Die Muskeldystrophie Duchenne (DMD) ist die häufigste fortschreitende Muskelerkrankung im Kindesalter und betrifft (fast) nur Jungen. Etwa einer von 3500 männlichen Neugeborenen ist betroffen (1:3500). Im Rahmen der Erkrankung kommt es in der frühen Kindheit zu einem progredienten Muskelschwund, ab dem Alter von 10 bis 12 Jahren benötigen die Jungen einen Rollstuhl.
ICD-Codes für diese Krankheit: G71.0

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Ursache der Muskeldystrophie Duchenne

Der Muskeldystrophie Duchenne liegt eine Mutation auf dem sogenannten Dystrophin-Gen zugrunde. Die Vererbung verläuft X-chromosomal-rezessiv, d.h. die Erkrankung betrifft fast nur Jungen.

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In 2/3 der Fälle wird das defekte Gen von der Mutter an ihren Sohn vererbt. Da die Mutter selbst zwei X-Chromosomen besitzt, äussert sich die Erkrankung bei ihr meist gar nicht (Konduktorin) oder nur in einer milden Herzschwäche, die häufig bis zur Diagnose bei ihrem Sohn unerkannt bleibt.

In 1/3 der Fälle findet keine Vererbung statt, sondern die Erkrankung entsteht durch eine Neumutation (de novo Mutation).

Der Genfehler führt dazu, dass das für die Muskelmembran wichtige Protein Dystrophin nicht hergestellt werden kann. Die Zellwand der Muskeln wird instabil und löst den fortschreitenden Muskelschwund aus.

Welche Symptome treten bei einer Muskeldystrophie Duchenne auf?

Häufig erstes Symptom einer Muskeldystrophie Duchenne ist ein verspätetes Erlernen des freies Laufens. Ein Teil der betroffenen Jungen zeigt in den ersten 1 bis 2 Lebensjahren dagegen noch keine erkennbaren motorischen Probleme.

Überproportional häufig wird eine verzögerte Sprachentwicklung bei normaler geistiger Entwicklung der Jungen beobachtet. Im Kindergartenalter beginnen die motorischen Probleme. Die Jungen fallen häufiger hin als andere Kinder. Auch ihre Ausdauer für längere Laufstrecken nimmt ab und sie sind motorisch ungeschickter als Gleichaltrige.

Scheinbar im Widerspruch zu den motorischen Problemen stehen die auffallend kräftigen Waden der Jungen. Diesen liegt allerdings keine Zunahme der Muskelmasse, sondern bereits ein bindegewebiger Umbau der Muskeln mit Fetteinlagerung zugrunde (‚Pseudohypertrophie‘). Die Jungen haben zunehmend Probleme vom Boden aufzustehen. Wenn sie sich nirgends festhalten können, stützen sie sich beim Aufrichten an ihren Oberschenkeln ab (positives ‚Gowers Zeichen‘).

Die Jungen entwickeln einen so genannten ‚Watschelgang’ (pos. Trendelenburg-Zeichen), ein ausgeprägtes Hohlkreuz durch eine Schwäche der Bauch- und Rückenmuskulatur und zunehmende Muskelkontrakturen. Dabei handelt es sich um eine reduzierte Gelenkbeweglichkeit durch verkürzte Sehnen. Im Alter zwischen 10 bis 12 Jahren sind die Jungen in der Regel nicht mehr in der Lage, mehr als einzelne Schritte zu laufen und auf einen Rollstuhl angewiesen.

In weiteren Verlauf wird auch eine zunehmende Schwäche der Armmuskeln deutlich und es kommt durch die Muskelschwäche zu einer Verkrümmung der Wirbelsäule (Skoliose). Weitere betroffenen Organsysteme sind im späteren Verlauf das Herz (mögliche Schwäche der Pumpfunktion) sowie die Atemmuskulatur.

Wie erfolgt die Diagnose?

Die Verdachtsdiagnose kann aufgrund der typischen klinischen Zeichen (männliches Geschlecht, Muskelschwäche, Wadenhypertrophie, Watschelgang) gestellt werden. Als erster Schritt wird dann der Wert des Muskelenzyms Kreatinkinase (CK) im Blut bestimmt. Bei der Muskeldystrophie Duchenne ist dieser Wert sehr stark erhöht. Früher wurde als nächster Schritt dann eine EMG-Untersuchung und eine Muskelbiopsie durchgeführt. Heutzutage kann die Diagnose direkt mittels eines genetischen Tests gesichert werden.

Behandlung der Muskeldystrophie Duchenne

Eine Heilung der Muskeldystrophie Duchenne ist bis heute nicht möglich. Es laufen aber zahlreichen Studien, in denen in Tiermodellen und bereits in klinischen Erprobungsstudien verschiedene Behandlungsansätze getestet werden (u.a. Exon-Skipping, Gentherapie, Utrophin Hochregulierung, Myostatin Hemmung). Zwischenzeitlich hat ein erster Wirkstoff eine Zulassung erhalten (Ataluren). Allerdings ist dieser nur bei einer bestimmten Mutation (Genveränderung) wirksam. Dabei handelt es sich um eine so genannte Nonsense-Mutation, die nur bei ca. 13 Prozent aller Duchenne-Patienten vorliegt.

Auch ohne eine ursächliche Therapie gibt es verschiedene wichtige Behandlungsansätze. Diese zielen zunächst darauf ab, die abnehmende Muskelkraft möglichst lange zu erhalten und Gelenkkontrakturen vorzubeugen. Neben regelmässiger Physiotherapie erhalten die Jungen häufig eine Behandlung mit Kortikosteroiden, die zu einer Verlängerung der Lauffähigkeit um ca. 2 Jahre führt.

Weitere wichtige Massnahmen betreffen das Gewicht, die Herz- und Lungenfunktion, die Hilfsmittelversorgung angepasst an die Alltagsbedürfnisse der Patienten, sowie auch Schulfragen und Sozialversorgung. Eine internationale Expertengruppe hat ein entsprechendes Konzept der Behandlungstandards erstellt (www.treat-nmd.de).

In den weiteren Verlauf der Behandlung einer Muskeldystrophie Duchenne sind neben dem Kinderneurologen verschiedene andere Fachrichtungen mit einbezogen, wie Kardiologen, Lungenfachärzte und Orthopäden, sowie Therapeuten wie Physiotherapeuten, zum Teil auch (meist in jüngerem Alter) Ergotherapeuten und Logopäden.

Prognose

Die durchschnittliche Lebenserwartung der Patienten hat sich von früher knapp 20 Jahren durch die neuen Möglichkeiten der (z.T. nur nächtlichen) Beatmung und in der Skoliose-Operation deutlich gesteigert. Bei auch stabilem kardialen Befund ist eine Lebenserwartung bis ins 4. Lebensjahrzehnt möglich. Allerdings müssen die Betroffenen leider mit deutlichen Einschränkungen in der Lebensqualität zurecht kommen.