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Alles fließt: Gefäßchirurg Wail Al Ahmad im Gespräch

Wail Al Ahmad, Sektionsleiter und Leitender Oberarzt der Gefässchirurgie im Klinikum Kitzinger Land im Gespräch:

Panta Rhei – alles fliesst! Gefässchirurgie unter der Lupe


Unser gesamter Körper ist mit Blutgefässen in einem gigantischen Ader-Netz von Venen und Arterien durchzogen. Pro Minute wird dank der Kraft unseres Herzens das gesamte Blut des Körpers durch die Adern gepumpt. Würde man alle Adern aneinanderreihen, würde dies eine Länge von ca. 100.000 Kilometer ausmachen, was einer mehr als doppelten Erdumrundung entspricht. Ohne unser Gefässsystem, unseren Blutkreislauf, könnten die Organe, die Knochen, die Haut und die Muskeln nicht mit den nötigen Nährstoffen und Sauerstoff versorgt werden.

Sobald aber innerhalb dieses Systems Störungen in Form von Abnutzung oder Verkalkung auftreten, wird diese lebensnotwendige Versorgung gefährdet. Das Infarkt- und Schlaganfallrisiko steigt. Ablagerungen oder Verkalkungen in den Blutgefässen können aber auch repariert werden.

Ein Interviewbericht von Alexandra Pfitzmann

Der Gefässchirurg und Endovaskuläre Chirurg Wail Al Ahmad ist seit Juli 2019 neuer Sektionsleiter und Leitender Oberarzt für die Gefässchirurgie im renommierten Klinikum Kitzinger Land in der Nähe der historischen Universitätsstadt Würzburg – in der Region Unterfranken, in der er auch aufgewachsen ist. Die Redaktion des Leading Medicine Guide hatte Gelegenheit, mit dem Gefässspezialisten über das filigrane System unserer Gefässe zu sprechen. Ganz nach dem Motto „alles fliesst“ …

Grundsätzlich unterscheiden sich die Blutbahnen in der Richtung, in die sie fliessen. Venen führen sauerstoffarmes Blut aus Organen, Muskeln und Gewebe zum Herzen hin, Arterien transportieren sauerstoffreiches Blut vom Herzen weg. Venen haben dabei Klappen, damit das Blut das Herz auch erreicht und nicht entgegengesetzt wieder abfliesst. Die elastischeren Arterien benötigen keine Klappen, da das Blut bereits durch das Pumpen des Herzens entsprechend gelenkt wird.

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Generell ist es mein persönliches Anliegen, jede Operation möglichst zu vermeiden“, erklärt Wail Al Ahmad ganz zu Beginn des Gesprächs. „Wenn ein Patient mit Beschwerden zu mir kommt, dann hinterfrage ich zunächst, wo genau seine Beschwerden liegen, ob in den Arterien, den Venen oder den Lymphen. Krampfadern oder Besenreiser sind hierbei natürlich sichtbare Folgen einer schlechten Durchblutung. Mittels bildgebender Diagnose wie Ultraschall, oft auch mit einer Gefässdarstellung im Röntgen (Angiographie) oder einer Computertomographie (CT) sowie durch Tastuntersuchungen erfolgt dann die klinische Analyse“, erläutert Al Ahmad. 

Entgegen des häufigen Glaubens, dass Krampfadern, knotig erweiterte Venen an den Beinen, vor allem bei starken Rauchern auftreten, sei gesagt, dass Krampfadern rein anlagebedingt entstehen und eine unheilbare Erkrankung darstellen. Wail Al Ahmad entfernt auch Krampfadern, und oftmals hat der Patient dann auch gut zehn Jahre Ruhe. Er weiss wie es am besten geht – denn wichtig ist, dass die Seitenäste der Krampfadern freigelegt werden, sonst kehren die Krampfadern nämlich schneller zurück. Das regelmässige Tragen von Stützstrümpfen kann den Prozess ebenfalls ein wenig aufhalten.

Periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK)

Zu den häufigsten Gefässerkrankungen gehört die sogenannte periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK), auch Schaufensterkrankheit genannt. Es handelt sich um Gefässverschlüsse oder um Aussackungen in einer oder in mehreren Arterien, was zu starken Schmerzen führen kann, sodass es den Betroffenen zwingt, beim Laufen öfter stehen zu bleiben. Aus Schamgefühl bleiben viele Erkrankte vor Schaufenstern stehen, um ihr Problem zu kaschieren.

Die Verschlüsse der Gefässe entstehen oftmals durch Thromben, Blutgerinnsel in den Gefässen. „Hier gilt es, diese Wege wieder frei zu bekommen“, sagt Al Ahmad. „Viele Eingriffe lassen sich minimal-invasiv durchführen, also ohne offene Operation und längere Rehabilitationszeit und Narbenbildung. Auch die Vollnarkose entfällt natürlich durch diese schonende Behandlungsmethode“, beruhigt er.

Gefässverschlüsse können auch durch Arteriosklerose (Kalkablagerungen in den Blutgefässen, die zu Verengungen führen), koronare Herzerkrankungen und nach Operationen und Herzinfarkten entstehen. „Bluthochdruck ist zudem ein weit verbreitetes Problem in unserer Gesellschaft. Dieser birgt ein hohes Risiko für den normalen Blutfluss und muss dringend behandelt werden“, empfiehlt Wail Al Ahmad. Denn wenn auf den Arterien ein dauerhaft hoher Blutdruck liegt, können diese geschädigt werden, wodurch sich Aneurysmen bilden können – also Aussackungen. Das bedeutet konkret, dass die Gefässwand der Arterie dem erhöhten Druck nicht mehr standhalten kann.

Mit und ohne Operation – es gibt mehrere Möglichkeiten

Wail Al Ahmad versucht in seinen Behandlungen aber immer, eine Operation zu umgehen. „Wenn Blutgefässe durch Kalkablagerungen bereits sehr eingeengt sind, können sie mit einer Katheterbehandlung mit Aufdehnung behandelt werden“, erklärt er und führt weiter aus: „Ein grosses Risiko bei Kalkablagerungen ist, dass diese zu Entzündungen an der Gefässwand führen können und die Gefässwand unelastisch und brüchig wird. Dies begünstigt die Entstehung eines Blutpfropfens, eines Thrombus“.

Nicht immer ist die Operation zu vermeiden. „Gerne führe ich kombinierte Operationen durch, sogenannte Hybrid-Operationen, also eine Kombination von offener Operation und Endovaskulärer Operation. Endovaskulär bedeutet ‘von innen heraus‘. Das heisst also, dass das betroffene Gefäss an einer gut zu erreichenden Stelle, zum Beispiel der Leiste, punktiert und über einen Katheter von innen heraus mit einem Ballon aufgedehnt wird“, berichtet Al Ahmad positiv.

Er erinnert sich an eine besonders gut geglückte Behandlung: „Eine sehr junge Frau, die in der Beckenachse einen Langstreckenverschluss hatte, war Patientin bei mir. Wir strebten eine Punktion an, also eine Behandlung ohne offene Operation, was in diesem Fall ein heikles Unterfangen war. Aber unsere Hartnäckigkeit wurde belohnt. Bei der Behandlung konnten Drähte mit und ohne Krümmung verwendet werden, und es gelang, das Gefäss wieder zu öffnen! Die Patientin konnte schon am nächsten Tag wieder nach Hause gehen. Ihr ist ein Schnitt im Unterbauch sowie eine erschwerte Rehabilitation erspart geblieben“, erzählt Al Ahmad ganz begeistert.

Das besondere Geschenk

Der Spezialist hat eine ganz eigene Tradition für seine Patienten entwickelt, die als Denkanstoss fungieren soll: „Meine Patienten bekommen nach einer Behandlung, ob konservativ oder operativ, ein Andenken von mir mit nach Hause. Die herausgeschälten Ablagerungen eines Patienten gebe ich diesem nach der Behandlung in einem mit Formalin angereichertem Röhrchen mit. Dann kann sich der Betroffene überlegen, ob zum Beispiel das Nichtrauchen nicht doch die bessere Option ist, um die Gefässe künftig zu schützen“, erzählt er mit einem Schmunzeln. „Es gab schon viele Patienten, die dadurch noch motivierter waren, ihren Lebensstil zugunsten der Gesundheit zu verändern!“ 

„Schalten Sie die Risikofaktoren aus!“Download 18.42.38.jpeg

Leider sind Gefässkrankheiten weit verbreitet, die neben erblich bedingten Veranlagungen auch durch eine ungesunde Lebensweise provoziert werden. „Am besten ist es natürlich, alle Risikofaktoren auszuschalten“, mahnt Al Ahmad und meint natürlich die Klassiker wie Rauchen, zu hohen Alkoholkonsum, zu fette Ernährung und mangelnde Bewegung.

Eine neue Studie aus Wiesbaden hat belegt, dass bereits eine einzige Zigarette am Tag zu Veränderungen in der Durchblutung führen kann. Frauen sind hierbei übrigens Männern gegenüber benachteiligt und werden durch Zigarettenkonsum mehr geschädigt“, erklärt er. „Wer sich zum Beispiel entschliesst, mit dem Rauchen aufzuhören, hat bereits nach nur einem Jahr wieder die gewünschten Normalwerte“, motiviert der Gefässspezialist, der auch dazu animiert, sich gesünder zu ernähren: Verzichten Sie weitestgehend auf tierische Fette! Auch ein zu hoher Cholesterinspiegel wirkt sich negativ auf die Durchblutung aus. Es können sich Ablagerungen bilden, und das Blut kann nicht mehr ungehindert fliessen“, erläutert Al Ahmad weiter.

Prinzipiell trifft also auch hier zu: alles in Massen. Die sogenannte Mittelmeer-Ernährung mit viel kaltgepresstem und nativem Olivenöl, wenig Fleisch, viel Gemüse und ab und zu Fisch und Obst hat sich als das gesunde Mittelmass gezeigt. Also: Sie müssen nicht auf alles verzichten, aber eben auch nicht jeden Tag Fleisch konsumieren. Auch Vollmilch mit einem Fettanteil von 3,5% zählt zu den tierischen Fetten, und beim Konsum von Eiern ist es eher das Eigelb, das im Zweifelsfall auf das Negativkonto des Cholesterinspiegels fällt. Aber hier scheiden sich tatsächlich die Geister.

Regelmässige Bewegung allerdings unterstützt in jedem Fall den Blutkreislauf und hält fit. Gehen Sie regelmässig spazieren oder schwimmen – Hauptsache, Sie betätigen sich körperlich!

Der Wunschgedanke für die Zukunft

Wenn es nach Wail Al Ahmad geht, dessen Berufswunsch immer der des Arztes war, so sollte die Technik noch weiter erforscht und in den Klinikalltag eingebracht werden. „Bei Roboter-assistierten Operationen erhoffe ich mir noch mehr vom Fortschritt. Denn mit der Roboter-Technik können komplizierte Befunde auch digital berechnet werden, und eine Gefässnavigierung wäre möglich“, berichtet Al Ahmad richtungsweisend in die Zukunft. „Der Mensch aber, der bleibt im Vordergrund“, schliesst er zufrieden ab, und seine Patienten danken es ihm. Und wir bedanken uns für dieses interessante Gespräch!

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