AMIS-Technik: Muskelschonende minimalinvasive Hüftendoprothetik

Für das Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks (Hüftendoprothese) gibt es verschiedene Zugangswege zum Hüftgelenk, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Einer davon ist der vordere Zugang im Sinne der AMIS-Technik. AMIS steht für „anterior minimally invasive surgery“ (vordere minimalinvasive Chirurgie) und beschreibt ein chirurgisches Verfahren, mit dem die Hüftendoprothese besonders schonend auf der Vorderseite des Patienten eingesetzt wird. Mit der AMIS-Technik wird das Risiko für operationsbedingte Verletzungen von Muskeln, Nerven, Sehnen und Blutgefässen deutlich reduziert, sodass weniger Komplikationen und eine schnellere Genesung nach der Operation zu erwarten sind. Typischerweise kommt die AMIS-Technik bei Patienten mit Gelenkabnutzung (Arthrose) der Hüfte (Koxarthrose) zur Anwendung.

Medizinischer Fachlektor Prof. Dr. med. Jörg Holstein

Dieser Artikel wurde nach den Vorgaben aktueller medizinischer Fachliteratur, Leitlinien und wissenschaftlichen Standards verfasst und sorgfältig von Medizinern geprüft.

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AMIS-Technik - Weitere Informationen

Definition

Bei AMIS handelt es sich um einen minimalinvasiven operativen Eingriff, obgleich er nicht mit der „Schlüssellochchirurgie“ gleichzusetzen ist. Im Gegensatz zur Schlüssellochchirurgie, bei der über mehrere kleinere Hautschnitte endoskopische Instrumente eingeführt werden, ist bei der AMIS-Technik nur ein etwa acht Zentimeter langer Hautschnitt vorne über dem Hüftgelenk erforderlich. Aufgrund der anatomischen Gegebenheiten in diesem Bereich müssen während der Operation keine Muskeln, Nerven oder Sehnen verletzt werden, sondern die Muskeln können auf die Seite geschoben werden, um zum Hüftgelenk zu gelangen. Somit kann das neue, künstliche Hüftgelenk sehr muskelschonend implantiert werden. Für das Einsetzen der Hüftendoprothese wird ein spezieller Beinhalter genutzt, der die Operation erleichtert und einen Dehnungsschaden des Oberschenkelnervs (Nervus femoralis) verhindern soll.

Der vordere Zugang, den die AMIS-Technik nutzt, ist einer von vier operativen Zugängen, die sich bei der Implantation einer Hüftendoprothese bewährt haben. Neben dem vorderen Zugang sind dies

  • der dorsale (hintere) Zugang, der von hinten durch die Gesässmuskulatur und die Muskeln der Aussenrotatoren zum Hüftgelenk führt, das bedeutet, die Muskeln werden durch den Eingriff verletzt;
  • der laterale (seitliche) Zugang, der von der Seite durch die Muskeln der Abduktoren („Abspreizer“) zum Hüftgelenk führt, auch hier werden die Muskeln verletzt;
  • der anterolaterale (vordere seitliche) Zugang, der vorne seitlich zwischen einzelnen Muskeln zum Hüftgelenk führt; zwar werden keine Muskeln direkt verletzt, allerdings kommt es häufiger durch das erforderliche Zurseiteziehen des mittleren Gesässmuskels zu dessen Schädigung.

Aller vier Operationsverfahren können mittels kleinerer Hautschnitte durchgeführt werden. Allerdings werden nur beim vorderen Zugang (AMIS) und mit Einschränkung beim vorderen seitlichen Zugang auch die Muskeln, Sehnen, Nerven und Blutgefässe so geschont, dass von einem insgesamt minimalinvasiven Eingriff gesprochen werden kann.

Gründe für die Behandlung

Ein übermässiger Verschleiss (Arthrose) des Hüftgelenks (Koxarthrose) ist bei etwa 90 Prozent der Patienten der Grund für ein künstliches Hüftgelenk. Weitere Gründe für die Operation können Verletzungen und Brüche sowie andere Erkrankungen wie Knochennekrose sein.

