Als Tics werden unwillkürliche Bewegungen oder Lautäusserungen bezeichnet. Die Bezeichnung geht auf das französische Wort Tic zurück, welches "nervöses Zucken" bedeutet. Tics, die mit abrupten Bewegungen einhergehen, werden als motorische Tics bezeichnet. Tics in Verbindung mit Lautäusserungen werden in der Medizin vokale Tics genannt. Die Kombination von vokalen und motorischen Tics wird als Tourette-Syndrom bezeichnet. Eine weitere Differenzierung gilt der Ausprägung. Sie unterscheidet einfache und komplexe Tics.
ICD-Codes für diese Krankheit: F95

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Die Symptome

Motorische Tics führen zu plötzlichen Bewegungen. Diese haben keinen Sinn, sie verfolgen kein Ziel und können sehr heftig sein. Während bei einfachen motorischen Tics nur eine Muskelgruppe betroffen ist, können komplexe motorische Tics mehrere Muskelgruppen umfassen. Sie können den Eindruck vermitteln, dass ein Zweck erfüllt wird. Komplexe motorische Tics können dazu führen, dass Betroffene unerwartet mit den Füssen stampfen, hüpfen oder vom Stuhl aufspringen. Als Sonderformen der komplexen motorischen Tics gelten die Kopropraxie und die Echopraxie.

Die Kopropraxie ist gekennzeichnet durch obszöne Bewegungen. Plötzliche Gesten wie das Zeigen des Mittelfingers, das Herausstrecken der Zunge oder das Berühren des eigenen Genitals sind typische Symptome der Kopropraxie.

Die Echopraxie bezeichnet das unwillkürliche Nachahmen der Gesten und Bewegungen anderer Personen.

Vokale Tics hingegen werden durch ungewollte Lautäusserungen wie Räuspern, Schmatzen, Grunzen u. a. gekennzeichnet. Als Sonderformen komplexer vokaler Tics gelten die Echolalie, die Koprolalie und die Palilalie.

Die Echolalie wird durch das ständige Nachsprechen von Gehörtem gekennzeichnet. Wörter Sätze oder Geräusche werden immer wieder nachgeahmt. Die Echolalie tritt häufig in Verbindung mit Schizophrenie und Autismus auf.

Die Palilalie ähnelt der Echolalie. Betroffene wiederholen gesprochene Wörter immer wieder und steigern dabei die Sprechgeschwindigkeit. Die Palilalie ist eine typische Begleiterscheinung bei Menschen mit Tic-Störungen. Sie tritt auch in Verbindung mit Parkinsonerkrankungen auf.

Merkmal der Koprolalie ist die zwanghafte Verwendung von vulgären Begriffen. Sie gilt als eine häufige Begleiterscheinung bei Tic-Störungen und kann von dem Betroffenen nicht beeinflusst werden.

Die Ursachen

Die Ursache primärer Tics, die ohne erkennbaren Grund auftreten, ist noch nicht abschliessend geklärt. Aufgrund der Beobachtung familiärer Häufungen, werden genetische Ursachen angenommen.

Sekundäre Tics sind Zeichen einer anderen Grunderkrankung. Sie treten beispielsweise in Verbindung mit folgenden Krankheiten auf:

  • Autismus
  • Parkinson
  • Schizophrenie
  • Hirnhautentzündungen
  • Huntington-Krankheit

Als Risikofaktoren gelten:

  • Drogenmissbrauch (Kokain, Amphetamine)
  • genetischer Einfluss
  • Infektionen mit Streptokokken (Scharlach, Mittelohrentzündung)
  • psychosozialer Stress während der Schwangerschaft
  • Medikamente, Alkohol, Drogen während der Schwangerschaft

Tic-Störungen treten in den meisten Fällen erstmals im Kindesalter auf. Das betroffene Kind nimmt die Erkrankung zunächst nicht bewusst wahr. Mediziner gehen davon aus, dass im Grundschulalter fast jedes zweite Kind einen Tic entwickelt. Die Mehrzahl der Betroffenen sind Jungs. Die Ursache für unterschiedliche Verteilung ist bisher nicht bekannt.

Oft sind Tics auch nur eine vorübergehende Erscheinung. Die Symptome werden meistens mit zunehmendem Alter geringer.

Die Diagnose

Die Diagnose einer Tic-Störung bzw. eines Tourette-Syndroms erfolgt in mehreren Schritten.

1. Erfassen der Symptomatik

  • Wie erscheinen die Tics?
  • Welche Körperteile sind betroffen?
  • Handelt es sich um motorische, vokale oder kombinierte Tics?
  • Wie häufig treten sie auf?
  • Wann wurden die Tics erstmals bemerkt?
  • Wie intensiv sind sie?
  • Wie ist das Gefühl des Betroffenen vor dem Eintreten und während des Tics?

