Selektive interne Radiotherapie: vielversprechende Behandlungsmethode bei nicht operierbarem Leberkrebs

Die selektive interne Radiotherapie (SIRT; auch transarterielle Radioembolisation) ist eine Form der örtlichen Strahlentherapie, die bei Krebserkrankungen der Leber angewandt wird. Dabei werden radioaktive Partikel über spezielle Mikrokügelchen (SIR-Spheres oder Mikrosphären) in die Leber eingebracht, um das erkrankte Gewebe gezielt zu bestrahlen.


Medizinischer Fachlektor Univ.-Prof. Dr. med. Thomas J. Vogl
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Übersicht

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Selektive interne Radiotherapie (SIRT) - Weitere Informationen

Anwendungsgebiete

In Deutschland erkranken jährlich etwa 6000 Personen an primärem Leberkrebs. Häufiger sind dagegen Absiedelungen anderer Krebsgeschwulste in der Leber zu beobachten. So werden jährlich bei etwa 30.000 der von Darmkrebs betroffenen Patienten Absiedelungen in der Leber festgestellt.

Als Leberkrebs wird das unkontrollierte Wachstum von Zellen innerhalb der Leber bezeichnet, das zur Ausbildung von Geschwulsten führt. Dabei kann der Krebs sich aus Zellen der Leber selbst entwickeln (primärer Leberkrebs) oder von Geschwulsten ausserhalb der Leber stammen, die gestreut und in der Leber Absiedelungen (Metastasen) gebildet haben. Primärer Leberkrebs wird von Medizinern als Leberzellkrebs, Leberzellkarzinom oder Hepatozelluläres Karzinom bezeichnet.

Mehrere Studien belegen, dass Krebserkrankungen der Leber durch eine Selektive interne Radiotherapie stark verkleinert werden können. In einigen Fällen gelingt es, die Geschwulst so weit zu verringern, dass eine anschliessende chirurgische Entfernung möglich wird. In Einzelfällen kann die Geschwulst durch die Bestrahlung sogar vollständig zerstört werden. Darüber hinaus kann eine Selektive interne Radiotherapie die Lebensqualität und Lebenserwartung von Patienten verbessern, deren Krebserkrankung nicht auf eine Chemotherapie anspricht.

Die Selektive interne Radiotherapie wird angewendet bei

  • nicht operierbaren oder nicht mehr therapierbaren Primärgeschwulsten der Leber wie Leberzellkrebs oder Gallengangkrebs
  • nicht operierbaren Tochtergeschwulsten, die von anderen Krebserkrankungen in die Leber abgesiedelt haben (u.a. von Brust- oder Darmkrebserkrankungen)

Dabei kann eine Selektive interne Radiotherapie nur dann durchgeführt werden, wenn die Leber noch gut funktioniert. Die Leberfunktion wird mit einer Blutuntersuchung kontrolliert.

Leber

Voruntersuchungen

Um einen für den Patienten sicheren Einsatz der bei der Selektiven internen Radiotherapie verwendeten radioaktiven Mikrokugeln zu gewährleisten, werden die Lebergefässe in einer vorbereitenden Untersuchung genau beurteilt. Hierzu wird dem Patienten zunächst über die Leiste ein Katheter (Leistenkatheter) eingebracht, der im Rahmen einer Angiographie (Gefässdarstellung im Röntgen) bis in die Leber vorgeschoben wird. Anschliessend werden über diesen die angrenzenden, von der Leber in andere Körperorgane führenden Blutgefässe mit Metallspiralen verschlossen (sogenannte Embolisation), damit die radioaktiven Mikrokugeln ausschliesslich in der Leber wirken und nicht über die Blutbahn in andere Körperorgane gelangen. Darüber hinaus wird eine schwach radioaktive Substanz über den Katheter eingeführt und die Verteilung der Radioaktivität am Szintigraphen (Gerät zur Darstellung der Ergebnisse der nuklearmedizinischen Untersuchungsmethode) kontrolliert. Dies ermöglicht den Ärzten auch, die später für die Selektive interne Radiotherapie benötigte Strahlendosis individuell zu bestimmen. Die vorbereitende Untersuchung ist ambulant oder teilstationär möglich. Ergeben sich aus dieser Voruntersuchung keine Einwände gegen eine Selektive interne Radiotherapie, kann diese nach etwa ein bis zwei Wochen durchgeführt werden.

Ablauf der SIRT

Das gesunde Lebergewebe wird hauptsächlich über die Pfortader (Vena portae) und lediglich in geringem Masse über die Leberarterie (Arteria hepatica) mit Nährstoffen versorgt. Eine Krebsgeschwulst erhält dagegen ihr Blut in erster Linie über die Leberarterie. Dieser Unterschied in der Blutversorgung wird bei der Selektiven internen Radiotherapie genutzt, um die Krebsgeschwulst von der Blutversorgung abzuschneiden, zu isolieren und gezielt mit radioaktiven Mikrokugeln zu bestrahlen. Hierzu werden über einen über die Leiste eingeführten Katheter radioaktiv geladene Mikrokugeln – sogenannte Mikrosphären aus Glas oder Harz – in die Leberarterie eingebracht. Die Mikrokugeln enthalten ein radioaktives Isotop (Atom, hier Yttrium-90), das mit zwei bis elf Millimetern lediglich eine kurze Strahlungsreichweite aufweist.

Diese Kugeln dringen direkt zur Krebsgeschwulst vor, lagern sich in den kleinsten Blutgefässen innerhalb der Geschwulst ab und setzen die dortigen Krebszellen gezielt einer hohen Strahlendosis aus, während gesundes Gewebe weitestgehend geschont werden kann. Zugleich werden die Blutgefässe, welche die Geschwulst mit Nährstoffen versorgen, verschlossen und die Krebszellen so quasi „ausgehungert“. Durch die Behandlung verkleinert sich die Krebsgeschwulst zumeist, in einigen wenigen Fällen wird sie sogar vollständig zerstört.

Der Eingriff dauert in aller Regel etwa anderthalb Stunden und findet unter örtlicher Betäubung statt. Während der Behandlung kann es zu Bauchschmerzen und Übelkeit kommen. Um dies zu verhindern, werden im Vorfeld des Eingriffs ein Medikament gegen Übelkeit sowie ein Schmerzmittel über eine Vene verabreicht. Patienten werden nach der SIRT-Behandlung regelmässig mit Blutkontrollen und radiologischen Verfahren untersucht, um den Therapieerfolg zu überwachen.

Risiken und Nebenwirkungen

Die Selektive interne Radiotherapie wird in aller Regel gut vertragen, insbesondere im Vergleich zu einer Chemotherapie oder Strahlentherapie von aussen. So wurde bisher noch kein Haarausfall (Alopezie) nach einer SIRT-Behandlung beobachtet. Die bei der Behandlung eingesetzten radioaktiven Partikel wirken lediglich auf wenige Millimeter und durchdringen keine weiteren Körperorgane. Für die Umwelt der behandelten Person besteht entsprechend keine Strahlenbelastung.

Dennoch können wie bei jeder Therapie unerwünschte Folgen auftreten. Infolge der Angiographie kann es zu Nebenwirkungen und Komplikationen wie Blutungen, Blutergüssen oder Infektionen kommen. Darüber hinaus kann sich aufgrund des Gefässverschlusses und raschen Zerfalls der Krebszellen (innerhalb von ein bis fünf Tagen) ein sogenanntes Postembolisationssyndrom zeigen. Bei diesem kommt es zu grippeartigen Symptomen wie Übelkeit und Erbrechen, Fieber, Gliederschmerzen, Schüttelfrost sowie Bauchschmerzen. Eine versehentliche Einlagerung von Mikrokugeln ausserhalb der Leber kann durch die radioaktive Strahlung zu einer Magenentzündung (Gastritis) oder einem Magengeschwür (Ulcus) führen. In sehr seltenen Fällen können Lungenfibrosen (verstärkte Bildung von Bindegewebe in der Lunge) oder strahlungsbedingte Leberschädigungen (radiogen induced liver disease, kurz: RILD) festgestellt werden. Allergische Reaktionen auf die Mikrokugeln konnten bislang nicht beobachtet werden.

Nachsorge

Am ersten Tag nach dem Eingriff wird mithilfe eines Szintigraphen die Verteilung der Mikrokugeln genau dokumentiert, um Einlagerungen ausserhalb der Leber frühzeitig zu erkennen. In der Regel bleiben Patienten ein bis zwei Tage in der Klinik, um sicherzugehen, dass bei möglichen Komplikationen das behandelnde Klinikteam gleich zur Stelle ist. Zudem umfasst die Nachsorge regelmässige Kontrollen der Leberfunktion sowie des Therapieerfolgs durch bildgebende Verfahren wie Computertomographien oder Magnetresonanztomographien.

Quellen

https://radiologie-uni-frankfurt.de/fuer_patienten/interventionelle_radiologie/onkologische_interventionen/sirt/index_ger.html

https://www.radiologie.de/

S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin e.V.: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/031-048l_S1_SIRT_maligner_Lebertumoren_2014-12.pdf

 

Zuletzt aktualisiert am 24.10.2019