Adipositas-Chirurgie im Spital Muri: „Ab einem BMI von 35 ratsam!“

11.11.2020
Leading Medicine Guide Redaktion
Autor
Leading Medicine Guide Redaktion

Den Kampf gegen überflüssige Kilos haben schon viele Menschen geführt. Was ist aber, wenn mehr dahinter steckt? Sicher: Ein Stück Pizza zu viel, die Portion Pommes oder das Eis mit Sahne ist einfach zu lecker – und schon sitzen Speckpolster rechts und links auf der Hüfte oder am Bauch … das ist normal. Diese Pfunde können wir mit etwas Disziplin und Willen wieder loswerden. Und vor allem: Das hat nichts mit der Krankheit Adipositas zu tun. Was ist nämlich, wenn nicht nur der Hüftspeck zunimmt, sondern auch der damit verbundene Kummer, der sich mit einem Stück Kuchen vermeintlich besser verkraften lässt? Ein Teufelskreislauf setzt sich in Bewegung: Körper und Psyche leiden kontinuierlich mehr, bis schlussendlich alles ausser Kontrolle zu geraten scheint.

Die Redaktion des Leading Medicine Guide sprach mit Dr. med. Markus von der Groeben vom Spital Muri über das schwergewichtige Thema Adipositas. Dr. von der Groeben ist Facharzt FMH (Foederatio Medicorum Helveticorum) für Chirurgie mit den Schwerpunkttiteln Allgemeinchirurgie und Traumatologie. Der Leitende Arzt des Spitals hat sich auf die Behandlung stark übergewichtiger Patienten spezialisiert.

Von Alexandra Pfitzmann

Groebenbildschirm.jpg

Immer persönlich: Dr. von der Groeben im Gespräch

Übergewicht ist ein Problem, das viele Menschen im wahrsten Sinne des Wortes belastet. Es sind aber nicht nur die Pizza oder die Pommes, die Übergewicht verursachen: Oftmals kommen viele Faktoren zusammen, die dazu führen, dass es mit den Kilos einfach nicht runtergeht. Bei starkem Übergewicht spricht man von Adipositas, abgeleitet vom lateinischen Wort adeps – Fett. Messbar ist der Fettanteil eines Menschen mit dem sogenannten Body Mass Index (BMI). Dieser Körpermasse-Index ist die Masszahl für die grobe Bewertung des Körpergewichts eines Menschen in Relation zu seiner Körpergrösse. Wir schauen uns das mal an:

Der Body Mass Index

Der BMI drückt das Verhältnis zwischen dem Körpergewicht und der Körpergrösse eines Menschen aus (kg/m2). Damit das Gewicht besser eingeschätzt werden kann, sollte neben Gewicht und Körpergrösse allerdings auch das Alter berücksichtigt werden, da sich der Stoffwechsel im Laufe des Lebens verändert.

Nehmen wir ein Beispiel zum besseren Verständnis zur Ermittlung des BMI: Sie sind z.B. 1,75 Meter gross und 85 Kilogramm schwer. Dann rechnen Sie: 1,75 x 1,75 = 3,06. Jetzt teilen Sie Ihr Gewicht durch diesen Wert: 85 : 3,06 = 27,7. Das wird aufgerundet – Ihr BMI läge dann also bei 28.

„Von starkem Übergewicht spricht man ab einem BMI von 45“, beginnt Dr. von der Groeben unser Gespräch. „Beim genannten Beispiel würde man nur von leichtem Übergewicht sprechen. Wir empfehlen eine chirurgische Behandlung ab einem Wert von 35.“ Und warum? Klar: „Ein chirurgischer Eingriff zur Gewichtsreduktion kann ein entscheidender Schritt zum neuen und vor allem gesunden Wohlfühlgewicht sein.“

Wichtiger Faktor: Veranlagung

Natürlich spielen neben dem Essen selbst auch Veranlagungen bei Adipositas-Patienten eine Rolle. „Wenn die Mutter während der Schwangerschaft etwa stark übergewichtig war oder eine schwangerschaftsbedingte Insulinresistenz entwickelt hat, auch Schwangerschaftsdiabetes genannt, kann ein Baby bereits mit Übergewicht auf die Welt kommen“, erklärt Dr. von der Groeben. „Für Menschen mit einer solchen genetischen Disposition ist das Halten von gesundem Gewicht eine lebenslange Aufgabe und je nach Typ oftmals alleine auch nicht umsetzbar.“

