Demenz - Medizinische Experten

Es gibt Erkrankungen, die nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch deren Angehörige besonders hart treffen. Eine solche Diagnose lautet Demenz. Die Demenz hat viele Gesichter. Dieser Beitrag informiert über die wichtigsten Aspekte der Demenz und zeigt, wo Betroffene und Angehörige Unterstützung finden.


Medizinische Lektorin Mag. Susanne Schmieder

Dieser Artikel wurde nach den Vorgaben aktueller medizinischer Fachliteratur, Leitlinien und wissenschaftlichen Standards verfasst und sorgfältig von Medizinern geprüft.

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Diagnose: Ist es Demenz?

Viele Menschen sehen Demenz als eigenständige Krankheit. Richtig ist: Das Wort Demenz steht einerseits als Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, etwa die vaskuläre Demenz. Andererseits bezeichnet es ein Symptom, zum Beispiel Demenz im Rahmen von Morbus Alzheimer.

Demenz führt bei Betroffenen zur Einschränkung geistiger Funktionen. Hierzu zählen Orientierungsvermögen, Kurz- und Langzeitgedächtnis sowi das allgemeine Denken. Auch Persönlichkeitsveränderungen fallen auf.

Selbsttest: Fragen zur Orientierung

Grundsätzlich gilt: Demenz-Patienten bleiben länger selbstständig, wenn ihre Beschwerden frühzeitig erkannt und behandelt werden. Aus diesem Grund ist es wichtig, erste Anzeichen ernst zu nehmen und nicht einfach zu ignorieren.

Die folgenden Fragen bieten Ihnen eine Orientierung:

  • Machen Sie kleine Fehler im Alltag, die Ihnen früher nicht passiert sind? Beispiele: Sie vergessen, das Essen zu würzen oder die Waschmaschine nach dem Befüllen auch anzustellen.
  • Sind Sie schusselig. Beispiele: Sie verlassen den Raum und vergessen, wohin sie gehen wollten, oder Sie wissen nicht mehr, wo Sie Ihre Schlüssel hingelegt haben.
  • Sie sind vergesslich. Beispiel: Beim Lesen langer Zeitungsberichte haben sie am Ende des Artikels den Anfang vergessen.
  • Sie haben Wortfindungsstörungen. Beispiel: Sie wollen etwas erklären und vergessen alltägliche Begriffe, die Sie dafür brauchen. Das kann das Wort „Frisör“ in einer Wegbeschreibung sein oder auch die „Kartoffel“ als Beilage zum Sonntagsbraten.
  • Sie fühlen sich antriebslos. Beispiel: Früher waren Sie im Sportverein sehr aktiv. Heute spüren Sie kaum noch Lust auf das wöchentliche Training oder auf gemeinsame Unternehmungen.
  • Sie haben Probleme, längere Sätze fehlerfrei auszusprechen. Sie verheddern sich und vergessen, was Sie sagen wollten.

Kommen Ihnen diese Probleme oder einige davon bekannt vor? Dann sprechen Sie unbedingt mit Ihrem Hausarzt darüber. Es muss nicht bedeuten, dass Sie an einer Demenz leiden. Trotzdem ist es wichtig, dem Auslöser für die Beschwerden auf die Spur zu kommen.

Wenn Sie sich mit Ihren Beschwerden nicht ernst genommen fühlen oder gleich eine verlässliche Diagnose erhalten wollen, vereinbaren Sie einen Termin für eine "Gedächtnissprechstunde". Grosse Kliniken verfügen über Spezialisten, die Sie umfassend auf Hirnleistungsstörungen hin untersuchen. Über die Website der Deutschen Alzheimer Gesellschaft finden Sie Ansprechpartner in Ihrer Nähe.

Formen von Demenz

Die Medizin unterscheidet verschiedene Arten von Demenz.

  1. Demenz bei Alzheimer: Morbus Alzheimer ist die Ursache von 50 Prozent aller Demenz-Fälle. Sie tritt selten vor dem 65. Lebensjahr auf, die meisten Betroffenen sind älter als 80 Jahre. Diese Form der Demenz verläuft chronisch-progredient (dauerhaft und fortschreitend).
  2. vaskuläre Demenz: Kleine und grössere Schlaganfälle stören die Durchblutung der betroffenen Gehirnregionen und zerstören dadurch das Gehirngewebe. Besonders kleine, wiederholt auftretende Hirnschläge führen zu schwankenden Symptomen. Der Betroffene wirkt phasenweise verwirrt und kurz darauf wieder klar. Im Gegensatz zu Morbus Alzheimer beginnen die Beschwerden früher und oft abrupt.
  3. Mischformen von 1 und 2;
  4. metabolische Demenz: Demenz tritt als Folge von Vitaminmangel oder Intoxikation auf.

