Das zu den Gliomen zählende Astrozytom ist einer der am häufigsten auftretende Hirntumor. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet bei diesem Gehirntumor nach seiner Gut- bzw. Bösartigkeit im Wesentlichen drei Schweregrade: das pilozytische Astrozytom (Grad 1), das diffuse Astrozytom (Grad 2) und das anaplastische Astrozytom (Grad 3), welches bereits als bösartiger Tumor eingestuft wird. Die beiden letztgenannten Grade 2 und 3 können ausserdem in das Glioblastom (Astrozytom-Grad-4) übergehen.

ICD-Codes für diese Krankheit: C71.1, C71.2

Artikelübersicht

Empfohlene Spezialisten

Was ist ein Astrozytom und welche Schweregrade gibt es?

Das pilozytische Astrozytom (Grad 1) kommt meist bei Kindern und jungen Erwachsenen vor, es ist der häufigste Gehirntumor des Kindesalters. Betroffen sind hauptsächlich das Kleinhirn, die Basalganglien, der Thalamus, der Hirnstamm und der Sehnerv (Nervus opticus; sog. Optikusgliom). Der Hirntumor Grad 1 wird nur langsam grösser und ist hinsichtlich seiner Wachstumseigenschaften deutlich vom umliegenden Hirngewebe abgegrenzt. Er verläuft in 99 Prozent der Fälle gutartig und ist bei vollständiger operativer Entfernung heilbar.

Vom diffusen Astrozytom (Grad 2) sind meist Personen des mittleren Lebensalters (30. bis 40. Lebensjahr) betroffen. Er befindet sich in den meisten Fällen in der weissen Substanz des Grosshirns, häufig im Bereich des Stirnlappens, seltener im Schläfen- oder Scheitellappen. Darüber hinaus kann es aber auch in anderen Bereichen des Gehirns vorkommen, wie Thalamus, Mittelhirn und Brücke. Das Grad-2-Astrozytom wächst sehr langsam, aber beeinträchtigt dabei auch gesundes Gewebe in seinem Umfeld ("diffuses Wachstum"). In etwa 10 Prozent der Fälle pro Jahr kommt es unbehandelt zu einer bösartigen Entartung.

Ein anaplastisches Astrozytom (Grad 3) kommt bei Menschen vor, die zwischen 35 und 45 Jahre alt sind. Der Tumor vergrössert sich schneller als beim Grad 2. Er ist im Grosshirn lokalisiert und kann sich ebenfalls zum Glioblastom weiterentwickeln.

Das Glioblastom (Grad 4) kommt in der Regel bei Menschen nach dem 50. Lebensjahr vor und ist das bösartigste und mit 3 Neuerkrankungen auf 100.000 Personen das am häufigsten auftretende Gliom. Der Tumor geht hauptsächlich von der weissen Substanz des Grosshirns aus und wächst infiltrierend, das heisst, in das gesunde Hirngewebe hinein.

Symptome

Grundsätzlich entwickelt das Astrozytom ähnliche Symptome wie andere Hirntumoren. Welche von ihnen bei dem jeweiligen Patienten auftreten, hängt davon ab, an welcher Stelle im Gehirn sich das Astrozytom befindet und wie gross es ist.

In der Nähe der Sehbahn befindliche Astrozytome beeinträchtigen das Sehvermögen, und es kommt zu einem Hervortreten des Augapfels (sog. Exophthalmus). Wächst der Tumor im Kleinhirn, leidet der Patient an Zittern der Hände, gestörtem Koordinationsvermögen der Gliedmassen und anderen von dieser Gehirnregion gesteuerten Funktionen. Weitere mögliche Symptome eines Gehirntumors sind Schwindelgefühle, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Persönlichkeitsveränderungen, Lähmungserscheinungen, Gangunsicherheit und Fallneigung sowie Krampfanfälle.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Tumorart bildet sich aus den Astrozyten. Dieser Zelltyp gehört zur Gruppe der Stützzellen (Gliazellen) im Gehirn. Stützzellen sind für die Abgrenzung der Nervenzellen von den Blutgefässen und der Oberfläche des Gehirns zuständig. Astrozytome entstehen durch genetische Veränderungen, die eine Störung der Wachstumskontrolle von Astrozyten zur Folge haben. Dadurch kommt es zu ungehemmten Zellteilungen und zur Entstehung eines Tumors.

