Das Fachgebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie bzw. die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, umgangssprachlich auch Kinderpsyche bzw. Kinderpsychologie genannt, ist wichtiger Teil der Kinder- und Jugendheilkunde. Sowohl Kinder- und Jugendpsychiater und -psychotherapeuten als auch Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, die einen unterschiedlichen beruflichen Werdegang haben, häufig aber nicht ganz korrekt und verallgemeinernd auch als Kinderpsychologen bezeichnet werden, befassen sich mit der kindlichen Psyche und sind immer dann der richtige Ansprechpartner, wenn bei einem Kind der Verdacht auf eine psychische, psychosomatische, psychiatrische oder neurologische Störung besteht.

Übersicht

Kinderpsyche - Weitere Informationen

Kinderpsychologie – was ist das?

Im Laufe der Entwicklung müssen sich Kinder und Jugendliche verschiedene Kompetenzen erarbeiten. Diese betreffen zum Beispiel den Bereich der Emotionen oder beziehen sich auf die soziale Interaktion. Ebenso entwickeln sich Bindungskompetenzen oder auch sprachliche und schulische Fertigkeiten. In all diesen Bereichen kann es bei den Heranwachsenden zu Störungen kommen. Eine psychische Störung ist vor allem durch eine Veränderung des Erlebens und Verhaltens gekennzeichnet. Bei einer psychosomatischen Störung bestehen körperliche Symptome, die jedoch keine organische Ursache haben.

Da die Psyche von Kindern sich jedoch deutlich von der eines Erwachsenen unterscheidet, ist eine altersentsprechende Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen bzw. psychiatrischen Störungen ausserordentlich wichtig. Die Kinderpsychologie befasst sich daher mit der Prävention (Vorbeugung), der Diagnostik und der Behandlung von psychischen (seelischen), psychosomatischen, entwicklungsbedingten und neurologischen Erkrankungen und Störungen sowie mit psychischen und sozialen Verhaltensauffälligkeiten im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Bei allen diagnostischen und therapeutischen Verfahren wird auch immer das familiäre und soziale Lebensumfeld des jungen Patienten berücksichtigt.

Was ist ein Kinderpsychologe?

Nach abgeschlossenem Medizinstudium kann ein in Deutschland zugelassener Arzt eine fünfjährige Weiterbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie machen, während der eine festgelegte Anzahl an diagnostischen Verfahren und Therapien durchgeführt werden muss. Aber auch Psychologen, Pädagogen und Absolventen der Sozialen Arbeit können nach dem Psychotherapeutengesetz im Anschluss ihres Studiums eine drei- bis fünfjährige Weiterbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, abgekürzt auch KJP genannt, absolvieren. Die korrekte Bezeichnung für einen Kinderpsychologen bzw. einen Spezialisten für Kinderpsyche lautet also je nach beruflichem Werdegang des Therapeuten entweder Kinder- und Jugendpsychiater und -psychotherapeut oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Zukünftig soll die Ausbildung zum Psychotherapeuten allerdings auch im Rahmen eines eigenen Studiengangs möglich sein.

Welche Krankheiten behandelt der Spezialist für die Kinderpsyche?

Zu den entwicklungsbedingten, psychosomatischen, psychischen, neurologischen sowie sozialen Störungen oder Verhaltensauffälligkeiten, die ein Kinder- und Jugendpsychiater und -psychotherapeut behandelt, gehören zum Beispiel die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder der elektive Mutismus. Bei letzter Störung ist die sprachliche Kommunikation der Kinder stark beeinträchtigt.

Auch Bindungsstörungen, das nächtliche Einnässen oder Einkoten ohne organische Ursache sowie das breite Feld der Autismus-Spektrum-Störungen werden dem Teilgebiet der Kinderpsychologie zugeordnet.

Einige psychische Erkrankungen des Erwachsenenalters können auch schon bei Kindern und Jugendlichen auftreten. So leiden einige Patienten bereits im Kindes- und Jugendalter unter Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen oder Schizophrenie.