Das Hüftgelenk besteht aus dem Kopf des Oberschenkelknochens (Femur) und der schalenförmigen Pfanne des Beckenknochens. Damit die Knochen sich nicht direkt berühren, sind die Knochen im Bereich des Gelenks mit Knorpel überzogen. Zusätzlich schützt Gelenksflüssigkeit davor, dass im Gelenk eine zu grosse Reibung entsteht. Wenn sich die Knorpelschicht aufgrund einer Erkrankung (zum Beispiel bei Koxarthrose) oder früherer Verletzungen abnutzt (Gelenkverschleiss), kommt es zu Schmerzen im Hüftgelenk. Das Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks führt dann in den meisten Fällen zu einer raschen Besserung der Schmerzen und als Folge davon zur Wiedererlangung der Mobilität und zu einer besseren Lebensqualität.

Aufgrund des gewebeschonenden Verfahrens hat der vordere Zugangsweg zum Hüftgelenk mittels AMIS-Technik entscheidende Vorteile insbesondere gegenüber den anderen Zugangswegen:

  • Der Blutverlust während der Operation und die Schmerzen nach der Operation sind geringer.
  • Die Genesungszeit ist verkürzt, was eine schnellere Rückkehr in den Alltag erlaubt.
  • Der Krankenhausaufenthalt ist verkürzt.
  • Da die Muskeln während des Eingriffs geschont werden, ist die Stabilität der Hüfte nach dem Eingriff erhöht und damit das Risiko, dass das Gelenk „auskugelt“ geringer. Auch bestehen keine Bewegungseinschränkungen.
  • Aufgrund des verringerten Verletzungsrisikos von Muskeln und Nerven ist auch das Risiko, dass der Patient hinkt, reduziert.
  • Aufgrund des kleineren Hautschnitts bleibt nur eine kleinere Narbe.
  • Da in diesem Körperbereich die geringste Fettverteilung vorliegt, ist AMIS auch für übergewichtige Personen geeignet.
  • Das Einsetzen einer Hüftprothese in beiden Hüftgelenken ist im Rahmen nur einer Narkose möglich.

Die Operationsmethode ausführlicher präsentiert

Die Operation kann in Vollnarkose oder in Rückenmarksnarkose, während der der Patient zwar wach ist, aber die Beine schmerzunempfindlich sind, durchgeführt werden. Die gesamte Operation dauert etwa 60 bis 90 Minuten.

Für das Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenkes mittels minimalinvasiver AMIS-Technik wird der Patient auf den Rücken gelagert und das Bein in einem speziellen Beinhalter fixiert. Der Beinhalter ermöglicht, dass das Bein während der Operation immer in der optimalen Lage gehalten werden kann. Nach Setzen eines kleinen Hautschnitts oberhalb des Hüftgelenks sucht sich der Chirurg den vorgegebenen Weg zwischen den Muskeln bis zum Hüftgelenk. Die Muskeln selbst werden nicht verletzt, und Blutungen können vermieden werden. Da in diesem Bereich auch keine wichtigen Nerven den Zugang kreuzen, ist die Gefahr, dass es zu Nervenverletzungen mit anschliessender Beeinträchtigung von Muskelfunktionen kommt, gering.

Mit speziellen Spreizern wird das Gewebe offen gehalten, sodass der Chirurg trotz kleiner Öffnung eine gute Einsicht in das Operationsgebiet hat. Nach Öffnen der Gelenkkapsel wird zunächst der durch Arthrose geschädigte Femurkopf entfernt. Anschliessend wird die neue Hüftpfanne in den Beckenknochen und im zweiten Schritt der künstliche Schaft in den Oberschenkelknochen eingesetzt und der Prothesenkopf befestigt. Die Operationswunde wird abschliessend vernäht.

Verhalten nach OP und Nachsorge

Nach der Operation kommt es in der Regel nur zu geringen Schmerzen, was auf die muskelschonende Operationsweise zurückzuführen ist. Der Krankenhausaufenthalt beträgt nur wenige Tage.

Für jeden Patienten wird individuell ein geeignetes Rehabilitationsprogramm zusammengestellt. Eine ambulante Physiotherapie ist meist ausreichend, auf Wunsch des Patienten kann auch eine stationäre Rehabilitation erfolgen. Normalerweise kann der Patient bereits schon am Operationstag aufstehen und an Gehhilfen gehen, das heisst, der Patient kann hinsichtlich der axialen („senkrechten“) Belastung von Beginn an voll mobilisiert werden. Der Patient kann also die Hüfte so stark belasten, wie es für ihn angenehm ist. Nach etwa zwei bis drei Wochen verzichten die meisten Patienten auf Gehilfen. Es gelten auch keine wesentlichen Einschränkungen hinsichtlich der Beweglichkeit, das Schlafen in Seitenlage ist von Anfang an möglich. Allerdings sollte der Kraftaufbau in Beugung und die Maximalbelastung (zum Beispiel Beinpresse) sowie Anwendungen, die mit Vibrationen und starken axialen Stauchungen einhergehen, für die ersten Monate vermieden werden. Damit wird sichergestellt, dass die Endoprothese gut in den Knochen einwächst.

