Prothesenlockerung Knie | Infos & Arztsuche

09.07.2021
Dr. Claus  Puhlmann
Medizinischer Fachautor

Die meisten Knieprothesen halten mindestens 10 bis 15 Jahre. Jedoch kann sich die Prothese im Laufe der Zeit aufgrund verschiedener Faktoren lockern. Wenn die Knieprothese nicht mehr fest mit dem Knochen verankert ist, spricht man von einer Prothesenlockerung.

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ICD-Codes für diese Krankheit: T84.05

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Artikelübersicht

Definition

In Deutschland wurden 2019 etwa 190.000 künstliche Kniegelenke (auch Knieendoprothesen oder Knie-TEP genannt) implantiert. Die meisten künstlichen Kniegelenke halten mindestens zehn bis 15 Jahre. Aufgrund verschiedener Ursachen kann es im Laufe der Zeit aber dazu kommen, dass einzelne Komponenten einer Knieprothese nicht mehr fest im Knochen verankert sind, sodass es zu einer sogenannten Knieprothesenlockerung kommt. Wenn eine solche Lockerung innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Knie-TEP-OP auftritt, liegt eine Frühlockerung der Kniegelenkendoprothese vor. Während vor etwa 20 Jahren noch etwa acht Prozent der Knieendoprothesen ausgewechselt werden mussten – es wird dann von einer Revisionsoperation oder Wechseloperation gesprochen –, waren es 2017 noch etwa sechs Prozent.

Formen

Knieprothesenlockerungen können grundsätzlich in zwei Formen unterschieden werden.

  • Septische Knieprothesenlockerung: Bei dieser Form liegt eine bakterielle Infektion (= septisch, Sepsis) im Bereich des Implantats vor, die zur einer Lockerung der Prothese führt.
  • Aseptische Knieprothesenlockerung: Hierzu werden all die Formen von Lockerungen gezählt, bei denen keine bakterielle Infektion (= aseptisch) besteht beziehungsweise für die Lockerung verantwortlich ist.

Während septische Knieprothesenlockerungen vor allem in den Wochen und Monaten nach der Implantation der Knie-TEP auftreten, finden sich aseptische Lockerungen insbesondere bei Knieprothesen mit einer Standzeit von mehr als zwei Jahren.

Symptome

In der Regel haben die Patienten zu Beginn der Knieprothesenlockerung keine und nur geringe Beschwerden im Knie. Gelegentlich können die Knieschmerzen aber auch plötzlich einsetzen. Im Laufe der Zeit nehmen die meist belastungsabhängigen Schmerzen zu, und die maximal zurücklegbare Gehstrecke nimmt ab. Auslöser für die Schmerzen kann auch eine Krafteinwirkung auf das Knie sein, wie eine Verdrehung im Knie oder ein Schlag oder Sturz auf das Knie. Manche Patienten spüren auch einen lokalen Schmerz an der Stelle, an der das Implantat am Knochen befestigt ist, wie zum Beispiel am Schienbein unterhalb des Knies.

Ein geschwollenes Knie oder ein Erguss im Kniegelenk können zusätzlich auftreten.

Bei einer septischen Ursache kann das Knie gerötet und überwärmt sein. Gegebenenfalls tritt Eiter aus der sich unter Umständen auseinander weichenden Narbe aus. Es kann sich auch Fieber mit Schüttelfrost entwickeln.

Mit fortschreitender Lockerung und Symptomatik ist die Beweglichkeit im Kniegelenk reduziert. Unter Umständen hinkt der Patient, und Treppensteigen ist deutlich erschwert. In späteren Stadien treten die Schmerzen auch in Ruhe auf. Die Gefahr, dass sich Knochenbrüche im Bereich der Prothese entwickeln, nimmt bei ausgeprägten Lockerungen zu. Zusätzlich kann es zu Kniefehlstellungen kommen (X-Beine, O-Beine).

Ursachen und Risikofaktoren

Als mögliche Gründe für eine Knieprothesenlockerung kommen zum Beispiel infrage:

  • Bakterielle Infektionen, die sich durch Einschleppen von Bakterien während der Operation entwickeln; der sich bildende Biofilm verhindert ein Einwachsen des Implantats
  • Durch den Abrieb von Polyethylen, einem Material, aus dem die Prothesen bestehen, kann sich direkt und indirekt der Knochen im Bereich der Prothese auflösen, dies wird auch als Partikelkrankheit oder abriebbedingte Osteolyse bezeichnet
  • Arthrofibrose, das heisst eine übermässige Bildung von Bindegewebszellen (Vernarbungen) im Kniegelenk nach der TEP-OP
  • Fehlausrichtung oder Fehlpositionierung von einzelnen Komponenten der Prothese
  • Lösen der Befestigung der Prothese
  • Instabiles Kniegelenk durch eine ungenügende Funktionalität des Streckapparats
  • Periprothetische Frakturen, das heisst Knochenbrüche im Bereich der Prothese
  • Schäden oder Verletzungen an der Patella oder dem Patellaersatz

Risikofaktoren einer septischen Knieprothesenlockerung

Es gibt verschiedene Vorerkrankungen, Therapien oder patientenbedingte Umstände, bei denen die Immunabwehr entweder nicht mehr richtig arbeitet oder unterdrückt ist. Ein ungenügend funktionierendes Immunsystem kann aber eindringende Bakterien nicht mehr so gut bekämpfen, sodass es die Erreger leichter haben, sich zu vermehren und so eine Infektion an Prothese hervorzurufen. Zu den Risikofaktoren für eine septische Knieprothesenlockerung gehören zum Beispiel:

Risikofaktoren einer aseptischen Knieprothesenlockerung

  • Höheres Lebensalter
  • Starkes Übergewicht
  • Probleme mit Prothesenmaterial, dem Knochenzement sowie der Technik, wie die Prothese implantiert und befestigt ist; dies kann sowohl bei Metallimplantaten wie auch bei solchen aus Polyethylen auftreten
  • Geringe Erfahrung des Operateurs beim Einsetzen des künstlichen Kniegelenks, indem beispielsweise ein zu grosses oder zu kleines Implantat gewählt, die Stabilität nicht richtig eingestellt oder nicht korrekt zementiert wurde
  • Durch Osteoporose oder Knochennekrose vorgeschädigter Knochen
  • Vorerkrankungen (Diabetes, Gicht, Rheuma, Arthrose etc.)
  • Traumatische Ereignisse, wie zum Beispiel Unfall oder Sturz

Untersuchung und Diagnose

Die langsam beginnenden und im Laufe der Zeit zunehmenden oder plötzlich einsetzenden Knieschmerzen führen die Betroffenen zum Arzt. Anhand der Beschwerden und des Gangbilds sowie der Krankengeschichte (zum Beispiel wann die Knie-TEP-OP stattgefunden hatte, welche Vorerkrankungen bestehen und ob traumatische Einwirkungen aufgetreten sind) besteht häufig schon der Verdacht, dass die Beschwerden auf die Knieprothese zurückzuführen sind.

Um eine septische Ursache auszuschliessen, werden ein kleines Blutbild erstellt und der CRP-Wert im Blut bestimmt. Über eine Gelenkpunktion wird Flüssigkeit aus dem Gelenk entnommen und im Labor untersucht. Gegebenenfalls liefert eine Gewebeprobe aus dem Bereich um die Prothese herum weitere Erkenntnisse.

Das wichtigste bildgebende Verfahren ist die Röntgenuntersuchung des Knies. Bei der Auswertung der Röntgenaufnahme achtet der Arzt auf typische Lockerungszeichen. Um Veränderungen besser zu erkennen, werden Aufnahmen, die zu verschiedenen Zeitpunkten gemacht wurden, miteinander verglichen. Hinweise auf eine Prothesenlockerung sind beispielsweise Zementbrüche, Knochenbrüche, Implantatbrüche, Lageveränderungen der Prothese, Knochenveränderungen, Abrieb der Gleitpartner und Achsveränderungen.

Auch die Computertomografie (CT) die Skelettszintigrafie können wichtige Hinweise auf die Ursache der Beschwerden geben.

Allgemeines zur Behandlung

Hat sich ein eine Knieendoprothese gelockert, muss diese im Rahmen einer Knierevision (Wechseloperation der Knieprothese) entnommen und durch eine neue Prothese (sogenannte Revisionsendoprothese) ersetzt werden. Entnahme (auch Explantation genannt) der alten und Einsetzen der neuen Prothese findet in der Regel während eines operativen Eingriffs statt (einzeitige Wechseloperation). Da es sich um eine komplexe Operation handelt, sollten Sie den Eingriff nur von Experten der Orthopäde und Unfallchirurgie mit umfassender Erfahrung in der Knieendoprothetik durchführen lassen. Das Ziel einer Knierevision besteht darin, die Stabilität wiederherzustellen, die Beschwerden zu beseitigen und die volle Beweglichkeit im Kniegelenk wiederzuerlangen.

Ist allerdings die Ursache der Lockerung eine bakterielle Infektion, gestaltet sich die Therapie deutlich aufwendiger. Hier reicht nicht mehr nur eine Operation, sondern es sind mindestens zwei operative Eingriffe erforderlich, weshalb das Vorgehen auch als zweizeitige Wechseloperation bezeichnet wird. Während der ersten Operation wird die Prothese entfernt, das infizierte Gewebe gereinigt und gegebenenfalls entfernt und eine Antibiotikatherapie begonnen. Erst wenn die Infektion vollständig abgeheilt ist, kann die neue Knieendoprothese eingesetzt werden. Ziel der Behandlung besteht zunächst darin, die Infektion zu beseitigen, und erst im zweiten Schritt Stabilität, Beweglichkeit und Beschwerdefreiheit zu erreichen.

Verlauf und Prognose

Zwar ist das das Einsetzen der Revisionsknieendoprothese nach aseptischer Prothesenlockerung aufwendiger als die Erstimplantation der Knie-TEP, vom Prinzip her jedoch vergleichbar, auch was die anschliessenden Risikofaktoren für eine erneute Lockerung betrifft (siehe oben). Aufgrund der Fortschritte in der Prothesentechnik und den Materialeigenschaften kann heute aber von einer längeren Haltbarkeit des künstlichen Kniegelenks, als dies früher der Fall war, ausgegangen werden.

Wenn sich die Infektion bei septischer Prothesenlockerung komplett beseitigen lässt, ist die Prognose ebenfalls gut. Flammt die Infektion dagegen immer wieder auf, kann dies weitere operative Eingriffe zur Folge haben, bis hin zur Amputation, um ein Ausbreiten der Infektion zu verhindern.

Vorbeugung

Wichtig ist vor allem, dass Sie die sowohl die Erstimplantation der Knie-TEP als auch eine etwaige Knierevision von ausgewiesen Experten für Knieendoprothetik durchführen lassen. Denn mit zunehmender Erfahrung der Operateurs und der Klinik sinkt das Risiko einer späteren Knieprothesenlockerung. Ansonsten sollten Sie kniebelastende Tätigkeiten meiden oder nur nach Rücksprache mit Ihrem Arzt ausüben.

Da auch starkes Übergewicht ein Risikofaktor für eine Prothesenlockerung darstellt, sollten Sie Übergewicht vermeiden.

Quellen

Fath R (2018) Knie-Totalendoprothesen: Ein anspruchsvoller Gelenkersatz. Dtsch Arztebl 115(8): A-332 / B-284 / C-284

Radtke R (2020) Implantationen künstlicher Kniegelenke in deutschen Krankenhäusern nach Alter 2019. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/785084/umfrage/implantationen-kuenstlicher-kniegelenke-in-deutschen-krankenhaeusern/

Rolf O., Rader C. (2021) Aseptische Knieprothesenlockerung. In: Perka C., Heller KD. (eds) AE-Manual der Endoprothetik. Springer Reference Medizin. Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-55485-2_40-1

Walter G, Gramlich Y (2019) Periprothetische Infektionen. In: Engelhardt M., Raschke M. (eds) Orthopädie und Unfallchirurgie. Springer Reference Medizin. Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-642-54673-0_18-1

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