Nach dem Ausbruch der Demenz leben Betroffene durchschnittlich zwei bis sieben Jahre.

Welche Symptome treten bei Demenz auf?

Die Symptome, die eine Demenz begleiten, werden ebenfalls verschiedenen Kategorien zugeordnet. Im Anfangsstadium gleicht die Demenz in ihren Symptomen einer Depression, so dass weder Betroffene noch Angehörige in erster Instanz an eine Demenz denken. Aus diesem Grund bieten die folgenden Abschnitte erste Anhaltspunkte.

Kognitive Ausfälle

Ein zentrales Merkmal ist der Gedächtnisverlust, der sich im Krankheitsverlauf zunehmend verschlimmert. Das Risiko ist gross, dass die Betroffenen diese Gedächtnisstörungen selbst entweder nicht bemerken oder sie aus Scham ihrem Umfeld gegenüber verschweigen und überspielen. Aus diesen Gründen finden die meisten Patienten häufig erst spät den Weg zum Arzt.

Weitere Symptome wie Wortfindungsstörungen oder Orientierungsprobleme (auch in gewohnter Umgebung) zählen zu den kognitiven Ausfallerscheinungen.

Motorische Ausfälle

Im Verlauf einer Demenz kann es auch zum Verlust der motorischen Fähigkeiten kommen. Abzugrenzen sind diese von einer anderen Erkrankung - der Parkinson-Krankheit - welche mit eben jenen motorischen Störungen (Zittern) beginnt. Die motorischen Störungen gefährden den Patienten im Alltag. Vor allem das Risiko zu stürzen steigt rapide an. Motorische Störungen lassen sich vor allem durch einen unsicheren Gang mit kleinen Schritten erkennen.

Verhaltensauffälligkeiten

Verhaltensstörungen sind ein Aspekt, der vor allem für Angehörige anstrengend und kräftezehrend sein kann. Die Patienten zeigen unterschiedliche Symptome, wie Enthemmung, Apathie, Halluzinationen, Aggression, Schlafstörungen, Angst oder depressive Phasen. Ebenfalls zu den Verhaltensauffälligkeiten zählen die schwindende Fähigkeit, den eigenen Haushalt zu führen oder für eine angemessene Körperpflege zu sorgen.

Diagnostik: Die ärztliche Untersuchung

Wie bereits erwähnt sind Hausärzte in der Regel die erste Anlaufstelle für Menschen mit Gedächtnisstörungen. Um die Symptome genau abzuklären, überweist der Allgemeinmediziner seinen Patienten an einen Neurologen oder Psychiater.

In der neurologischen Praxis erhebt der Arzt die genaue Krankheitsgeschichte (Anamnese). Die geistige Leistungsfähigkeit wird zum Beispiel mit dem DemTect, einem Demenz-Screening eingeschätzt. Auch der Mini-Mental-Status-Test (MMST) kommt dafür infrage. Dieses Verfahren gibt erste, verlässliche Hinweise auf eine Demenz.

Bildgebende Verfahren, wie MRT (Magnetresonanztomografie) oder die nuklearmedizinische PET-Untersuchung (Positron-Emission-Tomography) geben Informationen über organische Veränderungen im Gehirn.

Ehe der Arzt eine Demenz diagnostiziert, muss er andere Krankheiten ausschliessen (Differenzialdiagnostik). Dazu gehören sogenannte Pseudo-Demenzen. Der Begriff beschreibt Beschwerden, die einer Demenz ähneln. So gehen zum Beispiel schwere Depressionen häufig mit Konzentrations- und Gedächtnisstörungen einher. Auch psychomotorische Gehemmtheit ist bei depressiven Menschen zu beobachten. – Diese Phänomene könnten auch eine Demenz anzeigen.

Welche Ursachen hat Demenz?

Im Rahmen der Ursachenforschung unterscheiden Mediziner zwei Arten von Demenz.

Bei den primären Demenzformen steht die krankhafte Veränderung des Gehirns im Vordergrund. Morbus Alzheimer oder vaskuläre Demenz führen zur Degeneration von Nervenzellen und lösen die typischen Symptome aus.

Bei sekundären Demenzformen entwickelt sich die Demenz als Folge äusserer Einflüsse oder bestimmter Vorerkrankungen. Beispiele für Auslöser einer sekundären Demenz sind:

  • Gehirnblutungen nach Unfällen,
  • Tumore,
  • Alkohol und sonstige Drogen, sowie
  • verschiedene Medikamente.

Natürlich führt auch die steigende Lebenserwartung zu einem Anstieg der Demenz-Erkrankungen.

Therapie: Wie wird Demenz behandelt?

