Schmerzen der unteren Lendenwirbelsäule (LWS)

Schmerzen der unteren Lendenwirbelsäule sind weit verbreitet und betreffen ca. 80 Prozent der Bevölkerung ein- bis mehrmals im Leben. Häufig gehen ungewohnte Hebe- oder Tragebelastungen dem Schmerz 1 bis 2 Tage voraus.

Themenübersicht dieses Artikels

Häufigkeit und Ursachen von Schmerzen der unteren Lendenwirbelsäule

Der Rückenschmerz im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule (LWS) ist weit verbreitet und betrifft ca. 80 Prozent der Bevölkerung ein- bis mehrmals im Leben. Als Ursache dieser Rückenschmerzen wird häufig ein Bandscheibenschaden gesehen, oder aber auch andere Verschleisserkrankungen der Lendenwirbelsäule (Spondylose), so zum Beispiel die Abnutzung der kleinen Wirbelgelenke (sog. Facettengelenksarthrose).

Anatomie der Wirbelsäule
© Peter Hermes Furian / Fotolia

Weitaus häufiger ist jedoch die sogenannte muskuläre Dysbalance, also ungleichmässige Muskelverhältnisse zu nennen, die zu Schmerzen der unteren LWS führt. Ein Beispiel dafür sind eine schwache Bauchmuskulatur bei normal kräftiger Rückenmuskulatur. Meist gehen ungewohnte Hebe- oder Tragebelastungen dem Schmerz 1 bis 2 Tage vor Schmerzbeginn voraus (z.B. ungewohnte Gartenarbeit etc.).

Leider lassen sich muskuläre Verspannungen (z.B. im Bauchmuskelbereich oder im Bereich des Hüftbeugemuskels) weder im Röntgen noch im MRT sehen. Dadurch fokussiert sich – häufig fälschlicherweise – bei der Ursachensuche der Schmerzen die Behandlung auf die Bandscheiben und die kleinen Wirbelgelenke, während die funktionellen muskulären Ungleichgewichte als Schmerzursache häufig ausser Acht gelassen werden.

Wie stellen sich Schmerzen der unteren Lendenwirbelsäule dar?

Die Schmerzen werden häufig in der unteren LWS von den Betroffenen lokalisiert und äussern sich gerne als instabiles „Durchbrechgefühl“ oder als bewegungsabhängige stechende Schmerzen in diesem Bereich, teilweise mit Ausstrahlung in die Flanke sowie dem Unvermögen, aus gebückter Haltung schnell in eine aufrechte Körperhaltung zu gelangen.

LWS Rückenschmerzen
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Oft stehen die Patienten mit Symptomen im LWS-Bereich durch schmerzbedingte Schonhaltungen und muskuläre Dysbalancen in einer schrägen oder verschobenen Körperhaltung. Diese Schonhaltung führt auf Dauer zu weiteren Beschwerden, daher ist es ein wichtiges Therapieziel für den Patienten, aus der Schonhaltung zu kommen.

Bei Schmerzen in der Lendenwirbelsäule kann es je nach Ursache zu verschiedenen Symptomen kommen. Die genauen Schmerzsituationen geben Aufschluss über das mögliche Krankheitsbild:

  • Schmerzen beim Vorbeugen: hauptsächlich bei Bandscheibenvorfall, Entzündung oder Reizung des Iliosakralgelenks odr Facettengelenksyndrom
  • Schmerzen beim Zurücklehnen: Das Iliosakralgelenk oder Nervenkompression können verantwortlich sein (Foramenstenose)
  • Schmerzen beim Sitzen: häufig bei Bandscheibenvorfall, Facettengelenksyndrom und Wirbelgelenkblockaden oder bei Bandscheibenverschleiss (Osteochondrose)
  • Erleichterung in durch Liegen: bei Spinalkanalstenose, Bandscheibenvorfall und Wirbelgleiten. Andere LWS-Erkrankungen können selbst im Ruhe zu Schmerzen führen.
  • Schwäche: vor allem bei Spinalkanalstenose

 

Diagnosestellung bei Schmerzen der unteren Lendenwirbelsäule

Häufig erfolgt im akuten Stadium die konventionelle Röntgendiagnostik, in der häufig nur die Schiefhaltung der LWS dokumentiert wird. Bei Ausstrahlung in die Beine wird gerne auch ein MRT zur Hilfe genommen, um massive Bandscheibenvorfälle zu erkennen beziehungsweise auszuschliessen.

Weitaus hilfreicher als die Röntgendiagnostik ist jedoch die sorgfältige Anamneseerhebung sowie die ausführliche klinische Untersuchung inklusive der Austestung der verkürzten Muskelgruppen (z.B. Bauch-, Gesäss- oder Hüftbeugemuskeln).

Bei fast allen Patienten lassen sich ungewohnte muskuläre Überlastungen kurz vor Beginn des Schmerzereignisses eruieren bzw. sind sorgfältig durch entsprechende Fragen herauszuarbeiten. Die Diagnose lautet dann häufig akute Lumbago (= akuter Rückenschmerz der LWS, auch Hexenschuss genannt) bei muskulärer Dysbalance.

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Behandlung von Schmerzen der unteren Lendenwirbelsäule

Als Erstmassnahme bei Schmerzen des unteren Rückens wird häufig die sogenannte Stufenbettlagerung angewandt. Sie führt zu einer schmerzarmen Entspannung sowohl der Muskulatur als auch der möglicherweise zusätzlich belasteten Bandscheibenstrukturen. Die Beine werden hierzu im 90°-Winkel in der Hüfte und im Knie durch Unterlegen z.B. eines Schaumstoffwürfels (Alternative: Getränkekiste mit Decke oder ein Stuhl) angewinkelt. Somit werden die Bandscheiben, die kleinen Wirbelbogengelenke und auch die häufig verkürzte Bauchmuskulatur entlastet. Eine Wärmflasche auf den Bauch und auf die Gesässmuskulatur kann ebenfalls weiterhelfen.