Wenn Adipositas vorliegt, sollte das Gewicht vor einer Schwangerschaft unbedingt reduziert werden, um dem Eisprung und einer dann folgenden Befruchtung eine Chance zu geben. Dr. von der Groeben: „Wir haben viele Frauen, die zu uns kommen, weil sie aufgrund von starkem Übergewicht nicht schwanger werden können, aber einen ausgeprägten Kinderwunsch haben.

Die ersten Schritte vor einem operativen Eingriff

Jetzt können natürlich nicht alle, die stark übergewichtig sind, einfach ins Spital kommen und erklären, man möge bitte die überschüssigen Kilos entfernen. Dazu müssen vorher verschiedene Schritte berücksichtigt werden: „Die meisten unserer Patienten haben bereits einen langen Leidensweg hinter sich und sind schon recht gut informiert über weitere Möglichkeiten der Gewichtsreduktion und wünschen eine Operation“, erzählt Dr. von der Groeben. Allerdings schränkt er gleich ein: „Es müssen zwei Jahre Diät nachgewiesen werden. Ob das mithilfe der Weight Watchers, mit Herbalife oder mithilfe einer ärztlichen Beratung geschehen ist, spielt keine Rolle. Erst dann kann ich mich zusammen mit unseren Ernährungsberatern und Physiotherapeuten zusammensetzen und mit dem Patienten eine individuelle Therapie ausarbeiten.“

Neben Ernährungsberatern und Hausärzten, erklärt Dr. von der Groeben, kommen auch weitere Fachärzte ins Spiel, etwa Endokrinologen, Psychologen, Internisten, Herz- und Lungenspezialisten. Es werden die Möglichkeiten eines weiterhin nicht operativen Weges evaluiert – und die Eventualität eines chirurgischen Eingriffes. „Diese Möglichkeiten“, so der erfahrene Spezialist, „müssen unter sämtlichen Beteiligten zusammen mit dem Patienten und dem Hausarzt genauestens geprüft werden“.


Spital Muri – Anlaufstelle nicht nur für Adipositas-Patienten:

Mit vier Operationssälen, 135 stationären Betten und sechs Intensivpflegeplätzen bieten die insgesamt rund 760 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Spital Muri ein qualitativ hochstehendes Leistungsangebot mit einer umfassenden Gesundheitsversorgung und moderner Infrastruktur.


Was passiert, wenn Adipositas nicht behandelt wird?

Wenn die Kilos mehr werden, nehmen auch die Begleiterkrankungen zu. „Man darf nicht vergessen, dass neben dem psychischen Leidensdruck, der durch abwertende Blicke von Mitmenschen und durch Alltagsschwierigkeiten verstärkt wird, auch die Gesundheit gefährdet ist. Adipositas ist eine chronische Erkrankung, die Folgeerkrankungen wie Diabetes II begünstigt und eine erhöhte Inzidenz von Krebserkrankungen nach sich ziehen kann“, verdeutlicht Dr. von der Groeben die Gefahr einer nicht behandelten Adipositas-Erkrankung. Auch Rücken- und Gelenkschmerzen, Kurzatmigkeit, Hautprobleme sowie depressive Stimmungstiefs gehören zu den Nebenwirkungen von Adipositas.

„Die Adipositas-Chirurgie bietet viele Möglichkeiten!“

Bei einer Operation wegen hohen Übergewichts denkt man schnell an Fettabsaugen oder an das Einsetzen eines Magenbands, um das Hungergefühl einzudämmen. Dabei gibt es sehr viel mehr Optionen: „Ja, das Magenband war über einen langen Zeitraum die populärste Methode, um übergewichtige Menschen chirurgisch zu behandeln. Hier im Spital Muri entscheiden wir uns nicht mehr für das Magenband, weil zu viele Komplikationen auftreten können. Der Magen kann zum einen `durchrutschen´, zum anderen kann die Speiseröhre auch ausleiern. Auch können Löcher in der Speiseröhre entstehen“, veranschaulicht der Adipositas-Experte.

Neue Methode: der Magenballon – unkompliziert und nicht von Dauer

„Relativ neu ist das Einsetzen eines Magenballons. Anwendbar ist diese Methode bei einem BMI von 27 bis 33, und sie verspricht einen Gewichtsverlust von rund 25 Kilo. Nach etwa sechs bis zwölf Monaten wird der Ballon dann wieder entfernt, und der Patient bemüht sich dann mithilfe eines Ernährungsberaters um das Halten des neu definierten Körpergewichts“, so Dr. von der Groeben. „Allerdings”, fügt er hinzu, „ist dies eine Therapie, die vom Patienten selbst bezahlt werden muss.“

Das Einsetzen eines Magenballons erfolgt übrigens ohne Operation. Der Ballon wird innerhalb von zwanzig bis dreissig Minuten endoskopisch durch den Mund und die Speiseröhre in den Magen eingeführt. Sobald der Ballon sich im Magen befindet, wird er mit 500 bis 700 Milliliter Kochsalzlösung gefüllt. Ein Grossteil des Magens ist nun durch den Ballon eingenommen, wodurch sich Patient schneller satt fühlt. Diese Therapieform eignet sich aber nur für Patienten, die eine unterstützende Massnahme während einer Ernährungsumstellung benötigen.

Magenbypass und Magenschlauch

Patienten wird im Spital Muri in der Schweiz im Verhältnis zu einem Drittel ein Magenschlauch und zu zwei Dritteln ein Magenbypass gelegt. Bei beiden Optionen hat der Betroffene die Chance, in einem Zeitraum von einem Jahr etwa zwei Drittel des Übergewichts zu verlieren.

Beim Magenbypass wird der Magen durch ein Stück Dünndarm überbrückt, während beim Schlauchmagen der Magen minimal-invasiv um einiges verkleinert wird. „Bei Patienten, die etwa an einem starken Reflux – also Sodbrennen – leiden, empfehlen wir einen Bypass“, erläutert Dr. von der Groeben. Kleiner Nachteil: Der Magenbypass erfordert vom Patienten eine lebenslange Einnahme von Multivitaminen, da diese über die normale Verdauungsleistung nicht mehr resorbiert werden können. Wird der Magen zum Schlauchmagen verkleinert, reduziert sich das Magenvolumen auf 85 bis 100 Milliliter, wodurch nur noch sehr geringe Nahrungsmengen aufgenommen werden können und somit eine schnelle Sättigung eintritt. In beiden Fällen ist aber der Erfolg innerhalb von relativ kurzer Zeit schnell sichtbar.

Groeben3.jpg

Option Schlauchmagen (Foto aus dem Film zur Agrundo-App)

Nach der Operation ist vor der Operation

Ist eine Operation erfolgt, bedeutet das nicht, dass sich behandelte Patienten zurücklehnen können – denn: „Im Spital Muri findet über einen Zeitraum von fünf Jahren eine regelmässige Nachbetreuung statt. Im ersten Jahr öfter und dann sukzessive weniger. Schliesslich gilt es, neue Ernährungsregeln zu vermitteln, damit der Erfolg auch anhält. Auch gesundheitlich müssen mittels Laboruntersuchungen die Werte des Patienten überprüft werden, damit keine Mangelerscheinungen auftreten“, führt Dr. von der Groeben an.

Ein unliebsamer Nebeneffekt des Gewichtsverlustes sind meist überschüssige Hautlappen. „Die meisten Patienten stört das zunächst nicht. Sie sind überglücklich, endlich leichter durch das Leben zu gehen“, unterbricht der Leitende Chirurg und erklärt: „Bei weiterer Gewichtsabnahme kann man bei den Krankenkassen versuchen, eine Kostengutsprache zu bekommen“ – also eine Übernahme durch die Krankenkasse.