Alzheimer und vaskuläre Demenz – nicht heilbar. Die passende Therapie besteht in der Regel aus einer Kombination von Medikamenten, Psychotherapie und speziellen Trainings. Die Behandlung kann den Krankheitsverlauf verlangsamen und so die Lebensqualität erhöhen.

Die Medikamente können entweder in Tablettenform oder als Lösung gegeben werden. Seit einiger Zeit setzen Mediziner verstärkt auf Wirkstoff-Pflaster, die ihre Wirkstoffe kontinuierlich abgeben. Für Angehörige und auch für das Pflegepersonal ist dies eine grosse Erleichterung.

Folgende Therapiebausteine ergänzen die medikamentöse Behandlung:

  • Im Anfangsstadium empfehlen Mediziner ein Gedächtnistraining unter Anleitung. Dieses Training stärkt das Gedächtnis und die Fähigkeit der Patienten sich zu orientieren. Im fortgeschrittenen Stadium ist diese Therapie eher nicht angezeigt. Der Grund: Da es zu immer stärkeren Ausfallerscheinungen kommt, bleiben auch die "Erfolge" aus. Dies könnte sich sehr negativ auf die Psyche und das Allgemeinbefinden der Patienten auswirken.
  • Biografie-Arbeit: Zum Einsatz kommt hier häufig der so genannte "Ich-Pass". Die Patienten beantworten einfache Fragen zu ihrer Person und tragen die Antworten in ihren „Ich-Pass“ ein. Der positive Nutzen besteht darin, dass das Pflegepersonal erkennt, was der Patient mit bestimmten Verhaltensmustern mitteilen will. Denn gerade im fortgeschrittenen Stadium können sich die Betroffenen oft nicht mehr vernünftig mitteilen.
  • Hinzu kommen Ergo-, Bewegungs- und Musiktherapie.

Prophylaxe: Demenz-Risiko senken

Viele Menschen beschäftigt die Frage, ob man Demenz vorbeugen kann. Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht. Ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung, soziale Kontakte und „Gehirnjogging“ sind Dinge, die sich positiv auf die geistige Leistungsfähigkeit und das allgemeine Wohlbefinden auswirken.

Bestimmte Vorerkrankungen steigern das Demenz-Risiko und müssen daher frühzeitig und konsequent behandelt werden. An erster Stelle steht der Bluthochdruck. Der Druck auf die Blutgefässe begünstigt vor allem vaskuläre Demenz. Das gilt auch für Arteriosklerose (Gefässverkalkung).

Selbsthilfe für Betroffene und Angehörige

Eine chronische, fortschreitende Erkrankung bedeutet immer einen grossen Einschnitt ins Leben. Für Betroffene und Angehörige existieren verschiedene Anlaufstellen – von regionalen Selbsthilfegruppen über Fachgesellschaften und Internetforen.

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. bietet umfassende Unterstützung.

  • Betroffene können sich auf der Website ausführlich über das Thema informieren.
  • Für persönliche Fragen stehen eine kostenlose E-Mail-Beratung und das „Alzheimer-Telefon“ zur Verfügung.
  • Im Online-Forum der Gesellschaft können sich Betroffene in einem geschützten Rahmen austauschen und gegenseitig unterstützen.

Angehörige finden zum Beispiel bei den regionalen Fachstellen für pflegende Angehörige der Caritas eine kompetente Anlaufstelle. Die Fachstelle unterstützt die Angehörigen in allen Belangen. Die Diagnose Demenz stellt das Umfeld des Betroffenen vor grosse Herausforderungen und wirft viele Fragen auf. Fachkräfte beraten und unterstützen Sie in dieser Zeit.

Fazit: Demenz bedeutet eine enorme Herausforderung. Um diese zu meistern steht den Betroffenen und ihren Angehörigen ein Netz kompetenter Unterstützer zur Seite.

Quellen

  • Gebhard, D. & Mir, E. (2019): Gesundheitsförderung und Prävention für Menschen mit Demenz: Grundlagen und Interventionen. Springer-Verlag. (Anmerkung: Das Buch erscheint im Juli und klingt sehr vielversprechend.)
  • Forstmeier, S. & Roth, T. (2017): Kognitive Verhaltenstherapie für Patienten mit leichter Alzheimer-Demenz und ihre Angehörigen. Springer-Verlag.
  • Diekämper, W. (2010): Pflegiothek: Menschen mit Demenz begleiten und pflegen: Fachbuch. Cornelsen-Verlag.
  • Maier et al. (2011): Alzheimer & Demenzen verstehen: Diagnose, Behandlung, Alltag, Betreuung. Trias-Verlag.
  • Baumann, U. & Perrez, M. (Hrsg.) (2011): Klinische Psychologie – Psychotherapie. Lehrbuch. Hans-Huber-Verlag.
  • Wegweiser Demenz des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend