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Neuromodulation - Therapie bei starken Schmerzen

Wenn Sie unter hartnäckigen und intensiven Schmerzen leiden, haben Sie unterschiedliche Möglichkeiten der Behandlung. Reicht eine herkömmliche Therapie mit oral verabreichten Wirkstoffen nicht mehr aus, ist eventuell eine Medikamententherapie via Neuromodulation für Sie geeignet. Der Wirkstoff wird dabei direkt am Ort des Schmerzes eingesetzt.

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Neuromodulator - Weitere Informationen

Definition Neuromodulator und Neuromodulation

Das Verfahren der Neuromodulation als Medikamententherapie ist bereits seit den 1970er Jahren in der Schmerztherapie bekannt. Relevant ist dabei der Einfluss auf die Weitergabe von Nervenimpulsen. Die Therapie wird bei chronischen Schmerzen und bei erheblichen Durchblutungsstörungen eingesetzt. Geeignete Substanzen wirken gezielt am gewünschten Ort und ermöglichen dort eine nachhaltige Schmerzlinderung und daraus resultierende Verbesserung der Lebensqualität.

Der Begriff Neuromodulator beschreibt die Beeinflussung des Nervensystems durch chemische Substanzen. Neuromodulatoren (griech.: neuron = Nerv und lat.: modulatio = Rhythmus, Takt) werden einerseits eigenständig vom Körper produziert und sind andererseits von aussen zugeführte Substanzen (Medikamente oder Drogen). Sie werden jeweils an den als Synapsen (griech.: synapsis = Verbindung) bezeichneten Übertragungsorten durch Umwandlung von elektrischer in chemische Energie funktionsfähig.

Die selbst vom Körper produzierten Substanzen dienen regulären Funktionsabläufen im Organismus, beispielsweise der physiologischen Hirntätigkeit. Sie sind insgesamt für die neurologische Regulierung zahlreicher Abläufe zuständig, etwa die Organsteuerung, Hunger- und Durstgefühl, Lernprozesse oder den Schlaf- und Wachrhythmus. Die körpereigenen Neuromodulatoren werden von den Nervenzellen, vor allem vom Gehirn ausgeschüttet.

Auch Drogen haben die Wirkung von Neuromodulatoren auf das Nervensystem. Dies äussert sich in Form von neurologischen Phänomen, darunter Halluzinationen, euphorisches oder rauschhaftes Erleben. Entsprechende Drogen sind vor allem Amphetamine, Kokain, Opiate sowie Cannabis. Neurotransmitter (biochemische Stoffe) sorgen entsprechend für eine Übertragung der Nervenimpulse.

Behandlungsgründe und häufige Erkrankungen

Bei neuropathischen Schmerzen kann die Neuromodulation zur Schmerzlinderung eingesetzt werden, wenn konservative Therapien und oral eingenommene Medikamente keine Wirkung gezeigt haben. Die neuropathische Schmerzform entsteht durch die Schädigung oder Verletzung von Nervenfasern des somatosensorischen Systems. Das sind Nervenstrukturen, die für die Vermittlung von Empfindungen wie Berührung, Druck, Temperatur, aber auch Schmerz zuständig sind.

Häufige Symptome von neuropathischen Schmerzen reichen von plötzlich einschiessenden Schmerzattacken über brennende Schmerzen bis zu andauernden Missempfindungen, wie Taubheit, Kribbeln oder ein Hitze- oder Kältegefühl ohne äussere Ursachen.

Erkrankungen, bei denen neuropathische Schmerzen auftreten können, sind unter anderem:

Auch bei Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Vitamin B12-Mangel können neuropathische Schmerzen auftreten. Bestimmte Medikamente, Toxine, Infektionen und chronisch entzündliche Erkrankungen, wie Multiple Sklerose oder Myelitis können ebenfalls mit Neuropathien einhergehen. Hirndurchblutungsstörungen oder Verletzungen des Gehirns und Rückenmarks (z.B. Schädel-Hirn-Trauma) sind weitere Behandlungsgründe, genauso wie Tumorschmerzen.

