ziele in nächster Zeit anstehen und steht auch noch nach der Entlassung als Ansprechpartnerin zur Verfügung“, so Prof. Dr. Rosenberg zur Umsetzung des ERAS-Standards in seiner Klinik.

Eras2.jpg

Ein Ablauf nach Mass

Im Kantonsspital Baselland nehmen die Patientinnen und Patienten noch zwei Stunden vor der Operation eine kohlenhydratreiche Mahlzeit zu sich. Schonendes Abführen und möglichst keine Einnahme von Opiaten, also Schmerzmitteln, sind weitere Bestandteile des ERAS-Standards. Letztlich sind alle Schritte miteinander verbunden: Wenn bereits besonders schonend operiert wird, haben die Patientinnen und Patienten nach der Operation auch weniger Schmerzen, was wiederum heisst sie können früher und leichter aus dem Bett aufstehen, erholten sich schneller und können auch früher entlassen werden. In der Regel stehen sie bereits am Abend der Operation wieder auf und erhalten eine erste, leichte Mahlzeit. Am ersten Tag nach der Operation ist die Zielvorgabe insgesamt sechs Stunden ausserhalb des Betts zu verbringen, was in den nächsten Tagen noch gesteigert wird. Wie Klinikleiter Prof. Dr. Rosenberg betont, misst das Kantonsspital Baselland akribisch, wie viele ihrer Patientinnen und Patienten die Zielvorgaben auch tatsächlich erreichen:

„Unser Ziel war es, dass 75% dieser Zielvorgaben erreicht werden, im letzten Quartal lagen wir bei einer Zielerreichung von 84%, da sind wir stolz drauf“, berichtet Chefarzt Prof. Dr. Rosenberg.

Dennoch funktioniert ERAS nicht bei allen Patientinnen und Patienten, manchmal braucht es dann etwas mehr Geduld. Bei der überwiegenden Mehrheit ist es aber hervorragend anwendbar: „Manchmal hatte ich bei einzelnen Patienten und Patientinnen das Gefühl, dass wir sie gar nicht operiert haben – so schnell haben sie sich erholt!“, resümiert Prof. Dr. Rosenberg.

Kosten und Nutzen des ERAS-Konzepts

ERAS liefert zwar hervorragende Ergebnisse, bedeutet für die umsetzende Klinik aber gleichzeitig einen hohen Aufwand in der Implementierung, Überwachung und Dokumentation. Die meisten Kliniken in Europa wenden ERAS in der Darmchirurgie bzw. Dickdarmchirurgie an, denn da kann man durch die Anwendung rund um Essen, Trinken und schonende Abführen die einfachsten Erfolge erreichen. Aufwand und Nutzen stehen hier also in einem gesunden Verhältnis. Teilbausteine des ERAS-Standards sind allerdings auch in der Übergewichtschirurgie (bariatrischen Chirurgie) und in der Thoraxchirugie, bei Lungenoperationen, enthalten.

Die Einführung der ERAS-Therapie im Kantonsspital Baselland war ein richtiges Projekt: „Zuerst gab es ein Kickoff-Meeting, da haben wir uns mit allen relevanten Parteien getroffen, also Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Abteilungen der Physiotherapie und der Ernährungsberatung etc. Wir haben alle ins Boot geholt und uns darauf verständigt, dass wir das nun machen wollen. Dieses gemeinsame Commitment, die Verbindlichkeit war ganz wichtig.“

Anschliessend hat sich das Team um Prof. Dr. Rosenberg die Umsetzung des ERAS-Standards in einer anderen Klinik angesehen. Zudem gibt es einen internationalen Zusammenschluss von ERAS-Kliniken, wo interessierte Kliniken weiterführende Informationen und Literaturempfehlungen erhalten.

Eras1.jpg

Die Umsetzung ist immer ein Teamwork

Wenn es um die Umsetzung von ERAS geht, kommt eine der wichtigsten Aufgaben im Kantonsspital Baselland der zuständigen ERAS-Nurse zu. Sie koordiniert Prozesse und Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Parteien und sorgt dafür, dass die Standards eingehalten werden. Gleichzeitig gibt es eine ständige Evaluierung:

„Nach wie vor trifft sich das Team alle zwei Wochen und bespricht was gut läuft und wo eventuell Verbesserungsbedarf besteht. Das ist auch ein ganz wichtiger Aspekt – sich immer weiter verbessern zu wollen“, erklärt Prof. Dr. Rosenberg. „Gerade dafür ist es unerlässlich die eigenen Daten zu kennen. Nur so können wir unsere Qualität gewährleisten und stetig weiterentwickeln.“

eras4.jpg

Prof. Dr. med. Robert Rosenberg FACS, EMBA ist ein hochspezialisierter Tumor- und Viszeralchirurg, der als Chefarzt für Viszeralchirurgie auch das renommierte Darmkrebszentrum am Kantonsspital Basel leitet. Als zertifizierter Senior-Darmoperateur verfügt er über einen internationalen Ruf mit herausragender diagnostischer und therapeutischer Expertise. Das Chirurgie-Team bietet Ihnen in Liestal das gesamte Spektrum der Viszeralchirurgie in offener, laparoskopischer (minimal-invasiver / Schlüssellochtechnologie) sowie Roboter-assistierter Operationstechnik (Da-Vinci-Roboter) an. Mehr über das Kantonsspital Baselland Standort Liestal und Professor Rosenberg erfahren Sie auf der Profilseite im Leading Medicine Guide.

Whatsapp Twitter Facebook VKontakte YouTube E-Mail Print