2. Abgrenzen von anderen Erkrankungen

Um eine Verbindung der Tics mit anderen Erkrankungen, z. B. einer Epilepsie, auszuschliessen, wird zunächst ein EEG (Elektroenzephalogramm) erstellt. Es folgt die Untersuchung der Leber-, Schilddrüsen- und Nierenwerte, da auch Funktionsstörungen verschiedener Organe Tics hervorrufen können.

3. Erfassen der genetischen Veranlagung

Der untersuchende Neurologe wird die familiäre Disposition aufnehmen, um eine genetische Veranlagung erkennen zu können.

4. Erfassen der psychosozialen Einflüsse

Schwerwiegende Veränderungen, wie zum Beispiel die Scheidung der Eltern oder der Tod eines Familienmitgliedes, können bei Kindern und Jugendlichen schwere Krisen auslösen und Tics verursachen. Diese Tics sind oft vorübergehend. Voraussetzung ist, dass die Therapie der Grunderkrankung gelingt.

Die Diagnostik und die Bewertung des Schweregrades werden durch spezielle Fragebögen für Eltern und Angehörige erleichtert. Die Befragten müssen über mehrere Wochen ihre Beobachtungen festhalten.

Die Therapie

Die Therapie von Tic-Störungen setzt sich zusammen aus:

  • Psychotherapie
  • Verhaltenstherapie
  • Medikamentengabe

Bei leichten Formen der Erkrankung kann bereits die Unterstützung von Lehrern und Eltern helfen. Empfohlen wird, dem Tic so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu widmen. So kann der Einfluss der Erkrankung auf das Leben des Betroffenen reduziert werden. Medikamente und Therapien sind bei leichten Ausprägungen verzichtbar.

Bei schweren Symptomen ist es nicht möglich, die Krankheit allein mit starkem Willen aus der täglichen Wahrnehmung zu verbannen. Der Betroffene ist stark beeinträchtigt und benötigt die Hilfe eines Psychotherapeuten.

Mit Hilfe der kognitiven Verhaltenstherapie können gute Erfolge erzielt werden. Bewährt hat sich das Gewohnheitsumkehrtraining (Habit Reversal Training).

Das Erlernen von Entspannungsmethoden wie dem Autogenen Training oder der Progressiven Muskelrelaxation, kann eine deutliche Reduzierung der Symptome bewirken.

Langandauernde Tic-Störungen können die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Bei Kindern und Jugendlichen führen schwere Tics oder Erkrankungen am Tourette-Syndrom oft zu Depressionen und Suizidgedanken. Wenn die psychotherapeutische Begleitung nicht ausreicht, sind Medikamente erforderlich. Bei Kindern sollte in jedem Fall nur die geringste Dosis gegeben werden, die eine Abschwächung der Symptome bewirkt. Erfolgreich werden Clonidin, Antipsychotika oder Antidepressiva eingesetzt.

Operationen bewirken nur in Ausnahmefällen eine Linderung.

Die Prognose

Leichte Tic-Störungen sind in den meisten Fällen vorübergehend. Der Höhepunkt der Erkrankung wird im 12. Lebensjahr beobachtet. Danach werden die Symptome meist schwächer.

15 bis 20 Prozent der am Tourette-Syndrom Erkrankten leiden an einer Koprolalie. Diese schwere Form vokaler und motorischer Tics führt zu deutlichen Einschränkungen des Patienten in der Schule sowie im Beruf und im Privatleben. Eine dauerhafte psychologische Betreuung ist erforderlich. Eine Heilung des Tourette-Syndroms ist noch nicht möglich.

Patienten mit Tic-Störungen bedürfen einer besonderen Aufmerksamkeit. Positive Beispiele zeigen, dass eine Inklusion und die wirkliche Teilhabe der Betroffenen am gesellschaftlichen Leben möglich ist. Voraussetzung dafür sind umfassenden Informationen und eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern, Ärzten, Therapeuten und Lehrern.

Quellen

  • https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugend-psychiatrie/erkrankungen/tic-stoerungentourette-syndrom/was-sind-tic-stoerungenist-das-tourette-syndrom/
  • https://tourette-gesellschaft.de
  • https://www.aerzteblatt.de/archiv/132918/Tourette-Syndrom-und-andere-Tic-Stoerungen-in-Kindheit-Jugend-und-Erwachsenenalter
  • https://www.msdmanuals.com/de-de/heim/gesundheitsprobleme-von-kindern/neurologische-st%C3%B6rungen-bei-kindern/tourette-syndrom-und-andere-tic-st%C3%B6rungen-bei-kindern-und-jugendlichen#v742834_de
  • https://www.kinderaerzte-im-netz.de/krankheiten/tourette-syndrom-ticstoerung/therapie/