Speiseröhrenkrebs (Ösophaguskarzinom)

12.12.2019
Prof. Dr. med. Paul Magnus Schneider
Medizinischer Fachautor
Der Speiseröhrenkrebs, auch Ösophaguskarzinom genannt, ist eine bösartige Krebserkrankung der Speiseröhre (Ösophagus). In Deutschland erkrankten 2018 etwa 5700 Männer und 1700 Frauen neu am Krebs der Speiseröhre. Das mittlere Erkrankungsalter lag 2014 bei 67 Jahren für Männer und 71 Jahren für Frauen. Grundsätzlich wird zwischen Adenokarzinomen und Plattenepithelkarzinomen unterschieden. Während das Adenokarzinom, das auch als Barrett-Karzinom bezeichnet wird und fast ausschliesslich am Übergang zum Magen vorkommt, seinen Ursprung im Drüsengewebe hat, geht das Plattenepithelkarzinom von der Schleimhaut aus. Mit 50 bis 60 Prozent machen Plattenepithelkarzinome den grössten Anteil aus, Adenokarzinome etwa ein Drittel.
ICD-Codes für diese Krankheit: C15

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Was ist die Speiseröhre?

Die Speiseröhre (Ösophagus) ist ein etwa 25 Zentimeter langer muskulöser Schlauch mit einem Durchmesser von etwa zwei Zentimeter, der mittels wellenförmigen Bewegungen den Nahrungsbrei vom Mund in den Magen befördert. Schliessmuskeln am oberen und unteren Ende verschliessen die die Speiseröhre zum Mund und zum Magen und öffnen sich bei Bedarf für den Weitertransport der Nahrung. Sie gliedert sich in drei Abschnitte:

  • Halsteil (zervikaler Bereich)
  • Brustteil (thorakaler Bereich)
  • Übergangsbereich Speiseröhre-Magen (ösophagogastraler Übergang)
Verdauungsorgane des Menschen

Innen ist die Speiseröhre von einer Schleimhaut (Mukosa) ausgekleidet, deren oberste Schicht aus Plattenepithelzellen besteht. Darüber folgen eine Schicht mit Nerven, Blutgefässen und Drüsen und dann eine Muskelschicht. Eine Bindegewebeschicht verbindet die Speiseröhre mit anderen Organen. Am Übergang zum Magen geht die Schleimhaut der Speiseröhre in die drüsenreiche Schleimhaut des Magens über.

Speiseröhrenkrebs – die Symptome

Die Speiseröhre ist ein sehr dehnbares Organ. Beschwerden entstehen daher erst in einem späten Stadium, wenn der Tumor so gross ist, dass er die Funktionalität des Organs beeinträchtigt. Das Ösophaguskarzinom wird deshalb häufig auch als "stiller Krebs" bezeichnet. Ein Leitsymptom der späteren Krankheitsstadien ist die Dysphagie (Schluckstörung). Dabei ist der Schluckvorgang durch den raumfordernden Tumor gestört. Die Patienten nehmen dies als Schmerzen hinter dem Brustbein oder im Oberbauch wahr, die mit Druckgefühlen einhergehen.

Damit die Schluckbeschwerden überhaupt auftreten, muss der Krebs die Speiseröhre bereits deutlich verengt haben. Durch die Verengung der Speiseröhre ist die Nahrungsaufnahme erschwert, sodass viele Patienten keine festen Speisen mehr zu sich nehmen können. Dadurch verlieren sie innerhalb weniger Wochen mehrere Kilogramm Körpergewicht. Bei einem Grossteil der Erkrankungsfälle geht das Ösophaguskarzinom deshalb mit einem ungewollten Gewichtsverlust einher. Weitere Beschwerden können Erbrechen, Appetitmangel und Verdauungsstörungen sein.

Rund ein Drittel der Betroffenen klagt zudem über eine Regurgitation, also ein Zurückwürgen von Nahrung, und einen vermehrten Speichelfluss. Tritt der Krebs im unteren Teil des Ösophagus auf, kann Hustenreiz ein mögliches Symptom sein. Drückt der Tumor zusätzlich auf den Kehlkopf oder die Stimmbänder, verursacht der Speiseröhrenkrebs auch Heiserkeit. Im fortgeschrittenen Verlauf und bei einer Metastasierung lassen sich ferner vergrösserte Lymphknoten im Halsbereich tasten.

Ursachen des Ösophaguskarzinoms

Warum ein Tumor in der Speiseröhre entsteht, konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Es gibt jedoch bestimmte Faktoren, die das Erkrankungsrisiko erhöhen.

Die wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung eines Plattenepithelkarzinoms sind das Rauchen und ein vermehrter Konsum von hochprozentigem Alkohol. Auch eine unausgewogene Ernährung mit einem geringen Anteil an Obst und Gemüse sowie der häufige Verzehr von sehr heissen Speisen und Getränken können das Erkrankungsrisiko erhöhen.

Adenokarzinome entstehen häufig als Folge einer Refluxerkrankung, bei der saurer Magensaft anhaltend in die Speiseröhre fliesst und das dortige Gewebe reizt (chronisches Sodbrennen). Dieser chronische Rückfluss von Verdauungsflüssigkeiten in den Ösophagus begünstigt die Entstehung des Barrett-Ösophagus. Es handelt sich dabei um eine entzündliche Veränderung des unteren Ösophagusteils am Übergang zum Magen (ösophagogastraler Übergang) mit Geschwürbildung. Der Barrett-Ösophagus ist eine sogenannte Präkanzerose (Krebsvorstufe), aus der sich ein Karzinom entwickeln kann. Daher wird das Adenokarzinom auch als Barrett-Karzinom bezeichnet. Weitere Risikofaktoren für die Entstehung eines Adenokarzinoms sind ebenfalls Rauchen und ein geringer Obst- und Gemüsekonsum sowie Übergewicht.

Ein Grossteil der Speiseröhrentumoren entwickelt sich aus einer Krebsvorstufe. Auch das Plummer-Vinson-Syndrom ist eine Präkanzerose, auf dessen Boden ein Speiseröhrentumor entstehen kann. Das Syndrom entwickelt sich bei einer länger bestehenden Eisenmangelanämie und ist unter anderem durch eingerissene Mundwinkel und Schluckstörungen gekennzeichnet. Ebenso kann eine Achalasie (Funktionsstörung der Speiseröhre) auf lange Sicht Speiseröhrenkrebs zur Folge haben. Bei der Ösophagusachalasie ist die Funktion des unteren Speiseröhrenschliessmuskels gestört, sodass unter anderem unverdaute Nahrung aus dem Magen in die Speiseröhre zurückströmen kann.

Neben den oben genannten Risikofaktoren können weitere Faktoren die Entstehung des Ösophaguskarzinoms begünstigen:

  • Vernarbungen nach Verätzungen mit Laugen
  • Eine vorausgegangene Strahlentherapie im Bereich der Speiseröhre zur Behandlung anderer Krebsarten

Ob auch Infektionen mit humanen Papillomaviren einen Einfluss haben, ist nicht gesichert.

Diagnose des Ösophaguskarzinoms

Vorerkrankungen sowie das Vorliegen von Risikofaktoren in Kombination mit Schluckbeschwerden, Heiserkeit oder Husten können als erster Hinweis auf einen möglichen Speiseröhrenkrebs gewertet werden. Zur Sicherung der Diagnose muss der Arzt jedoch eine Spiegelung der Speiseröhre (Ösophagoskopie) vornehmen. Dabei führt er über den Mund ein dünnes, schlauchförmiges und flexibles Instrument mit integrierter Lichtquelle und Kamera (Endoskop) in die Speiseröhre ein, um die Oberfläche des Ösophagus auf krankhafte Gewebeveränderungen zu untersuchen. Zur besseren Erkennung von Gewebeveränderungen können Schleimhautbereiche angefärbt (Chromoendoskopie) und computerunterstützt ausgewertet werden. Zeigen sich verdächtige Areale, kann der Arzt zudem sofort eine Gewebeprobe entnehmen, die dann im Labor feingeweblich von einem Pathologen untersucht wird. Damit lässt sich Speiseröhrenkrebs eindeutig feststellen.

Um die geeignete Therapie einleiten zu können, müssen die Grösse und Ausbreitung des Tumors bestimmt werden. Mithilfe einer endoskopischen Ultraschalluntersuchung (Endosonographie) lässt sich beurteilen, wie weit der Tumor bereits in die Tiefe gewachsen ist und ob er sich auf benachbartes Gewebe ausgedehnt hat. Computertomographie (CT) von Hals, Brustkorb und Bauchraum sowie eine Ultraschalluntersuchung der Leber dienen der Ausbreitungsdiagnostik, also der Suche nach möglichen Metastasen und dem Befall von Nachbargewebe. Bei fortgeschrittenen Tumoren kann auch die PET/CT (Kombinationsuntersuchung von Positronenemissionstomographie und CT), gegebenenfalls eine Kernspinuntersuchung (MRT) als Alternative zum CT sowie eine Laparoskopie (Bauchspiegelung) und/oder Thorakoskopie (Spiegelung des Brusthöhle und des Brustfells) zum Nachweis von Metastasen eingesetzt werden.

Therapie des Ösophaguskarzinoms

Patienten mit Speiseröhrenkrebs sollten an spezialisierten Zentren von erfahrenen Experten versorgt werden. Im Rahmen eines interdisziplinären Tumorboards wird unter Beteiligung von Radiologen, Gastroenterologen, Onkologen, Radioonkologen und gegebenenfalls zusätzlicher Spezialdisziplinen ausführlich besprochen, welche Behandlung für den Patienten die bestmögliche ist.

Die Behandlungsmethoden, die zur Therapie des Ösophaguskarzinoms zum Einsatz kommen, hängen von Lage, Ausdehnung, Art und Aggressivität des Tumors ab, also auch davon, ob er lokal beschränkt ist oder sich bereits auf benachbarte Gewebe oder andere Organe ausgebreitet hat. Das entscheidende Verfahren ist jedoch die Operation, bei der der Tumor aus der Speiseröhre entfernt wird.

Vor der Operation wird häufig eine Chemotherapie oder eine kombinierte Strahlenchemotherapie durchgeführt. Durch diese neoadjuvanten Behandlungsmethoden lassen sich die Erfolgsaussichten steigern.

In frühen Stadien der Krebserkrankung, das heisst bei kleinen, noch auf die Ösophagusschleimhaut beschränkten Tumoren (sogenannte Frühkarzinome), werden im Rahmen einer Endoskopie (endoskopische Therapie) lediglich die oberen Anteile der Speiseröhrenschleimhaut mit einer Schlinge entfernt. Unter Umständen lässt sich die Speiseröhre so komplett erhalten.

Grössere Tumoren erfordern jedoch in der Regel eine vollständige oder zumindest teilweise Entfernung der Speiseröhre. Abhängig vom Zustand des Patienten und dem Ausmass der Krebserkrankung können Speiseröhrenentfernungen in offener chirurgischer Technik, teilweise (sogenannte Hybrid-Technik) oder komplett in minimal-invasiver Technik (Schlüssellochchirurgie; minimalinvasive Chirurgie des Speiseröhrenkrebses) durchgeführt werden. Durch den Einsatz der minimal-invasiven Speiseröhrenchirurgie können die Komplikationsraten der Speiseröhrenkrebs-OP deutlich gesenkt werden. Studien konnten die Vorteile der minimalinvasiven Speiseröhrenchirurgie für den Patienten belegen, so dass die Hybrid-Technik oder ein komplett minimalinvasiver Eingriff als neuer Goldstandard gilt.

Die verbleibenden Teile der Speiseröhre werden anschliessend mit dem Magen verbunden, sodass auch nach der Operation die Nahrungsaufnahme möglich ist. Ein Teil des Magens, der zu einem Magenschlauch geformt wurde, fungiert dann als Speiseröhrenersatz. Mit dieser Technik lässt sich eine sehr gute Schluckfunktion und damit Lebensqualität erreichen. Wenn auch der Magen teilweise oder komplett entfernt werden muss, kann ein Teil des Dünndarms zur Speiseröhre umgeformt werden.

Um die Prognose zu verbessern, werden auch die Lymphknoten im Bauch und Brustkorb/Mittelfell (sogenannte 2-Feld-Lymphadenektomie), in manchen Fällen zusätzlich am Hals (sogenannte 3-Feld-Lymphadenektomie) mit entfernt.

Haben sich bereits Metastasen in anderen Organen gebildet, dient die Operation nicht der Heilung, sondern vielmehr der Linderung der Beschwerden.

Prognose des Ösophaguskarzinoms

Die Prognose des Ösophaguskarzinoms ist eher ungünstig, da der Tumor häufig spät entdeckt wird und sich bei den meisten Patienten bereits Metastasen gebildet haben. Nur jeder siebte Tumor wird in einem frühen Stadium entdeckt. Fünf Jahre nach der Diagnosestellung leben noch rund 21 Prozent der Patienten.

  • Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (2018) Diagnostik und Therapie der Plattenepithelkarzinome und Adenokarzinome des Ösophagus. S3-Leitlinie. AWMF-Register-Nr.: 021-023OL. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/021-023OLl_Plattenepithel_Adenokarzinom_Oesophagus_2019-01.pdf
  • „Leitlinienprogramm Onkologie“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V., der Deutschen Krebsgesellschaft e. V. und der Stiftung Deutsche Krebshilfe (2018). Krebs der Speiseröhre. Eine Leitlinie für Patientinnen und Patienten. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/021-023OLp_S3_Oesophaguskarzinom_2016-09.pdf
  • Zander T (2015) Ösophaguskarzinom. In: Lehnert H et al. (eds) DGIM Innere Medizin. Springer Reference Medizin. Springer, Berlin, Heidelberg
  • Zentrum für Krebsregisterdaten (2017) Speiseröhrenkrebs (Ösophaguskarzinom). In: Krebs in Deutschlandfür 2013/2014. Robert Koch-Institut, Berlin. https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/kid_2017/krebs_in_deutschland_2017.pdf?__blob=publicationFile
  • Schneider, Prof. Dr. med. Paul M. (2016): Minimalinvasive Chirurgie des Speiseröhrenkrebses. In: Patientenzeitschrift „Mittelpunkt“ (02/16), Klinik Hirslanden, Zürich, Schweiz.
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