Unter neurovaskulären Erkrankungen fassen Mediziner verschiedene Krankheiten des Blutgefässsystems im Rückenmark und Hirn zusammen. Diese unterscheiden sich teilweise stark voneinander, was ihre Ausprägung, Behandlung oder die jeweiligen Symptome angeht. Erfahren Sie hier alles Wissenswertes zu dieser Krankheitsgruppe.

ICD-Codes für diese Krankheit: I60 - I69

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Was sind neurovaskuläre Erkrankungen?

Neurovaskuläre Erkrankungen sind sehr komplexe Erkrankungen des Blutgefässsystems von Hirn und Rückenmark. Es gibt sowohl akute als auch chronische Formen. Allgemein gehören zu dieser Gruppe:

  • Aneurysmen
  • Durale arterio-venöse Fisteln
  • Cavernome
  • Hirninfarkte
  • Hirnblutungen
  • Durchblutungsstörungen des Gehirns
  • Schlaganfälle sowie
  • Vaskuläre Kompressionssyndrome.

Aneurysmen sind bläschenähnliche Ausweitungen der Arterien des Gehirns (daher auch Hirnaneurysma), die lebensbedrohliche Blutungen auslösen, wenn sie platzen. 

Unter duralen arterio-venösen Fisteln verstehen Ärzte Missbildungen der Gefässe im Gehirn, die jedoch sehr selten vorkommen.

Die Arteriovenöse Malformation (AVM, Angiom) ist ebenfalls eine Gefässmissbildung. Sie besteht aus Arterien-Venen-Knäuel.

Cavernome (oder Kavernome) sind gutartige Gefässmissbildungen, die nur aus Venen bestehen.

Hinter vaskulären Kompressionssyndromen stecken Druckeinwirkungen auf Gefässe. Eine häufige Variante dieser Gefässerkrankung ist die Trigeminusneuralgie, bei der ein Gefäss den Eingangsbereich der Hirnnerven im Hirnstamm schmerzhaft berührt.

Symptome

Mit welchen Symptomen gehen neurovaskuläre Krankheiten einher? Die unterschiedlichen Erkrankungen des neurologischen Systems gehen mit verschiedenen Symptomen einher. So zeichnet sich ein Aneurysma vorrangig durch einen starken Kopfschmerz aus.

Bei einem Schlaganfall sind die folgenden Symptome typisch:

  • Sehstörung
  • Schwindel
  • Gang-, Gleichgewicht- und Koordinationsstörungen
  • Taubheit oder Schwäche, meist einseitig in Armen, Beinen oder im Gesicht
  • Sprachstörungen

Eine arterio-venöse Malformation (AVM) macht sich bemerkbar durch Symptome einer Hirnblutung, Kopfschmerz, Tinnitus, Krampfanfälle oder schlaganfallähnliche Erscheinungen.

Wenn Kavernome Symptome hervorrufen, handelt es sich häufig um Blutungen und Krampfanfälle.

Die Trigeminusneuralgie hat blitzartige, extrem starke Schmerzen im Gesicht als Leitsymptom. Häufig lösen bestimmte Reize diese Schmerzen aus, etwa Zähneputzen oder Waschen des Gesichts.

Ursachen und Risikofaktoren

Welche Ursachen & Risikofaktoren liegen neurovaskulären Erkrankungen zugrunde? Die häufigste Art des Schlaganfalls ist der Hirninfarkt. Bei diesem ist das Gewebe im Gehirn schlecht durchblutet, was auf einen Verschluss oder eine Verengung der Gefässe zustande kommt. Das Schlaganfall-Risiko steigt durch

Auch steigendes Alter und genetische Vorbelastungen sind Risikofaktoren eines Schlaganfalls.

Aneurysmen treten meist sporadisch auf. Ungefähr 5 % der Menschen leiden unter einem Aneurysma im Gehirn; ungefähr 30 % haben mehrere. Hin und wieder treten Aneurysmen als Begleiterscheinung einer polyzystischen Nierenerkrankung auf.

Der Trigeminusneuralgie liegt häufig ein arterielles Gefäss zugrunde, das auf den Nervus trigeminus drückt und ihn reizt. Seltener sind Tumore oder Entzündungen ursächlich für den Schmerz.

Untersuchung und Diagnose

Bei vielen Erkrankungen neurovaskulärer Art liefern die Beschwerden wichtige Hinweise auf die Art der Krankheit. Der Arzt erschliesst diese während des Anamnese-Gesprächs. Auch die familiäre Vorbelastung zieht er zur Verdachtserhärtung heran.

Eine Trigeminusneuralgie lässt sich mithilfe von Ultraschall und Kernspintomographie genauer erörtern. Hier sieht der Mediziner, welche Strukturen auf den Nerv drücken.

