Im Zusammenspiel von Sehnen, Muskeln und Gelenken kann sich der menschliche Körper flexibel bewegen und wird mitunter zu sportlichen Höchstleistungen fähig. Unfälle, Verletzungen und Verschleiss können jedoch einen Muskel schädigen und so auch die Gelenke und deren Beweglichkeit negativ beeinträchtigen. Schmerzen, Unbeweglichkeit oder Fehlhaltungen sind die Folge. Muskeltransfer-Operationen können eine mögliche Therapie darstellen, wenn konservative Behandlungen ausgeschöpft sind und noch keine Prothese eingesetzt werden soll.

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Muskeltransfer-OP - Weitere Informationen

Was ist eine Muskeltransfer-Operation?

Die Muskeltransfer-Operation ist eine Behandlungsmöglichkeit der rekonstruktiven Chirurgie. Dabei werden Muskeln zur Gelenkstabilisierung umgelenkt oder Spendermuskeln eingesetzt. Die Muskeltransfer-OP soll Schmerzen reduzieren und die Gelenkfunktionalität verbessern. Sie ist relativ aufwändig und nur dann angezeigt, wenn andere Verfahren bisher keinen Erfolg gebracht haben.

Damit ein Muskeltransfer erfolgreich ist, muss der umgeleitete Muskel lang genug und gut durchblutet sein. Ab 1988 setzten sich Muskeltransfer-OPs des breiten Rückenmuskels (Musculus latissimus dorsi) bei erheblichen Defekten an der Rotatorenmanschette des Schultergelenks durch, da sie mehrere Vorteile mit sich bringen. Aufgrund seiner grossen Oberfläche lässt dieser Muskel eine ausreichende Mobilitätsaktion für den Transfer zu. Auch die Einheilung der übertragenen Sehne ist relativ unproblematisch.

Muskeltransfer-OP - häufig am Schultergelenk

Die Muskeltransferoperation gehört zu den motorischen Ersatzoperationen und wird häufig in der Schulterchirurgie nach schweren Muskelverletzungen eingesetzt. Die meisten Risse der Schultermuskulatur sind verschleissbedingt. Der altersbedingte, chronisch verengte Raum unter dem Schulterdach, aber auch eine genetisch schlechte Qualität von Sehnen- und Muskelgewebe begünstigen solche Muskelrisse. Im Laufe der Zeit fasern die Sehnen und Muskeln langsam auf und die Defekte werden immer grösser. Stürze auf Arm und Schulter oder die einseitige Belastung bei Wurfsportlern begünstigten Muskelrisse ebenfalls und erfordern sowohl Spendermuskel als auch Spendernerv.

Sind zum Beispiel Defekte an der Rotatorenmanschette der Schulter nicht mehr durch eine Naht rekonstruierbar, kann eine Muskeltransfer-OP die Schulterfunktion in der Regel gut wiederherstellen. Die Muskeltransfer-OP wird also dann durchgeführt, wenn die gerissene Sehne und der betroffene Muskel sich so zurückgezogen haben, dass eine Fixierung am Oberarmkopf nicht mehr möglich ist.

Für die Stabilität und Funktionsfähigkeit des Schultergelenks kommt acht Muskeln, die genau zusammenspielen müssen, grosse Bedeutung zu. Mit Ausnahme des Musculus latissimus dorsi entspringen alle Muskel des Schultergelenks am Schultergürtel. Je nach Stellung wird jedem Schultermuskel eine individuelle Bewegung zugeschrieben (vor allem Innen- und Aussenrotation). Die vier gelenknächsten Muskeln bilden die Rotatorenmanschette. Funktioniert einer nicht ordnungsgemäss, ist das gesamte Gelenk weniger beweglich und instabil. Nicht immer muss ein Muskeltransfer vorgenommen werden, in schweren Fällen kann er aber die einzige Möglichkeit sein.

Welche Fachärzte sind für Muskeltransferoperationen zuständig?

Idealerweise sind die Operateure auf Schultergelenk- und Ellenbogenchirurgie, Handchirurgie und Sporttraumatologie spezialisiert. Unfallchirurgen, orthopädische Chirurgen und chirurgisch ausgebildete Sportmediziner können derartige Operationen durchführen. Die Eingriffe werden vielfach an orthopädischen Fachkliniken und Universitätskliniken mit chirurgischen Zentren durchgeführt. Auch plastische Chirurgen befassen sich mit der mikrochirurgischen Rekonstruktion der Läsionen an peripheren Nerven in Verbindung mit Muskel- und Sehnentransfers.

Was geschieht bei der Muskeltransfer-Operation?

Zwei Operationsmethoden zur Gelenkzentrierung sind Standard: die Methode nach L’Episcopo und der Transfer nach Herzberg.

Mit beiden werden gute funktionelle Ergebnisse erreicht. Während des Eingriffs liegt der Patient für gewöhnlich in Seitenlage, die OP ist aber auch in Liegestuhlposition möglich. Bei einem ersten Schritt an der Schulter oben legt der Arzt die Rotatorenmanschette frei und prüft, ob Defekte eventuell verschlossen werden können. Ist dies noch möglich, wird eine Muskeltransferoperation überflüssig. Wenn nicht, macht der Chirurg einen zweiten Schnitt an der Schulterrückseite und versetzt den Latissimus dorsi. Immer häufiger wird diese Operation auch unter endoskopischer Assistenz durchgeführt. Die Belastung für den Patienten ist durch die Gewebeschonung damit wesentlich geringer.

Der Rückenmuskeltransfer (Latissimus dorsi-Transfer)

Nur ausgeprägte Defekte der Rotatorenmanschette rechtfertigen eine solch erhebliche Operation. Dabei wird der Rückenmuskel Latissimus dorsi am rückseitigen Oberarm abgelöst und mitsamt seiner Sehne nach hinten auf den Oberarmkopf versetzt. Dabei schliesst der Operateur Defekte an der Rotatorenmanschette. Der Muskel übernimmt statt seiner früheren Aufgabe als Innendreher nun die Funktion als Aussendreher.

Der Brustmuskeltransfer (Pectoralis major-Transfer)

Es sind orthopädische und keine plastisch-chirurgischen Gründe, die diese Schulteroperation nötig machen. Die Beweglichkeit des Schultergelenks muss erheblich eingeschränkt sein und der Defekt an der Rotatorenmanschette so gross, dass er sich mit einer normalen Verschlussnaht nicht mehr beheben lässt. Bei dem Eingriff wird der grosse Brustmuskel versetzt. Ist der Serratus anterior-Muskel gelähmt, spricht das ebenfalls für einen Pectoralis major-Transfer. Dieser Muskel befindet sich an der Seitenwand des Brustkorbes und wird häufig bei Unfällen oder durch Tumore geschädigt. Betroffene können die Arme nicht mehr richtig oder nur unter starken Schmerzen ausstrecken oder Boxbewegungen ausführen. Bei der Operation werden Teile des Pectoralis major abgelöst und am Brustkorb entlang durch die Achselhöhle nach hinten gezogen. Man befestigt den Muskel am äusseren Rand des Schulterblattes.

Der freie funktionelle Muskeltransfer (FFMT)

Ein freier funktionelle Muskeltransfer (FFMT) kann notwendig werden, wenn kein Spendermuskel für den Transfer vorhanden ist oder wenn die Wiederherstellung der nervlichen Versorgung nicht mehr möglich ist. Für einen solchen Muskeltransfer eignen sich der auf der Medialseite liegende Oberschenkelmuskel Musculus gracilis, der grosse Rückenmuskel Musculus latissimus dorsi und der gerade Oberschenkelmuskel vorne, der Musculus rectus femoris. Für den Erfolg der Operation und den postoperativen Genesungsverlauf ist zudem die optimale Wahl des Spendernervs wichtig.

Gibt es Operationsrisiken?

Wie bei jeder Operation gibt es auch hier Operationsrisiken, die mit der Narkose und der Wundheilung zusammenhängen. Das sind Thrombosen, Blutungen, Infektionen, Nerven- und Gefässschäden oder Embolien. Es ist auch möglich, dass die transplantierte Sehne reisst oder nicht richtig einheilt. Das Risiko besteht vor allem bei frühzeitiger und falscher Belastung der Schulter. Der behandelnde Arzt begleitet den Patienten von der Vorbereitung des Eingriffs bis zur umfassenden Nachbehandlung. 

Nachbehandlung und Genesungsphase nach Muskeltransfer

Üblich sind sechs Wochen Ruhigstellung mit einer Schiene oder einem Gips und anschliessende Krankengymnastik. Schon ein bis zwei Wochen nach der Operation sind passive physiotherapeutische Übungen erwünscht. Danach beginnt eine aktive Übungsphase, denn der Muskel muss seine neuen Aufgaben lernen. Ab etwa zwölf Wochen sind Alltagsbelastungen möglich. Sport, der den Brustmuskel belastet, darf erst nach 4-6 Monaten betrieben werden. Der Genesung zieht sich über mehrere Monate hin und hängt immer von der individuellen Situation ab.

Quellen

https://www.deutsches-schulterzentrum.de/schwerpunkte/offene-und-minimalinvasive-schultereingriffe/

https://www.deutsches-schulterzentrum.de/schwerpunkte/offene-und-minimalinvasive-schultereingriffe/#IRREPARABLE_ROTATORENMANSCHETTENLAESIONEN

https://www.egms.de/static/de/meetings/dkou2008/08dkou413.shtml

 

Zuletzt aktualisiert am 23.10.2019