Belastungsinkontinenz

30.03.2017
Dr. med. Andreas  Neisius
Medizinischer Fachautor

Bei der Belastungsinkontinenz (früher Stressinkontinenz) tritt als Symptom ein unfreiwilliger Harnabgang bei körperlicher Belastung (Husten, Niesen, Heben, Springen, Treppensteigen, Aufstehen) auf. Als Ursache wird hierfür ein insuffizienter Blasenauslass, eine Schliessmuskelschwäche der Harnröhre angesehen. Zur Therapie der Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz) sind verschiedene Möglichkeiten vorhanden.

ICD-Codes für diese Krankheit: N39.3

Artikelübersicht

Was ist Inkontinenz allgemein?

Unter Inkontinenz, auch Blasenschwäche genannt, versteht man den Verlust oder das Nichterlernen der Fähigkeit, Urin sicher zu halten und an gewolltem Ort zu selbstbestimmter Zeit auszuscheiden.

Prinzipiell ist zwischen Harnspeicherstörungen und Blasenentleerungsstörungen zu unterscheiden. Die Harnspeicherstörung ist definiert als das Unvermögen der Blase, ein bestimmtes Urinvolumen über eine bestimmte Zeitspanne zu speichern.

Die Klassifikation der Harnspeicherstörungen umfasst die schliessmuskelbedingte Belastungsinkontinenz, die blasenbedingte Dranginkontinenz bei neurogener oder idiopathischer Überaktivität der Blasenmuskulatur, die Mischinkontinenz (kombinierte Belastungs- und Dranginkontinenz), die extraurethrale Inkontinenz (z.B. Fisteln) und seltene Sonderformen der Harninkontinenz.

Stadieneinteilung der Belastungsinkontinenz

Den Grad der Belastungsinkontinenz teilt man nach Schwere ein, bzw. bei welcher Tätigkeit die Inkontinenz auftritt.

  • Grad I der Belastungsinkontinenz: Unwillkürlicher Urinverlust bei starker körperlicher Belastung (z.B. Husten, Niesen, Pressen)
  • Grad II der Belastungsinkontinenz: Unwillkürlicher Urinverlust schon bei leichter körperlicher Belastung (z. B. Laufen, Treppensteigen, Lagewechsel)
  • Grad III der Belastungsinkontinenz: Unwillkürlicher Urinverlust in Ruhe und im Liegen

Risikofaktoren für die Belastungsinkontinenz

Die Erkrankung tritt bei älteren Menschen vermehrt auf, doch auch Jüngere sind häufig leiden häufig an Belastungsinkontinenz. Von dieser Form der Blasenschwäche sind vor allem Frauen betroffen. Die Blaseninkontinenz lässt sich bei Menschen mit folgenden Risikofaktoren häufiger beobachten:

  • Adipositas (Fettleibigkeit)
  • Alter (Östrogendefizit nach den Wechseljahren, Demenz, Immobilität)
  • Ethnizität (Kaukasisch > Asiatisch > Negride)
  • Mehrere Schwangerschaften und vaginale Entbindung
  • Beckenchirurgie
  • rauchen und chronische Lungenerkrankungen

Diagnose der Belastungsinkontinenz

Die Diagnose erfolgt meist aus der Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte), es gibt jedoch auch weitere Methoden zur Diagnose einer Belastungsinkontinenz.

  • Anamnese
  • Miktionstagebuch (Protokollieren von Trinkgewohnheiten, ungewolltem und gewolltem Wasserlassen)
  • Urinanalyse (Stix, Uricult)
  • Vorlagentest
  • Vaginale Einstellung und pH-Messung
  • Karyopyknotischer Index
  • Urethrozystoskopie
  • Hustenprovokationstest bei voller Blase
  • Urodynamik (Zystometrie mit Urethra-Druckprofil)

Therapie der Belastungsinkontinenz

  • Verhaltensmodifikationen
  • Beckenbodentraining
  • Vaginal- und Urethralpessare, Vaginalkonen
  • Elektrostimulation, Magnetstimulation (ExMi)
  • Medikamente (Duloxetin)
  • Operationen:
    • Kolposuspension (Burch)
    • Schlingenplastiken
    • Faszienzügelplastik
    • Kunststoffschlingen (z.B. TVT)

Verhaltensmodifikationen umfassen vor allem Prävention, Gewichtsabnahme und Reduktion der abendlichen Trinkmenge.

Durch gezieltes Beckenbodentraining kann etwa die Hälfte aller von Belastungsinkontinenz betroffenen Frauen auf eine geplante Operation verzichten. Da dieses Training nachgewiesenermassen bei andauernder und regelmässiger Durchführung nachgewiesenermassen die Symptome einer Belastungsinkontinenz verbessern kann, gehen wir hier genauer darauf ein.

Beckenbodentraining zur Behandlung der Belastungsinkontinenz

Da diese Form der Inkontinenz vor allem Frauen betrifft, gehen wir beim nachfolgenden Text auf die weibliche Anatomie ein.

Die Beckenbodenmuskeln liegen auf der Innenseite des Beckens. Sie umschliessen Harnröhre, Scheide und Darmöffnung und kontrollieren zusammen mit den Schliessmuskeln die Öffnungen. Sie sorgen auch für die richtige Position der Harnröhre. Sind diese Muskeln zu schlaff, kann die Harnröhre bei Anstrengung sinken und es kommt zum unkontrollierten Harnverlust.

Erkennen Sie die richtige Muskelpartie mithilfe folgender Übung

  • Kneifen Sie den Schliessmuskel zusammen, als wollten Sie den Harnstrahl anhalten.
  • Wenn Sie die richtigen Muskeln zusammengezogen haben, spüren Sie eine leichte Hebung der Muskeln nach oben und innen unter dem Becken.
  • Andere Körperteile (Po, Bauch, Innenseiten der Unterschenkel) sollten dabei nicht bewegt werden.

Richtige Muskelpartie erkannt? Dann kann es losgehen:

Beckenbodenübung 1

  • Beine leicht spreizen, Hände auf das Gesäss legen
  • Beckenboden nach oben und innen ziehen
  • Mit den Händen kontrollieren, dass Sie nicht die Gesässmuskulatur nutzen
  • Die Muskeln jeweils 6 bis 8 Sekunden so stark wie möglich anspannen, ohne dabei andere Muskelpartien mit zu beanspruchen
  • Bis zu 10 mal wiederholen, Übung 3 mal täglich durchführen

Beckenbodenübung 2

  • Sie hocken sich auf die gespreizten Knie und Ellbogen, Fussspitzen zusammen, Kopf auf die Hände
  • Ziehen Sie in dieser Stellung die Beckenbodenmuskeln zusammen
  • Die Muskeln jeweils 6 bis 8 Sekunden so stark wie möglich anspannen, ohne dabei andere Muskelpartien mit zu beanspruchen
  • Bis zu 10 mal wiederholen, Übung 3 mal täglich durchführen

Beckenbodenübung 3

  • Legen Sie sich auf den Bauch und winkeln Sie ein Bein an
  • Spannen Sie so Ihre Beckenbodenmuskeln an
  • Die Muskeln jeweils 6 bis 8 Sekunden so stark wie möglich anspannen, ohne dabei andere Muskelpartien mit zu beanspruchen
  • Bis zu 10 mal wiederholen, Übung 3 mal täglich durchführen

Beckenbodenübung 4

  • Rückenlage, Beine anwinkeln, Füsse weit auseinander
  • Mit den Händen an Gesäss und Bauch kontrollieren Sie die Muskelpartien, die nicht beansprucht werden sollen
  • Spannen Sie nun Ihre Beckenbodenmuskeln an
  • Die Muskeln jeweils 6 bis 8 Sekunden so stark wie möglich anspannen, ohne dabei andere Muskelpartien mit zu beanspruchen
  • Bis zu 10 mal wiederholen, Übung 3 mal täglich durchführen

Beckenbodenübung 5

  • Gehen Sie in den Schneidersitz und halten Sie den Rücken gerade
  • Jetzt die Beckenbodenmuskeln nach oben und innen heben
  • Die Muskeln jeweils 6 bis 8 Sekunden so stark wie möglich anspannen, ohne dabei andere Muskelpartien mit zu beanspruchen
  • Bis zu 10 mal wiederholen, Übung 3 mal täglich durchführen

Beckenbodenübung 6

  • Beine leicht gebeugt und gespreizt
  • Stützen Sie sich mit den Händen auf die Oberschenkel, dabei sollte der Rücken gerade bleiben
  • Ziehen Sie die Beckenbodenmuskulatur jetzt nach oben und innen
  • Die Muskeln jeweils 6 bis 8 Sekunden so stark wie möglich anspannen, ohne dabei andere Muskelpartien mit zu beanspruchen
  • Bis zu 10 mal wiederholen, Übung 3 mal täglich durchführen

Weitere Behandlungsmöglichkeiten

Für die Pessar– oder Konustherapie gibt es nur wenige Daten und es konnte kein Vorteil für einen bestimmten Pessartyp nachgewiesen werden. Im Übrigen werden mit Pessaren nur die Symptome und nicht die Ursache der Inkontinenz angegangen.

Vaginalkonen und Biofeedback können die positiven Effekte eines durchgeführten Beckenbodentrainings verstärken, ebenso wie Elektrostimulation oder Magnetstimulation (ExMi). Hierzu gibt es mehrere Studien, die belegen, dass eine Elektrostimulation zu einer Verbesserung der Belastungsinkontinenz der Frau führt. Allerdings besteht hierfür kein höherer Evidenzgrad oder Empfehlungsgrad.

Für eine medikamentöse Therapie steht derzeit nur ein Serotonin-Reuptake-Inhibitor zur Verfügung (Duloxetin), der für die Behandlung der weiblichen Belastungsinkontinenz zugelassen ist und auch bei der männlichen Belastungsinkontinenz „off-label“ eingesetzt werden kann. Für Duloxetin konnte ein positiver Therapieeffekt nachgewiesen werden, wenn auch im Rahmen von grossen Studien nur 10 % der Patientinnen komplett kontinent wurden.

Bei den minimal-invasiven Operationsmethoden (TVT und TOT) werden Kontinenzraten von 80 % – 90 % erreicht. Diese Raten entsprechen denen der invasiveren Operationsmethoden wie Kolposuspension nach Burch oder Faszienzügelplastik.

Zusammenfassung: Behandlung der Belastungsinkontinenz

Es existieren verschieden Formen der Therapie der Belastungsinkontinenz. Eine Kombination von Beckenbodentraining mit Biofeedbackunterstützung oder mit Elektrostimulation bzw. Magnetstimulation und einer medikamentösen Therapie führt meist zu einer deutlichen Besserung der Beschwerden.

Da auch nach operativer Therapie, die nach Empfehlung der internationalen Fachgesellschaften erst nach Ausreizen aller konservativer Möglichkeiten durchgeführt werden sollte, weiterhin supportive konservative Massnahmen notwendig sind, sollten diese Therapiekaskaden im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes empfohlen und auch eingehalten werden.

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