Agrundo – die Adipositas-App

Neben seiner chirurgischen Tätigkeit hat Dr. von der Groeben in einer weiteren Funktion von sich reden gemacht: Er ist Inhaber der Firma ClinicAdvisor – und war an der Entwicklung der sehr benutzerfreundlichen Adipositas-App AGRUNDO beteiligt. „Die Idee hinter der App war die Entwicklung einer elektronischen Visitenkarte, die Patienten zur Verfügung steht, wenn beispielsweise Redebedarf mit dem Operateur besteht“, erklärt er. „Auch kann der Gewichtsverlauf nachvollzogen werden, Medikamente können mit Dosis und Einnahmedatum eingetragen werden. Es sind auch kleine Operationsvideos eingebaut, sodass man auch der Familie und Freunden einen geplanten Eingriff erklären kann“, erzählt der technikaffine Spezialist, der nebenbei auch an einer Weiterentwicklung der APP arbeitet. Wichtig ist ihm: die App soll in jedem Fall kostenfrei bleiben.

agrundo.jpg

Hilfreiche Adipositas-App – mitentwickelt von Dr. von der Groeben

„Fettleibigkeit ist ein ernstes Gesundheitsrisiko!“

Wenn Ihr Body Mass Index über 35 liegt, ist es Zeit, etwas zu unternehmen, da Fettleibigkeit nicht nur ein kosmetisches Problem ist, sondern eben ein ernstes Gesundheitsrisiko. Man sollte sich nicht schämen, sondern etwas dagegen tun. Zwei Drittel der Männer (67 %) und die Hälfte der Frauen (53 %) in Deutschland sind übergewichtig. Mangelnde Bewegung, das Überangebot an Essen und auch der zu hohe Anteil von Zucker in vielen Lebensmitteln führen schnell zu viel zu vielen Kilos.

Auf die Frage, ob er ein besonders beeindruckendes Beispiel aus seiner täglichen Praxis nennen kann, antwortet Dr. med. Markus von der Groeben sofort: „Sehr beeindruckt hat mich ein Patient, ein Kraftwagenfahrer, der es mit komplett eigener Leistung geschafft hat, sein Gewicht von 240 auf 160 Kilo zu reduzieren. Dank einer dann erfolgten Operation hat sich das Gewicht im Anschluss fast auf ein Normalgewicht reduziert.“ Solche Erlebnisse spornen den empathischen Spezialisten an: „Die Freude der Menschen, die endlich nicht mehr so viel Ballast mit sich herumtragen müssen, motiviert, und ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass mehr Internisten und Hausärzte das Positive in solchen Operationen sehen und diese ihren Patienten im Zweifelsfall empfehlen. Wir haben es hier nicht mit einer Verstümmelung zu tun, sondern mit einer Hilfe für oft verzweifelte Menschen. Auch der anschliessend deutliche Rückgang von Medikamenteneinnahmen darf hierbei nicht ausser Acht gelassen werden“, erklärt Dr. von der Groeben abschliessend.

Im Spital Muri werden unter Chefarzt Dr. med. Gerfried Teufelberger und dem Leitenden Arzt Dr. med. Markus von der Groeben alle Patienten mit Erkrankungen des Bauchraums behandelt. Die Schwerpunkte liegen in der Adipositas-, der Kolon- und der Hernienchirurgie. Im Zentrum für Adipositas und metabolische Chirurgie bezieht das Team alle Patienten umfassend mit in die Behandlung ein. Ernährungsberatung und psychologische Unterstützung begleiten Patienten auf ihrem Weg zu mehr Lebensqualität und Mobilität. Das Spital Muri ist als bariatrisches Referenzzentrum von der SMOB (Swiss Society for the Study of Morbid Obesity and Metabolic Disorders) offiziell anerkannt. Patienten mit stark ausgeprägter Adipositas werden hier fachkundig und nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen behandelt. Der Status als Referenzzentrum garantiert die Versorgung von Patienten auf einer 24-Stunden-Notfallstation sowie einer Intensivstation (Level 2). Die geforderte Mindestanzahl von fünfzig bariatrischen Operationen jährlich übertrifft das Adipositas-Zentrum in Muri deutlich: Mit rund 180 zum Teil sehr komplexen Eingriffen pro Jahr positioniert sich das Spital Muri als ausgezeichnetes Kompetenzzentrum für die Adipositas und metabolische Chirurgie.

groebenspital.jpg

Schön gelegen: Das Spital Muri im Kanton Aargau

Whatsapp Twitter Facebook VKontakte YouTube E-Mail Print