Die Neurologie ist ein wichtiges Teilgebiet der Medizin. Das menschliche Nervensystem ist äusserst komplex, und Störungen können sich vielfältig äussern. Da Kinder keinesfalls kleine Erwachsene sind, gibt es den Bereich der Kinderneurologie, der sich ausschliesslich mit dem kindlichen Nervensystem und Nervenerkrankungen bei Kindern befasst. Im Fokus stehen sowohl die körperliche als auch die geistige Entwicklung von Babys, Kindern und Jugendlichen sowie mögliche Störungen im Nervensystem.

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Kinderneurologie - Weitere Informationen

Kinderneurologen sind Spezialisten für das kindliche Nervensystem

Kinderneurologen, die korrekterweise eigentlich Neuropädiater genannt werden, haben sich auf neurologische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Eine solche Weiterbildung schliesst an die fünfjährige Weiterbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin an und dauert noch einmal drei Jahre. In der Weiterbildung zum Neuropädiater geht es um den Erwerb von Kenntnissen, Erfahrungen und Fertigkeiten im Bereich der Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten von Störungen und Erkrankungen des zentralen, peripheren und vegetativen Nervensystems sowie der Muskulatur im Kindes- und Jugendalter.

Ein wichtiger Teil der Neuropädiatrie ist die Entwicklungsneurologie. Neurologische Entwicklungsstörungen können zum Beispiel die Sprache, die soziale Interaktion, das Gedächtnis oder die Wahrnehmung beeinträchtigen. Lernbehinderungen wie die Legasthenie oder die Dyskalkulie, intellektuelle Behinderungen sowie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) fallen in diesen Bereich. Mithilfe verschiedener Diagnoseverfahren kann der Kinderneurologe die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes beurteilen und falls nötig ein Behandlungskonzept zur Entwicklungsförderung erstellen.

Ein weiteres relevantes Teilgebiet sind die Bewegungsstörungen. Diese haben ihren Ursprung entweder im motorischen Nervensystem oder gehen bei zerebralen Bewegungsstörungen auf eine angeborene oder erworbene Schädigung des Gehirns zurück. Besonders häufig sind frühgeborene Kinder von einer solchen zerebralen Bewegungsstörung (Zerebralparese) betroffen.

Ebenso befassen sich Kinderneurologen mit Anfallsleiden. Dabei beurteilt der Kinderneurologe sowohl akute Krampfanfälle als auch chronische Anfallskrankheiten wie die Epilepsie.

Häufige Erkrankungen, die ein Kinderneurologe behandelt

Sobald ein Verdacht besteht, dass den Beschwerden eine neurologische Störung zugrunde liegt, wird der behandelnde Arzt den Patienten an einen Kinderneurologen überweisen. Neuropädiater sind Experten unter anderem für folgende Erkrankungen und Störungen:

  • Erkrankungen und Schäden des Nervensystems aufgrund einer Entzündung (zum Beispiel Fazialisparese/Gesichtslähmung), einer Verletzung (zum Beispiel bei Nervendurchtrennungen, Schädel-Hirn-Trauma) oder einer Vergiftung (zum Beispiel aufgrund von Medikamenten, Schwermetallen, Lösungsmitteln)
  • Angeborene Fehlbildungen des zentralen Nervensystems (zum Beispiel Erweiterung der Flüssigkeitsräume des Gehirns - Hydrozephalus; Dandy-Walker-Zyste; offener Rücken - Spina bifida oder Meningomyelozele; Kopfformauffälligkeiten)
  • Störungen der Motorik und der Sinnesfunktionen (zum Beispiel Hör- und Sehstörungen)
  • Zerebrale (vom Gehirn ausgehende) Anfälle und Epilepsien
  • Neuromuskuläre Erkrankungen und Muskelerkrankungen (zum Beispiel Friedreich-Ataxie, Multiple Sklerose, Myelitis, Muskelatrophie, Myasthenie, Muskeldystrophie)
  • Durchblutungsstörungen des Gehirns (zum Beispiel Schlaganfall, Thrombosen und Gefässfehlbildungen)
  • Neurometabolische (zum Beispiel bei Diabetes mellitus und chronischer Nierenerkrankung), neurodegenerative und neurogenetische Erkrankungen
  • Bewegungsstörungen und Zerebralparesen (Lähmungen)
  • Mentale, motorische, sprachliche und psychische Entwicklungsstörungen und Behinderungen (zum Beispiel Autismus-Spektrum-Störungen)
  • Tumoren des Nervensystems (zum Beispiel Medulloblastom, Glioblastom)
  • Kopfschmerzen, neuropathische Schmerzen („Nervenschmerzen“) und Schwindel

Diagnosemethoden in der Kinderneurologie

Nach Patientenbefragung (Anamnese), Verhaltensbeobachtung und körperlicher Untersuchung (unter anderem auch der Reflexe, der Motorik und der Sensibilität) stehen dem Kinderneurologen zur Diagnosestellung und auch zur Verlaufskontrolle bei bereits diagnostizierten Nervenerkrankungen verschiedene Verfahren zur Verfügung.