Insgesamt ist aber die Rückkehr zu den Alltagsaktivitäten sehr rasch möglich. Autofahren beispielsweise ist theoretisch schon nach etwa 2 Wochen wieder möglich, aus versicherungsrechtlichen Gründen sollte aber erst etwa vier bis sechs Wochen nach dem Eingriff damit begonnen werden. Je nach ausgeübtem Beruf kann bereits nach wenigen Wochen die Berufstätigkeit wieder aufgenommen werden, bei Berufen mit schwerer körperlicher Arbeit ist allerdings eine längere Pause von einigen Monaten erforderlich, damit das Einwachsen der Prothese in den Knochen nicht gestört wird.

Komplikationen, Risiken, Prognose

Das Ergebnis nach AMIS-Technik ist hinsichtlich funktioneller Belastung des neuen Hüftgelenks insbesondere in den ersten Monaten nach der Operation besser und die Rehabilitation deutlich beschleunigt als bei den alternativen Operationsverfahren. Das Komplikationsrisiko ist gering. Wie bei jedem operativen Eingriff besteht auch bei der AMIS-Technik ein Risiko für Thrombosen und Embolien sowie Wundheilungsstörungen und Infektionen.

Es liegt allerdings ein erhöhtes Risiko vor, dass ein kleiner in der Nähe des OP-Gebietes verlaufender Hautnerv (der sogenannte Nervus cutaneus femoris lateralis) durch die eingesetzten chirurgischen Instrumente gedehnt wird und es dadurch zu einem vorübergehenden leichten Dehnungsschaden kommt. Dies kann sich durch ein pelziges Gefühl neben, bzw. unterhalb der Operationsnarbe äussern, das sich aber meist wieder zurückbildet.

Ein künstliches Hüftgelenk hat eine Lebensdauer von durchschnittlich etwa 20 Jahren. In manchen Fällen kann sich die Prothese frühzeitig lockern, dann wäre ein Prothesenwechsel notwendig. Damit eine Prothesenlockerung rechtzeitig erkennt wird, sind regelmässige Kontrolluntersuchungen und bei Bedarf auch Röntgenuntersuchungen erforderlich. Bei Infektionen, zum Beispiel einer Zahninfektion oder einer Nasennebenhöhleninfektion, können sich Bakterien über die Blutbahn auch im Bereich der Endoprothese ansiedeln und so zu einer Endoprothesenlockerung führen. Eine gerötete, geschwollene und erwärmte Hüftgelenksregion kann auf eine Infektion der Endoprothese hinweisen. Dann muss genau abgeklärt werden, was die Ursache für die Beschwerden ist. Es ist wichtig, dass der Patient im Falle einer auch banalen Infektion den behandelnden Arzt darüber informiert, dass er ein künstliches Hüftgelenk hat, um rechtzeitig eine Antibiotikatherapie einleiten zu können. Gelockerte Endoprothesen kommen glücklicherweise relativ selten vor.

Quellen

Anbari K (2014) Advantages and Disadvantages of Anterior Hip Replacement. Arthritis-health. https://www.arthritis-health.com/surgery/hip-surgery/all-about-anterior-hip-replacement

Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (2019) Koxarthrose. S2k-Leitlinie. AWMF-Register-Nr.: 033-001. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/033-001l_S2k_Koxarthrose_2019-07_1.pdf

Gollwitzer H (2018) Die minimal-invasive AMIS-Technik zur Implantation von Hüftprothesen. Der Orthopäde 47(9): 782-787. https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00132-018-3591-y

Holstein J (2019) AMIS - Minimalinvasive Hüftendoprothetik über den anterioren Zugang. sportärztezeitung 1: 2-6. https://ethianum-klinik-heidelberg.de/dokumente/upload/Prof_Dr_Holstein_ueber_AMIS_saez0119.pdf

 

Zuletzt aktualisiert am 14.10.2019