Als Ursachen für solche genetischen Veränderungen werden verschiedene Faktoren diskutiert. Als gesichert gilt, dass sich Hirntumoren als Folge einer Strahlentherapie entwickeln können.

Die Medizin geht jedoch davon aus, dass das Astrozytom meist nicht erblich bedingt ist. Es gibt allerdings bestimmte genetisch bedingte Erkrankungen, wie die Neurofibromatose vom Typ 1 und 2 (eine seltene Hauterkrankung), bei denen Astrozytome gehäuft auftreten.

Untersuchungen und Diagnose

Die wichtigste Methode bei Verdacht auf ein Astrozytom ist die Magnetresonanztomographie (MRT, auch Kernspintomographie genannt, Abb.1). Mithilfe eines Kontrastmittels erkennen Neurologen das Astrozytom als entweder gut abgegrenzten oder diffusen Bereich im Kernspintomogramm.

Bei einem Astrozytom Grad 1 leuchtet die betroffene Hirnregion deutlich auf, da der Tumor scharf begrenzt ist. Tumoren der Grade 2 und 3 sind nur als mehr oder weniger dunkle Areale zu erkennen. Das Glioblastom ist als ringförmiges Gebilde zu sehen.

Astrozytom - MRT Diagnostik - Abb.1
Abb. 1: MRT-Bild eines Astrozytoms. Im Tumor-Bild ist es heller als das normale Gehirn. Der Tumorgrad WHO II oder WHO III und das molekulare Profil als Astrozytom sind nicht auf dem MRT zu erkennen. Mit speziellen metabolischen Sequenzen oder einer PET-Untersuchung ist das teilweise möglich. Erst die Untersuchung von entnommenen Gewebe (Biopsie) bringt die Diagnose der molekularen Eigenschaften und Methylierungsmerkmale des Tumors. [Quelle: Prof. Dr. Andreas Raabe; Inselspital Bern]

Zur Sicherung der Diagnose dient oft eine Biopsie. Dabei entnimmt der Neurochirurg operativ eine Gewebeprobe aus der betroffenen Hirnregion und lässt sie im Labor auf bösartige Zellen untersuchen. Das Ergebnis dieser feingeweblichen (histologischen) Untersuchung ist wichtig, um den Grad der Bösartigkeit des Tumors zu bestimmen und daran anschliessend die Therapie zu planen.

In ausgewählten Fällen wird auf das Vorhandensein bestimmter molekularer Marker hin untersucht, da ihre Präsenz bzw. Fehlen einen Einfluss auf die Prognose und Therapieentscheidung haben kann.

Eine weitere Untersuchungsmethode ist die Liquor-Diagnostik (Entnahme und Untersuchung von Flüssigkeit aus dem Rückenmark). Sie spielt insbesondere bei der Abgrenzung zu anderen Krankheiten eine Rolle.

Behandlung von Astrozytomen

Bei der Therapieentscheidung muss der behandelnde Arzt Risiken und Nutzen abwägen und das Alter des Patienten, den Allgemeinzustand und den neurologischen Zustand in die Therapieplanung miteinbeziehen.

Neben diesen sogenannten, nicht-beeinflussbaren Faktoren gibt es noch beeinflussbare Faktoren, die den Erfolg einer Behandlung des Astrozytoms bestimmer. Dazu gehören u. a. die Zeit bis zur Operation (je kürzer, desto besser), das Ausmass der Tumorresektion (Verkleinerung vs. Komplette Tumorresektion) sowie die Aufnahme einer Chemotherapie / Bestrahlung bei inoperablen Astrozytomen.