Ein Aneurysma ist in einem speziellen Screening erkennbar und ist so in manchen Fällen eine Zufallsdiagnose. Empfehlenswert ist dieses Aneurysma-Screening, wenn zwei direkte Verwandte diese Erkrankung hatten.

Die MR-Angiographie (Magnetresonanzangiographie) ist eine besondere Form der Magnetresonanztomographie (MRT). Dieses bildgebende Verfahren zeigt die Blutgefässe auf und macht auf neurovaskuläre Erkrankungen aufmerksam.

Kavernome sind häufig ein Zufallsbefund bei Kernspinuntersuchungen. Bei erhärtetem Verdacht ist meistens ein MRT die Diagnose-Methode der Wahl.

Therapien und Spezialisten für neurovaskuläre Erkrankungen

Bei vielen neurovaskulären Krankheiten ist ein operatives Verfahren angesagt, um den Störfaktor zu entfernen oder die Gefässveränderungen zu beseitigen. Es gibt jedoch zahlreiche verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, die sich nach der Ausprägung der Krankheiten richten.

Das Fachgebiet für Erkrankungen des Gefässsystems im Gehirn ist die vaskuläre Neurochirurgie. Hier sollten mehrere Fachbereiche zusammenarbeiten. Dazu gehören

  • Neurologen
  • Neuroradiologen
  • Radiochirurgen
  • Strahlentherapeuten und
  • Schmerztherapeuten

Wenn Kinder unter neurovaskulären Erkrankungen leiden, ist die pädiatrische Neurochirurgie (Kinderneurochirurgie) miteinzubeziehen. Diese ist Ansprechpartner für die operative Behandlung und die psychologische Betreuung.

Verengte Gefässe lassen sich durch einen Stent, eine Gefässstütze aus Metall oder Kunststoff, offenhalten. Dies ist etwa bei Schlaganfällen eine verbreitete Methode.

Liegt bei Patienten ein nicht rupturiertes Aneurysma vor, entscheidet der Arzt individuell: Muss er dieses Aneurysma operieren oder nicht? Eine verbreitete Methode zur Behandlung ist das endovaskuläre Coiling. Beim Coiling setzt der Arzt Metallspiralen über die Leistenarterie ins Aneurysma ein, die den Blutfluss eindämmen.

Bei endovaskulären Methoden erfolgt das Einbringen des OP-Werkzeuges durch die Gefässe, etwa mittels einer Punktion der Leiste.

Bei der AVM kommt eine mikrochirurgische Operation infrage, ein möglichst minimaler operativer Eingriff. Bei AV-Fisteln entscheiden Ärzte sich ebenfalls oft für eine mikrochirurgische Operation, bei der sie Schädel oder Wirbelkanal in einem möglichst kleinen Eingriff eröffnen. Auch hier sind endovaskuläre Methoden verfügbar.

Damit der Mediziner während der Operation einen guten Einblick in das Gefässsystem von Gehirn oder Wirbelkanal hat, nutzt er meist ein spezielles Operationsmikroskop und macht sich das sogenannte Neuromonitoring zunutze. Dabei nutzt er ein Gerät, das die Nervenaktivität mit akustischen und optischen Reizen darstellt. Das ermöglicht es, Nerven sicher zu überwachen. So minimiert der Neuromonitor bei einer Operation das Risiko von Verletzungen des Nervensystems.

Bei Trigeminusneuralgien ist eine medikamentöse Schmerztherapie die Methode der Wahl. Sollte diese nicht erfolgreich sein, ist ein operativer Eingriff möglich. Durch eine neurovaskuläre Dekompression trennt der Mediziner den Nervus trigeminus von den Strukturen, die ihn reizen. Er legt zusätzlich einen kleinen Schwamm als Puffer dazwischen.

Verlauf und Prognose

Wie gut wirken die Behandlungsmethoden bei neurovaskulären Erkrankungen? Der Behandlungserfolg bei neurovaskulären Krankheiten hängt von vielen Faktoren ab, etwa: Wie alt ist der Patient? Wie früh erfolgt die Behandlung? Und um welche Form der neurovaskulären Erkrankung handelt es sich?

Bei einer Trigeminusneuralgie beispielsweise lassen sich die Schmerzen meistens durch eine Operation schnell lindern.

Bei Schlaganfällen, Aneurysmen und ähnlichen Erkrankungen kommt es stark auf den Zeitpunkt des Behandlungsbeginn an. Diese Krankheiten sind Notfälle, bei denen jede Sekunde zählt. Zögern Sie bei entsprechenden Symptomen nicht, einen Krankenwagen zu rufen, damit die Prognose möglichst günstig ausfällt.

Quellen

https://www.dgn.org/leitlinien/2318-ll-26-2012-subarachnoidalsblutung-sab

https://www.schlaganfall-hilfe.de/de/verstehen-vermeiden/risiken-erkennen-und-vermeiden/schlaganfall-risiken/allgemein/

 

Zuletzt aktualisiert am 23.10.2019