Laboruntersuchungen von Blut und Liquor („Nervenwasser“) können Hinweise auf krankhafte Veränderungen geben.

Ein wichtiges neurologisches Diagnoseverfahren ist das Elektroenzephalogramm (EEG). Bei dieser Untersuchungsmethode wird die elektrische Aktivität des Gehirns über spezielle Sonden, die am Kopf angebracht werden, gemessen. Das EEG kommt beispielsweise in der Epilepsiediagnostik zum Einsatz. Mithilfe der Elektroneurographie lassen sich periphere Nerven untersuchen, zum Beispiel hinsichtlich der Nervenleitgeschwindigkeit, und die Elektromyographie dient zur Messung der elektrischen Muskelaktivität bei Muskelerkrankungen und anderen Erkrankungen des Nervensystems.

Die Ultraschalluntersuchung von Muskeln, Gehirn und peripheren Nerven kann ebenfalls Hinweise auf eine mögliche Ursache der Beschwerden liefern. Weitere bildgebende Verfahren, die in Zusammenarbeit mit einem Radiologen durchgeführt werden, sind beispielsweise Röntgenuntersuchung, Computertomographie (CT) und Kernspintomographie (MRT).

Je nach Verdachtsdiagnose bzw. Erkrankung können auch weitere diagnostische Methoden angewandt werden, wie zum Beispiel augenärztliche, HNO-ärztliche, histologische (feingewebliche), endokrinologische (Hormonbestimmungen etc.), molekulargenetische, orthopädische oder psychologische Verfahren.

Behandlungsmethoden der Neuropädiatrie

So vielfältig die Erkrankungen in der Neuropädiatrie sind, so verschieden sind auch die therapeutischen Möglichkeiten. So richtet sich die Therapie vor allem nach der Ursache der Beschwerden. Da Erkrankungen des Nervensystems häufig ein sehr komplexes Krankheitsbild haben, werden viele dieser Erkrankungen interdisziplinär versorgt. So können beispielsweise pädiatrische Endokrinologen, Neurochirurgen, Orthopäden oder Verhaltenstherapeuten an der Behandlung des Kindes beteiligt sein. In jedem Fall erstellt der Kinderneurologe, eventuell in Abstimmung mit Kollegen anderer medizinischer Fachgebiete, ein Behandlungskonzept, das individuell auf den jungen Patienten abgestimmt ist.

Bei einer Entwicklungsstörung kann der Arzt zum Beispiel auf verschiedene Fördermöglichkeiten zurückgreifen. Er kann eine Sprachförderung verordnen oder den Patienten zur Krankengymnastik oder Ergotherapie überweisen.

Auch Bewegungsstörungen erfordern in der Regel eine interdisziplinäre Betreuung von Neuropädiatern, Ergotherapeuten, Logopäden und Physiotherapeuten.

Kinder, die unter Krampfanfällen leiden, erhalten in der Regel Medikamente. Je nach Ausprägung kann eine Operation erforderlich sein.

Quellen

  • Bundesärztekammer (2013) (Muster-)Weiterbildungsordnung 2003 in der Fassung vom 28.06.2013. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/20130628-MWBO_V6.pdf
  • Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie, Gesellschaft für Neuropädiatrie (2016) Leitsymptome und Diagnostik der ZNS-Tumoren im Kindes- und Jugendalter. S1-Leitlinie. AWMF-Register-Nr.025/022. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/025-022l_S1_ZNS-Tumoren_Kinder_Jugendliche_2016-09.pdf
  • Gesellschaft für Neuropädiatrie et al. (2015) Hereditäre und erworbene Neuropathien im Kindes- und Jugendalter, Differentialdiagnose. AWMF-Register-Nr. 022-027. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/022-027l_S1_Neuropathien_hereditaer_erworben_Kinder_Jugendliche_Differentialdiagnose_2015-04.pdf
  • Heinen F., Berweck S. (2019) Neurologische Untersuchung bei Kindern und Jugendlichen. In: Hoffmann G., Lentze M., Spranger J., Zepp F., Berner R. (eds) Pädiatrie. Springer Reference Medizin. Springer, Berlin
  • Kaindl A., Boltshauser E., Schwabe G.C., Bächli H. (2019) Entwicklungsstörungen des Nervensystems. In: Hoffmann G., Lentze M., Spranger J., Zepp F., Berner R. (eds) Pädiatrie. Springer Reference Medizin. Springer, Berlin
  • Moog U., Blank R. (2019) Entwicklungsstörungen und Behinderungen. In: Hoffmann G., Lentze M., Spranger J., Zepp F., Berner R. (eds) Pädiatrie. Springer Reference Medizin. Springer, Berlin