Grundsätzlich stehen als therapeutische Möglichkeiten beim Astrozytem somit eine Operation, eine Strahlentherapie und eine Chemotherapie zur Verfügung.

Operation

Die moderne Strategie der sehr zeitigen Operation des Astrozytoms beruht auf relativ neuen Beobachtungen. Ein Vergleich der Überlebenszeiten von Patienten aus zwei Universitäten mit zwei unterschiedlichen, aber konsequent verfolgten Strategien hat einen klaren Überlebensvorteil für operierte Patienten gezeigt.

Die Verlaufsbeobachtung über Jahre hinweg oder eine alleinige Biopsie und Chemotherapie bzw. Bestrahlung ohne Operation führten hingegen häufiger zur malignen Entartung und einem damit einhergehenden beschleunigten Krankheitsverlauf.

Beim pilozytischen Astrozytom (WHO-Grad 1) reicht meist der operative Eingriff aus. Befindet sich der Tumor im Kleinhirn, lässt er sich in den meisten Fällen vollständig entfernen und hat damit eine sehr gute Prognose. Die Symptome bessern sich dann rasch. Pilozytische Astrozytome in den Basalganglien, im Thalamus und im Hirnstamm werden mit mikrochirurgischen Methoden entfernt – eine komplette Entfernung ist aber häufig nicht möglich, sodass sich in der Regel eine Strahlentherapie anschliesst.

Insbesondere kleinere diffuse Astrozytome (WHO-Grad 2) können operativ entfernt werden. Abhängig vom Ergebnis der feingeweblichen Untersuchung wird dann entweder abgewartet, ob sich nach der Hirntumor-Operation ein erneutes Tumorwachstum einstellt, oder es wird mit einer Bestrahlung begonnen.

Ziel einer Operation ist normalerweise die vollständige Entfernung des Tumorgewebes. Da der Tumor aber auch in gesundes Gehirngewebe hineinwächst, besteht die Gefahr von neurologischen Ausfällen, wenn auch gesundes Gehirngewebe mit dem Tumorgewebe entfernt wird. Deshalb können grössere Tumoren in der Regel nicht vollständig entfernt werden. In diesen Fällen ist die Strahlentherapie von Bedeutung. Nur bei sehr ausgedehnten Tumoren und bei einem erneuten Tumorwachstum nach einer Strahlentherapie werden die Patienten mit Zytostatika (Chemotherapie) behandeln.

Da auch das anaplastische Astrozytom (WHO-Grad 3) in gesundes Gewebe hineinwächst, ist eine komplette operative Entfernung wie bei den anderen Gliomen nicht möglich. Das Ziel der Operation besteht vielmehr darin, die Grösse des Tumors zu reduzieren und so die Erfolgsaussichten der anschliessenden Strahlenbehandlung oder der Chemotherapie zu erhöhen.

Verlauf und Prognose bei Astrozytomen

Nach Diagnose eines Astrozytoms erfolgt in der Regel lebenslang eine Verlaufskontrolle mittels MRT. Dabei wird das Intervall der Bildgebung jedoch individuell angepasst. Als Standard gelten derzeit die folgenden Zeiten:

  • alle 3 Monate: nach der Operation, bei WHO-Grad III, bei sichtbaren Tumorresten, bei IDH-Wildtyp-Tumoren sowie bei PET-aktiven Tumorresten,
  • alle 3-12 Monate: je nach Tumorart, molekularem Profil, Resektionsgrad und vorheriger Zeit der Tumorfreiheit bzw. progressionsfreiem Intervall.
Obwohl für die meisten Patienten nach dem Berner OPTIMISST-Protokoll bereits am Tag nach der Operation das Aktivitätsniveau wie vor der OP angestrebt wird, sollten gerade bei grösseren Tumoren oder komplizierter Lage etwa ein bis zwei Monate zur Erholung nach der Operation eingeplant werden. Hier gilt es, innerhalb der Familie und mit dem Arbeitgeber optimale und stressfreie Verhältnisse für die Operation zu schaffen.
Bei besonders schwierigen Operationen mit zu erwartenden, aber in 95% der Fälle vorübergehenden Defiziten ist eine konzentrierte Neurorehabilitation einzuplanen. Spätestens eine Woche nach der Operation liegt zudem die Gewebediagnose vor, nach einer weiteren Woche die molekulare Diagnose und es erfolgt eine individuelle Planung des weiteren Vorgehens im Tumorboard.
Prognostisch gesehen hat der Grad des festgestellten Astrozytoms einen grossen Einfluss auf den weiteren Verlauf des Lebens und der Erkrankung:
  • Astrozytome des Grades 1 haben eine günstige Prognose. Fünf Jahre nach der Diagnose des Tumors lebten noch 9 von 10 Patienten. Die meisten Patienten gelten zudem nach dem operativen Eingriff als „geheilt“, wenn der Tumor im MRT komplett entfernt werden kann, da dieser beim Grad 1 in der Regel nicht in das Gewebe einwächst.
  • Bei Patienten mit Tumoren vom Grad 2 ist oft nach 2-8 Jahren eine weitere Operation notwendig. Bei kleinen Tumoren und günstigen Tumoreigenschaften kann es möglich sein, dass eine Operation mehr als 99,99% der Tumorzellen entfernt und nur wenige verbleiben. Da von diesen nicht alle Zellen wieder wachsen, gibt es Patienten, bei denen der Tumor sich über Jahrzehnte und zu Lebzeiten nicht wieder ausbildet. Man spricht daher richtigerweise eher von einer „Langzeit-Kontrolle“ als von Heilung.
  • Beim Grad 3 wächst das Tumorgewebe rascher nach. Je nach den genauen Zelleigenschaften ist aber auch Tumorfreiheit über mehrere Jahre möglich. Die Lebenserwartung bei Patienten mit Astrozytom Grad 3 ist sehr viel geringer als die bei Patienten mit Astrozytom Grad 1. Die ungünstigste Prognose hat allerdings das Astrozytom Grad 4 (“Glioblastom“): Fünf Jahre nach der Diagnose lebten nur noch 5 von 100 Patienten. Allerdings können mithilfe moderner Chemotherapien die Überlebenszeiten insbesondere bei jüngeren Patienten verlängert werden.

Quellen

  • Back M et al., Influence of molecular classification in anaplastic glioma for determining outcome and future approach to management. J Med Imaging Radiat Oncol 2019; doi:10.1111/1754-9485.12850
  • Feiden S & Feiden W. WHO-Klassifikation der ZNS-Tumoren. Pathologe 2008; 29, 411–421
  • Jakola AS et al., Comparison of a strategy favoring early surgical resection vs a strategy favoring watchful waiting in low-grade gliomas. JAMA 2012; 308(18): 1881–1888
  • Jones DT et al., Recurrent somatic alterations of FGFR1 and NTRK2 in pilocytic astrocytoma. Nat Genet 2013; 45: 927–932
  • krebshilfe.de/infomaterial/Blaue_Ratgeber/Gehirntumoren_BlaueRatgeber_DeutscheKrebshilfe.pdf
  • Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. AWMF-Registernummer: 030/099 [derzeit in Überarbeitung bis voraussichtl. Ende 2019]
  • Weller M (2014) Gliome - Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Herausgegeben von der Kommission
  • Wick W., Astrozytäre Tumoren (Gliome). In: Hacke W (Hrsg) Neurologie. 2015. Springer, Heidelberg

Zuletzt aktualisiert am 19.09.2019