Neuromodulation mit elektrischen Impulsen wird ausserdem bei austherapierten Durchblutungsstörungen und Gefässerkrankungen, wie Angina pectoris oder Koronare Herzerkrankung (KHK) angewandt. Die elektrische Rückenmarksstimulation stabilisiert in diesen Fällen auch das Herz-Kreislauf-System.

Neuropathische Schmerzen können auch zusammen mit Schmerzsymptomen auftreten, die durch verletztes Körpergewebe verursacht werden (nozizeptive Schmerzen). Diese Schmerzen werden gemischte Schmerzsyndrome (mixed pain) genannt. Vor der Behandlung ist es wichtig, die genaue Schmerzart zu bestimmen und mögliche Ursachen abzuklären. Der behandelnde Arzt stellt die Therapie nach den genau untersuchten Schmerzkomponenten zusammen.

Die für eine Neuromodulation zuständigen Fachärzte kommen aus teils unterschiedlichen, teils sich überschneidenden Disziplinen. In der Regel hängt die Zuständigkeit vom genauen Krankheitsbild ab. Spezialisten für die Behandlung sind vor allem Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie, weiterhin Neurochirurgen und Schmerzmediziner, vielfach auch Anästhesisten.

Das Neuromodulation-Behandlungsverfahren

Während in früheren Jahren vielfach Nerven durchtrennt wurden, um eine Besserung zu erreichen, setzt heute die Neuromodulation auf Schmerzregulierung durch Medikamente oder das Verabreichen von elektrischen Impulsen via Neurostimulation. Die grössten Vorteile dieser Verfahren sind die individuelle Anpassung an den Patienten und dass keine irreversiblen (unumkehrbaren) Schäden am Nervensystem entstehen. 

Medikamentöse Neuromodulation

Bei einer medikamentösen Therapie testet der Arzt zuerst, ob das Medikament für den Patienten verträglich und wirksam ist. Ihr Arzt legt dazu in der Regel einen Katheter nahe des Rückenmarks. Wird hierbei die gewünschte Wirkung erzielt und das Medikament gut vertragen erfolgt eine Pumpenimplantation unter die Haut. Die Medikamentenpumpe ("Schmerzpumpe") kommt dazu meist in den Bauchraum in den Bereich des Unterhautfettgewebes und gibt kontinuierlich das Medikament ab. Der Wirkstoff wird intrathekal verabreicht, also direkt in den Liquorraum (die Flüssigkeit im Bereich des Rückenmarks).  

Bei der intrathekalen Medikamententherapie kommt eine Medikamentenpumpe (Schmerzpumpe) zum Einsatz, die mit einem Reservoir ausgestattet ist. Dieses lässt sich regelmässig durch die Haut wiederbefüllen. Der zentrale Vorteil liegt in der Wirkstoffverabreichung in unmittelbarer Nähe des gewünschten Wirkortes. Auf diese Weise ist einerseits eine deutliche Verringerung Ihrer Medikation möglich und andererseits eine wesentlich höhere Stärke der Wirkung.

Die Pharmakologie kennt verschiedene Arzneistoffe für unterschiedliche Einsatzfelder der Neuromodulation, darunter Psychopharmaka, Analgetika (Schmerzmittel) oder Morphine. Einer der Hauptwirkstoffe ist Baclofen, das in der Therapie von Spastiken zum Einsatz kommt. Der Facharzt verordnet eine Baclofenpumpe unter anderem bei der Krankheit Multiple Sklerose. Sie führt zu einer Entspannung der Muskulatur und ermöglicht so eine Verminderung der krampfbedingten Schmerzen.

Weiterhin zählt die Morphintherapie zu den häufig verordneten Behandlungen. Die Anwendung von Morphium steht vorwiegend bei Tumorschmerzen im Vordergrund, Ziconotid hingegen bei Nervenschmerzen, unter anderem im Zusammenhang mit Bandscheibenvorfällen.

Neuromodulation mit elektrischen Impulsen: Neurostimulation

Elektrische Impulse werden bei der Neuromodulation eingesetzt, um die Schmerzweiterleitung zu überlagern. Dadurch sollen die Schmerzen deutlich gelindert werden. Bei der Neuromodulation mit elektrischen Impulsen werden Elektroden so platziert, dass sie ihre Reize direkt an den betroffenen Nervenwurzeln abgeben können, diese liegen im Rückenmarksbereich. Diese Art der Schmerztherapie wird deshalb auch elektrische Rückenmarkstimulation (SCS: Spinal Cord Stimulation) genannt. Das Elektroden-Empfängersystem (SCS-System) wird dabei dauerhaft implantiert.

Dieses Verfahren der Schmerzmedizin wird auch Neurostimulation genannt und beinhaltet einen Wirksamkeitstest, eine Probephase mit Probe-Elektroden und eine dauerhafte Implantation des Impulssystems. Eine Schmerzlinderung von über 50 % und eine eventuelle Reduktion der Schmerzmedikamente gelten als Behandlungserfolg.

Vorteile der Neuromodulation und mögliche Nebenwirkungen

Der Hauptnutzen liegt eindeutig in der Reduzierung der Medikamentenmenge im Vergleich zu einer oralen Gabe. Bei Patienten mit starken chronischen Scherzen sind sehr hohe Dosen eines Wirkstoffs erforderlich, wenn die Verabreichung in der üblichen Tablettenform erfolgt. Die damit verbundenen Nebenwirkungen sind oftmals erheblich und reichen von Übelkeit, Schwächegefühlen und Schwindel bis hin zu intensiver Müdigkeit oder Verwirrtheitserleben.

Wirkstoffe, die über eine Medikamentenpumpe unmittelbar dort verabreicht werden, wo sie erforderlich sind, führen zu weitaus weniger Nebenwirkungen. Ihr Arzt hat die Möglichkeit einer geringeren Dosierung, die darüber hinaus individuell für konkrete Schmerzzeiten anpassbar ist. So dient beispielsweise nachts eine höhere Wirkstoffabgabe der Verbesserung Ihrer Schlafqualität, während tagsüber eine niedrigere Dosis ausreicht.

In sehr seltenen Fällen sind Komplikationen möglich, beispielsweise aufgrund von Pumpenfehlern, die zu einer fehlerhaften oder unzuverlässigen Medikamentenabgabe führen. Dies ist der Fall bei einem Defekt an der Pumpe, einer Verschiebung unterhalb der Haut oder einer leeren Batterie. Die Produkte verfügen jedoch alle über ein Warnsystem (Alarmton), sodass die Wahrscheinlichkeit extrem gering ist.

Wie bei allen Operationen besteht auch beim Einsetzen der für die Neuromodulation verwendeten Medikamentenpumpe die Möglichkeit einer Infektion. Die Implantation unter die Haut verläuft jedoch unter sterilen Bedingungen und birgt entsprechend nur ein sehr geringes Risiko. Eine schnelle Behandlung ist in solchen Fällen unproblematisch und kein Hinderungsgrund für die Therapie.

Fazit

Die Neuromodulation ist ein seit nunmehr mehr als 40 Jahren erprobtes und wirksames Verfahren bei chronischen Schmerzen. Sie bietet eine wesentliche Hilfe für Menschen mit starken chronischen Schmerzen, bei denen die herkömmliche Schmerztherapie nicht ausreicht. Sie werden über die jeweiligen Vor- und Nachteile durch Ihren Facharzt umfassend informiert.

Quellen

  • S2k-Leitlinie "Schmerzen" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030-114l_S2k_Diagnose-nicht-interventionelle-Therapie-neuropathischer-Schmerzen_2019-09.pdf
  • S3-Leitlinie "Epidurale Rückenmarkstimulation" der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie e.V.: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/041-002k_S3_Epidurale_R%C3%BCckenmarkstimulation_2013-07_abgelaufen.pdf
  • Deutsche Gesellschaft für Neuromodulation e.V. zur Neurostimulation: http://www.dgnm-online.de/patienteninfos/informationen-neurostimulation.php
  • Deutsche Gesellschaft für Neuromodulation e.V. zur intrathekalen Pharmakotherapie: http://www.dgnm-online.de/patienteninfos/informationen-pharmakotherapie.php
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): www.dgnm-online.de/patienteninfos/informationen.php
  • https://flexikon.doccheck.com/de/Neuromodulator
  • https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-sm/intern/downloads/Downloads_Medizinische_Versorgung/Broschuere_Patientenratgeber_Schmerz_Maerz_2013.pdf

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