Hyperemesis gravidarum - übermäßige Schwangerschaftsübelkeit

29.04.2020
Prof. Dr. med. Richard Berger
Medizinischer Fachautor
Sie wissen bereits, dass Sie schwanger sind, Ihnen ist oft schlecht und Sie erbrechen? Ein gewisser Grad von Unwohlsein in der frühesten Schwangerschaft ist völlig normal und kein Grund zur Sorge, eher im Gegenteil. Nur in seltenen Fällen nehmen die Übelkeit (Nausea) und das Brechen (Emesis gravidarum) überhand und sollten frühestmöglich behandelt werden. Dies ist der Fall bei der Hyperemesis gavidarum, der übermässigen Schwangerschaftsübelkeit. Wann genau eine Hyperemesis gravidarum vorliegen könnte, was das bedeutet und was zu tun ist, erfahren Sie hier.
ICD-Codes für diese Krankheit: O21

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Artikelübersicht

Was genau ist eine Hyperemesis gravidarum?

Übersetzt bedeutet der Begriff „übermässiges Erbrechen in der Schwangerschaft“. Die Vorsilbe „hyper“ grenzt ab vom klassischen und harmlosen Schwangerschaftsübergeben, der „Emesis gravidarum“, sehr früh im ersten Trimenon. Diese Art Unwohlsein tritt bei weit mehr als der Hälfte aller schwangeren Frauen auf, ist also recht normal und kündigt ein neues Leben an.

Zwischen 0,2 und 2 Prozent der Schwangeren ab der 4. bis 9. Schwangerschaftswoche leiden dagegen etwas mehr. Hyperemesis gravidarum zeichnet sich aus durch eine Tag und Nacht andauernde Übelkeit, unstillbaren Brechreiz gepaart mit starker Gewichtsabnahme (über 5 % des Körpergewichts) und Schwäche. Geraten ohne Gegenmassnahmen der Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt und auch der Ernährungszustand aus dem Gleis, sind ernste Mangelzustände (Mineralstoffe, Zucker, Vitamine, Fette) möglich.

Welche Symptome weisen auf extremes Schwangerschaftserbrechen hin?

„Normale Schwangerschaftsübelkeit“ mit Erbrechen beginnt oft schon in der 2. bis 4. Woche, klingt zu 80 Prozent zwischen der 12. und 16. Woche wieder ab und verschwindet ohne Nachwirkungen. Betroffene übergeben sich vorwiegend morgens und erholen sich davon gut. Allenfalls Sodbrennen kommt hinzu und eventuell eine geringe Gewichtsabnahme.

Ganz im Gegensatz zur Hyperemesis gravidarum, bei der Schwangere unter stärkeren und längeren Symptomen leiden. Zu den typischen Symptomen und Anzeichen von Hyperemesis zählen:

  • andauernde Übelkeit
  • über 5 mal Erbrechen innerhalb 24 Stunden
  • Nüchternerbrechen
  • über 5 Prozent Gewichtsverlust
  • Kreislaufschwäche (Schwindel, schneller Puls)
  • äussere Zeichen für Wassermangel: gerötete trockene Schleimhäute, trockene Zunge, stehenbleibende Hautfalten, eingefallene Augen, Durst und reduzierter Harn
  • Ketose: Ketonkörper im Harn, fruchtartiger Atemgeruch
  • erhöhte Temperatur

Bei länger andauernder und schwerer Verlaufsform können zusätzlich weitere Symptome hinzukommen, wie zum Beispiel Gelbsucht, Nerven- und Muskelbeschwerden, Blutgerinnungsstörungen sowie Benommenheit und Bewusstseinstrübungen bis zum Delirium.

Hyperemesis gravidarum: Welche Ursachen und Risiken sind bekannt?

Weshalb manche schwangere Frauen eine übermässige Schwangerschaftsübelkeit entwickeln, ist noch nicht vollständig geklärt. Die möglichen Ursachen können bestehende Vorerkrankungen, ungünstige Begleitumstände der Schwangerschaft oder die Schwankungen des Hormonsystems sein. 

Folgende Punkte als mögliche Ursachen der starken Schwangerschaftsübelkeit:

  • Stress und Anspannung
  • besondere Geruchsempfindlichkeit
  • psychosomatische Störungen
  • erhöhte Hormonspiegel: hCG (humanes Choriongonadotropin), Östrogen, Prostaglandin, Schilddrüsenhormone (T4, TSH)
  • Vitamin-B-Mangel
  • Trägheit von Speiseröhre und Magen
  • unzureichender unterer Speiseröhrenverschluss
  • Infektion mit dem Magengeschwür-Erreger Helicobacter pylori
  • genetische Disposition

Eine Schwangerschaft fordert körperliche Höchstleistungen von der schwangeren Frau. Risikofaktoren, wie Übergewicht (Adipositas), Ernährungsstörungen (Bulimie, Anorexie), Schilddrüsenerkrankungen (Schilddrüsenüberfunktion, Hashimoto Thyreoiditis) oder Erkrankungen der Nebenschilddrüsen (Hyperparathyreoidismus) können die Entwicklung einer Hyperemesis begünstigen.

Auch eine späte erste Schwangerschaft (Nullparität), eine Mehrlingsschwangerschaft oder Störungen der Embryonalentwicklung (Blasenmole) zählen zu den Risikofaktoren. Gab es bei einer vorhergehenden Schwangerschaft bereits eine Hyperemesis gravidarum, kann diese Form der Schwangerschaftsübelkeit erneut auftreten - dies muss aber nicht in jedem Fall so sein. Mit dem Vorwissen, Vorsichtsmassnahmen und einer von Anfang an engmaschigen Betreuung der Schwangerschaft, kann diese auch völlig “normal” verlaufen.

Wann steht ein Arztbesuch an und wie erfolgt die Diagnose?

Ausgeprägte Mangelzustände (Wasser, Salze, Vitamine, Nährstoffe) durch Dauererbrechen sind in der Schwangerschaft besonders ungünstig, das leuchtet sofort ein. Ist das extreme Schwangerschaftserbrechen stark ausgeprägt, wird eine frühzeitige Behandlung umso wichtiger, damit für Mutter und Kind keine Gefahr daraus erwächst und ernste Komplikationen drohen.

Wenn Ihnen innerhalb der ersten 14 Schwangerschaftswochen pausenlos übel ist, Sie deshalb kaum noch essen, häufig am Tag erbrechen und sich zunehmend schwach fühlen, ziehen Sie umgehend Ihren Arzt zurate. Mehr als 5 mal tägliches Erbrechen ist nur eine „klinische Daumenregel“. Viel wichtiger ist Ihr persönliches Empfinden zu Ihrem Zustand und dass Sie merklich an Gewicht und Kraft verlieren, sich krank fühlen

Fachärztinnen und Fachärzte aus den Bereichen Gynäkologie, Geburtshilfe und Perinatalmedizin sind die richtigen Ansprechpartner für betroffene Frauen. Diese führen die Untersuchungen durch und ordnen die passende Behandlung an.

Die Diagnose stellt der Arzt im Ausschlussverfahren. Dazu dienen in erster Linie die klinischen Symptome, die körperliche Untersuchung und labordiagnostische Untersuchungen des Blutes. Dazu gehören ein sogenanntes Blutbild, mit dem die Entzündungsmarker CRP, Elektrolyt-, Leber-, Nieren- und Schilddrüsenwerte erfasst und kontrolliert werden. Eine Urinprobe gibt Aufschluss zu möglichen Ketonkörpern im Urin, das sind Stoffe, die beim Abbau von Fettsäuren im Körper entstehen. Zum Urinstatus gehören ausserdem die Dichte und der Säuregehalt des Urins.

Eine Ultraschalluntersuchung (Sonografie) zeigt, wie sich das ungeborene Baby entwickelt, prüft die Entwicklung der Schwangerschaft und zeigt womöglich, dass Mehrlinge in der Gebärmutter heranwachsen.

Dauert der Zustand mit ständigem Erbrechen und starker Übelkeit schon länger an, forscht der Arzt nach weiteren möglichen Ursachen. Die Hyperemesis gravidarum kann gleichzeitig mit verschiedenen Erkrankungen auftreten:

  • Präeklampsie (Bluthochdruck und Nierenstörung)
  • Schwangerschaftsfettleber
  • Entzündungen im Verdauungstrakt oder Urogenitalbereich
  • neurologische Krankheiten
  • Stoffwechsel-Erkrankungen
  • Medikamentenwirkungen

Der Diagnose Hyperemesis gravidarum ist der internationale ICD-Code O21 zugeordnet, je nach Schwere O21.0 mit Krankheitsgefühl aber ohne Entgleisung oder O21.1 mit Stoffwechselstörung.

Was sind die Behandlungsoptionen und wer führt sie durch?

Welche Behandlungsschritte folgen, richtet sich nach der Schwere der Symptome und dem Mangelstatus. Dazu setzt der Behandelnde an mehreren bis vielen Stellschrauben an. Primär gilt es, Übelkeit und Erbrechen zu stoppen und die Speicher wieder aufzufüllen. Der Frauenarzt wird Ihnen gezielt weiterhelfen und Ihnen Tipps geben, was Sie selbst tun können – auch zur Vorbeugung.

Essgewohnheiten optimieren bei Hyperemesis gravidarum

Die leichte Variante lindern Sie schon mit etwas geänderten Essgewohnheiten selbst. Meiden Sie Trigger wie Fettes, Scharfes, Saures, Süsses und starke Gerüche. Essen Sie über den Tag verteilt viele (6 bis 8) kleine Portionen. Hungern Sie nicht. Bereiten Sie sich Leckeres aus viel Protein und Kohlenhydraten zu. Trinken Sie zwischen den Mahlzeiten reichlich, aber in kleinen Schlucken, möglichst kalt, klar und nicht allzu süss: Limonade, Isotonisches, Pfefferminztee. Achten Sie auf Ruhe und meiden Sie Hitze oder hohe Luftfeuchte.

Komplementärmedizin und alternative Therapie-Ergänzungen

Gegen die normale Schwangerschaftsübelkeit und leichten Formen der Hyperemesis gravidarum wirken 1 bis 4 Gramm Ingwerwurzel täglich sehr gut. Manchen hilft auch Akupressur am Handgelenk (Pericardium 6), Akupunktur oder Psychotherapie.

Medikamentöse Therapie bei Hyperemesis gravidarum

Darüber hinaus übernimmt ein Gynäkologe die medikamentöse Therapie. Antihistaminika, Anticholinergika und Antiemetika beruhigen und lindern Brechreiz, einige verordnet der Arzt mit Vitamin B6 kombiniert. Serotonin-Rezeptorantagonisten wie Metoclopramid (MCP) oder Ondansetron zusammen mit B-Vitaminen kommen wegen gewisser Risiken erst bei schwerer Symptomatik in Betracht. Ein Medikament mit dem Wirkstoff Meclozin setzt direkt am Brechzentrum an und soll die Übelkeit eindämmen. Die Vermarktung wurde in Deutschland eingestellt, jedoch ist es über Auslandsapotheken unter dem Produknamen Agyrax weiterhin erhältlich.

Gegen Sodbrennen, Reflux (saures Aufstossen) oder Helicobacter-Infektion verschreibt er H2-Rezeptorblocker wie Ranitidin. Nutzen und Risiken der Medikamente bei Hyperemesis gravidarum wägt der Arzt sorgfältig ab, um Mutter und Kind nicht zusätzlich zu belasten.

Klinische Aufnahme und Behandlung

Nach starken Gewichtsverlusten ist parallel zur Medikation eine stationäre klinische Behandlung notwendig, in der die Mangelzustände mehrere Tage über Infusionen ausgeglichen werden. Eventuell bekommen Sie auch künstliche Ernährung, kurzzeitig Glukokortikoide (Methylprednisolon) oder ein Antidepressivum (Mirtazapin), um Ihnen über den Berg zu helfen. 

Behandlungsziel ist, die Schwangerschaft so lange wie möglich aufrecht zu erhalten, damit das Kind sich weiter entwickeln kann und nach Möglichkeit nicht zu früh geboren wird. Eine Geburt, spontan oder eingeleitet, ab der 37. Schwangerschaftswoche (SSW) bzw. mindestens 260 Tage gilt nicht mehr als Frühgeburt. Gleichzeitig ist es sehr wichtig, auf das Wohlergehen und die Gesundheit der werdenden Mutter zu achten. 

Wie sind die Erfolgsaussichten und ist Hyperemesis gravidarum vermeidbar?

Bei frühzeitiger Behandlung sind die mehrgleisigen Massnahmen gut wirksam, Patientinnen erholen sich schnell und die Schwangerschaft verläuft normal weiter. Sie können mit den oben genannten einfachen Mitteln – Leichtes Essen und Trinken in kleinen Häppchen – vorbeugen und bei Neigung zu Übelkeit auf Ingwer und Vitamin B6 zurückgreifen, weiteren Rat weiss der Gynäkologe.

Wie gefährlich ist Hyperemesis gravidarum und was sind die Folgen für Mutter und Kind?

Die starke Übelkeit führt bei der Schwangeren zu starken Mangelzuständen, körperlicher Schwäche und starken psychischen Belastungen. Je nach Schwere besteht bei manchen ein erhöhtes Risiko für Speiseröhrenschäden, Präeklampsie (Bluthochdruck während oder nach der Schwangerschaft) und eine verzögerte Entwicklung des Kindes mit früherer Geburt. Sehr selten bleiben der Mutter Vitamin-B-Mangelschäden des Gehirns (Wernicke-Enzephalopathie) oder der Nerven.

Für das ungeborene Kind besteht das Risiko, zu früh, das heisst vor der 37. Schwangerschaftswoche, auf die Welt zu kommen (erhöhtes Frühgeburtsrisiko). Ausserdem kann es durch die Mangelzustände der Mutter etwas kleiner sein und ein niedrigeres Geburtsgewicht von unter 2500 Gramm haben. 

  • Holler A. (2007) Hyperemesis gravidarum. In: Therapiehandbuch Gynäkologie und Geburtshilfe. Springer, Berlin, Heidelberg
  • hyperemesis-netz.de
  • https://www.embryotox.de/erkrankungen/details/hyperemesis-gravidarumemesis-gravidarum/
  • https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2016/daz-50-2016/das-grosse-uebel
  • https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-302013/extrem-uebel/
  • https://www.akdae.de/Arzneimitteltherapie/AVP/Artikel/201502/061h/index.php
  • https://www.aerzteblatt.de/archiv/56117/Erbrechen-in-der-Schwangerschaft
  • https://www.dggg.de/fileadmin/documents/pressemitteilungen/2016/2016_10_19/03_Abele_Hyperemesis_gravidarum_V.pdf
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