Aufbau Wirbelsäule
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Im weiteren Verlauf eignet sich ferner eine intensive Wärmezufuhr der hüftumgreifenden Muskelgruppen, z.B. durch heisses Abduschen. Sodann wären physiotherapeutische Massnahmen inkl. Massage und Fango für die betroffenen, überlasteten Muskelgruppen (s.o.) sinnvoll, um über eine gut dosierte Dehnung und Lockerung derselben den Patienten wieder in einen schmerzarmen Zustand zu versetzen.

Medikamentös helfen herkömmliche Schmerzmittel beim muskulär bedingten Rückenschmerz eher selten. Medikamente aus der Reihe der Muskelrelaxantien haben hier häufig eine bessere Wirkung.

Wird im Verlauf der Schmerzsymptomatik klar, dass ein Bandscheibenvorfall oder ein Facettengelenksyndrom die Ursache der Schmerzen ist, soll der Patient gezielt in diese Richtung behandelt werden. Der Ausgleich von Muskeldysbalancen hat dann nur einen begleitenden Effekt. Je nach Allgemeinzustand des Patienten und der ausgeprägten Schmerzen sind eine Dauer von ungefähr 3 bis 6 Wochen mit Physiotherapie ein Richtwert. Gibt es danach keine deutliche Besserung, sollte die Diagnose überprüft und weitere Untersuchungen angegangen werden.

Beim Bandscheibenvorfall kann eine Operation Erleichterung schaffen, Nutzen und Risiken wägt ein Neurochirug mit dem Patienten ab. Beim Facettensyndrom haben sich Spritzen als effektive Massnahme erwiesen. Den genauen Ablauf der Facetteninfiltration als Schmerztherapie zeigt das Video:

 

Heilungsaussichten und Nachsorge bei Schmerzen der unteren Lendenwirbelsäule

Schmerzen im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule können immer wieder auftreten. Als Vorbeugung eignen sich die regelmässige Dehnung der zur Verkürzung neigenden Muskelgruppen (also: Gesäss-, Bauch- und Hüftbeugemuskeln) sowie die Kräftigung der rumpfstabilisierenden Muskelgruppen (z.B. Rückenstrecker). Häufig wird durch einseitig durchgeführtes Training das muskuläre Ungleichgewicht eher noch gefördert statt verbessert. Es sollte daher besser unter physiotherapeutischer Anleitung stattfinden. Auch eine verbesserte Beweglichkeit der Gelenke hat einen positiven Einfluss auf Schmerzen im unteren Rücken. Spaziergänge und Radfahren sind ebenso sanfte Bewegungsformen, die empfehlenswert bei Rückenschmerzen sind. 

Übermässige Schonung und Bewegungspausen sind nur als erste Massnahme gegen den Schmerz sinnvoll. So früh wie möglich sollte Bewegung wieder zum täglichen Programm gehören, damit die Muskulatur nicht abbaut. Beginnen Sie ruhig mit einem kleinen Pensum, wichtig ist Regelmässigkeit und sanfte Steigerung

Übergewicht belastet den Rücken und seine Strukturen. Bauen Sie ein erhöhtes Körpergewicht ab, um den die Wirbelsäule zu entlasten. Dabei führen eine ausgewogene Ernährung und mehr Bewegung nach dem Prinzip "Mehr verbrauchen als konsumieren" zum Ziel. Eine Ernährungsberatung kann Ihnen individuelle Tipps geben. 

Joggende Frau
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Sport nach Schmerzen der unteren Lendenwirbelsäule

Nach Eintreten von Schmerzfreiheit kann in aller Regel jegliche sportliche Aktivität wiederaufgenommen werden, sofern keine wirklich strukturellen Schädigungen an den Bandscheiben nachgewiesen wurden. Festgehalten werden muss jedoch, dass das Augenmerk mit zunehmendem Lebensalter immer mehr auf die sogenannte Muskelhygiene gelegt werden muss, d.h.: die bei sportlicher Belastung beanspruchten Muskelgruppen müssen entsprechend aufgewärmt, gelockert und auch wieder gedehnt werden, um eine optimale Muskelfunktion zu gewährleisten und Verletzungen zu verhindern. Ansonsten steigt das Risiko für einen Muskelfaserriss oder eine Muskelzerrung.

Fazit aus der Praxis für die Praxis

Der untere Rückenschmerz ist nur sehr selten durch einen Bandscheibenschaden oder Bandscheibenvorfall verursacht. Weitaus häufiger sind muskuläre Überlastungen der Grund hierfür. Entsprechend muss sich die Behandlung auf die Ursache (= die Muskulatur) richten.

Dauern die Schmerzen länger an und helfen konservative Therapien nicht weiter, muss der Schmerzursache weiter auf den Grund gegangen werden. Spätestens wenn neurologische Ausfallerscheinungen hinzukommen, wie zum Beispiel Kribbeln, ein Hitze- oder Kältegefühl ohne äussere Ursachen oder Taubheit, muss an einen Bandscheibenschaden oder Schädigung der Spinalnerven gedacht werden. Eine entsprechende gezielte Behandlung ist dann zielführender.

Autor: Dr. med. Joachim Schuchert