Ein Experte für Kinderpsychologie behandelt zudem unter anderem:

  • Posttraumatische Belastungsstörungen
  • Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht (Anorexia nervosa)
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Tic-Störungen
  • Artikulationsstörungen, Stottern (Stammeln), Poltern
  • Vernachlässigung, Misshandlung, sexueller Missbrauch
  • Selbstverletzendes Verhalten und Suizidalität
  • Störungen der Geschlechtsidentität sowie der sexuellen Entwicklung und Orientierung
  • Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle
  • Nichtorganische Schlafstörungen

Diagnosemethoden in der Kinderpsychologie

Im Gegensatz zur Psychiatrie und Psychotherapie im Erwachsenenalter spielt bei der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in der Diagnostik das soziale und familiäre Umfeld des Kindes eine entscheidende Rolle. Die Vorgeschichte wird häufig zusammen mit der Familie bzw. der Pflegefamilie oder einer Jugendhilfeeinrichtung erhoben.

Ferner kommen standardisierte psychologische Tests wie beispielsweise Intelligenztests oder Lese-Rechtschreib-Tests zum Einsatz. Ebenso gibt es Testverfahren, um den sozioemotionalen Status oder die sensomotorische Entwicklung zu erfassen.

Sofern es sich bei dem betreuenden Therapeuten nicht um einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie handelt, arbeitet der Kinder- und Jugendpsychotherapeut häufig mit Ärzten zusammen, um körperliche Ursachen für die Beschwerden auszuschliessen. Diese führen beispielsweise ergänzend neurologische Untersuchungen oder Laboruntersuchungen von Blut und Harn durch.

Behandlungsmethoden der Kinder- und Jugendpsychologie

In der Therapie der Kinderpsyche stehen psychotherapeutische Verfahren im Fokus. Dazu gehört vor allem die Verhaltenstherapie. Aber auch tiefenpsychologische Therapieverfahren, die systemische Therapie oder spezielle Spiel-, Musik- und Kunsttherapien eignen sich zur Behandlung.

Je nach Beschwerdebild und Ursache der psychischen Störungen werden Eltern, Geschwister, Erzieher oder Lehrkräfte in die Behandlung mit einbezogen (Gruppentherapie, Familientherapie). Fachtherapien wie die Krankengymnastik, Ergotherapie, Logopädie oder Bewegungstherapie können die psychotherapeutische Behandlung sinnvoll ergänzen.

Weitere therapeutische Ansätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sind:

  • Medikamente
  • Ernährung
  • Entspannungsverfahren
  • Funktionelle Übungsbehandlungen
  • Biofeedbackverfahren
  • Milieutherapie
  • Heilpädagogik
  • Erzieher-/Lehrerberatung
  • Supervision
  • Kooperation mit Jugendhilfe
  • Bundesärztekammer (2013) (Muster-)Weiterbildungsordnung 2003 in der Fassung vom 28.06.2013. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/20130628-MWBO_V6.pdf
  • Bundesministerium für Gesundheit (2019) Moderne Ausbildung für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/psychotherapeutenausbildung.html
  • Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP) DGKJP-Leitlinien unter Beteiligung anderer Fachgesellschaften. http://www.dgkjp.de/leitlinien-top
  • Herpertz-Dahlmann B., Simons M. (2019) Psychiatrische und psychologische Behandlung im Kindes- und Jugendalter. In: Hoffmann G., Lentze M., Spranger J., Zepp F., Berner R. (eds) Pädiatrie. Springer Reference Medizin. Springer, Berlin
  • Resch F. (2019) Kinder- und jugendpsychiatrische und -psychologische Untersuchung. In: Hoffmann G., Lentze M., Spranger J., Zepp F., Berner R. (eds) Pädiatrie. Springer Reference Medizin. Springer, Berlin