Durchblutungsstörung - Medizinische Experten

Am häufigsten kommt es in den Extremitäten (Armen, Beinen) zu mangelhafter Durchblutung. Auch Finger und Zehen können von Durchblutungsstörungen betroffen sein. Sie funktionieren dann nicht mehr richtig und sterben im Extremfall sogar ab. Mitunter sind auch Herz, Darm, Gehirn und andere Organe unterversorgt. Verschiedene Gewebearten kommen unterschiedlich gut mit einer vorübergehenden Unterversorgung zurecht. Beim Nervengewebe sind es nur 2 bis 4 Stunden, bei der Muskulatur 6 bis 8 Stunden und bei der Haut sogar 12 Stunden, bevor es zu irreversiblen Schäden am Gewebe kommt.


Medizinischer Lektor Dr. Claus Puhlmann

Dieser Artikel wurde nach den Vorgaben aktueller medizinischer Fachliteratur, Leitlinien und wissenschaftlichen Standards verfasst und sorgfältig von Medizinern geprüft.

Übersicht

Empfohlene Spezialisten

Durchblutungsstörung - Weitere Informationen

Definition von Durchblutungsstörungen

Mediziner unterscheiden zwischen arteriellen und venösen sowie zwischen akuten und chronischen Durchblutungsstörungen.

Eine arterielle Durchblutungsstörung (auch arterielle Verschlusskrankheit genannt) liegt vor, wenn in einer Arterie (ein Blutgefäss, das vom Herzen wegführt und in der Regel sauerstoffreiches Blut transportiert) eine Verengung oder ein Verschluss auftritt. Von einer arteriellen Verschlusskrankheit können periphere Arterien (zum Beispiel der Beine) oder zentrale, organversorgende Arterien (zum Beispiel Herzkrankgefässe, Nieren- und Darmarterien) betroffen sein. Liegt der Verschluss oder die Verengung in einer Vene (zum Herzen gehendes Blutgefäss, das in der Regel sauerstoffarmes Blut führt), kommt es zu einer venösen Durchblutungsstörung - hierzu gehören beispielsweise die tiefe Venenthrombose und das Krampfaderleiden.

Eine akute Durchblutungsstörung liegt vor, wenn es aufgrund eines plötzlichen Gefässverschlusses zu Beschwerden kommt. Ein akuter Gefässverschluss kann je nach betroffenem Organ ein medizinischer Notfall darstellen (zum Beispiel die Lungenembolie, der Herzinfarkt oder der Schlaganfall) und eine umgehende, notärztliche Versorgung erforderlich machen. Eine chronische Durchblutungsstörung entwickelt sich in der Regel über einen längeren Zeitraum und kann in Abhängigkeit von der beeinträchtigten Körperregion zu verschiedenen Symptomen führen.

Ursachen und Risikofaktoren für Durchblutungsstörungen

Ursache für eine akute Durchblutungsstörung ist ein Gefässverschluss durch einen Thrombus, das ist ein Blutgerinnsel in einem Gefäss, oder durch einen Embolus, das ist Blutgerinnsel (also ein Thrombus), das sich wieder von der Gefässwand löst, mit dem Blut weitertransportiert wird und an einer anderen Stelle im Gefässsystem zu einem erneuten Gefässverschluss führt. Ein Gefässverschluss durch einen Thrombus wird Thrombose und durch einen Embolus Embolie genannt. Ein Blutgerinnsel kann zum Beispiel nach Gefässverletzungen und Operationen, bei Störungen der Blutgerinnung, bei stark verlangsamter Fliessgeschwindigkeit des Blutes oder auch spontan entstehen.

Dagegen entsteht eine chronische Durchblutungsstörung meist durch Verengungen (Stenosen), seltener auch durch Verschlüsse eines Gefässes. Zur Gefässverengung kann es kommen, wenn entweder das Gefäss abgeknickt ist oder durch eine anatomische Struktur von aussen eingedrückt wird. Aber auch Gefässentzündungen (Venenentzündungen), Traumen (Verletzungen) oder genetisch-bedingte Gefässveränderungen können Ursache einer chronischen Durchblutungsstörung sein. In den allermeisten Fällen ist aber eine Arteriosklerose (umgangssprachlich Arterienverkalkung) für die Ausbildung von Verengungen verantwortlich. Bei der Arteriosklerose sind die Innenwände der Arterien von Cholesterin-Ablagerungen (Plaques) bedeckt. Sie wachsen im Laufe der Jahre an und verschliessen so das Gefäss, oder es bleiben Blutgerinnsel an den Engstellen hängen, die dann zu einem akuten Gefässverschluss führen. Bei der chronischen arteriellen Durchblutungsstörung können sich zusätzliche Blutgefässe ausbilden, die die eingeengte oder verschlossene Stelle umgehen und somit die Versorgung mit ausreichend Sauerstoff und Nährstoffen über einen gewissen Zeitraum übernehmen.

Je nachdem, wo der Gefässverschluss bzw. die Verengung auftritt, kommt es zu verschiedenen Krankheitsbildern: Ist zum Beispiel ein Herzkranzgefäss eingeengt, kann sich eine koronare Herzkrankeit ausbilden, ist es komplett verschlossen, kann es zu einem Herzinfarkt kommen. Bei einem Gefässverschluss im Gehirn liegt ein Schlaganfall vor. Sind Gefässe der Lunge verschlossen, kommt es zur Lungenembolie. Es können prinzipiell alle Gefässe von einer Gefässverengung bzw. eines Verschlussen und somit alle Organe von einer Durchblutungsstörung betroffen sein. Bei der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) sind die peripheren Gefässe, meist der Beine, eingeengt oder verschlossen, eine pAVK kann also chronisch oder akut sein.

Zu den wichtigsten Risikofaktoren für Arteriosklerose als Hauptursache einer Durchblutungsstörung gehören:

  • Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit)
  • Rauchen
  • Bluthochdruck
  • Zu hoher Cholesterinspiegel
  • Zuckerkrankheit
  • Fehlernährung (zu viel Fett, Fleisch)
  • Zu wenig körperliche Bewegung
  • Fettstoffwechselstörungen
  • Höheres Lebensalter
  • Erbliche Veranlagung

Weitere Risikofaktoren für die Ausbildung eines Thrombus (Embolus) sind zum Beispiel:

  • Blutgerinnungsstörungen
  • Krebserkrankung
  • Herz-Kreislauf-Erkrankung (zum Beispiel Herzinsuffizienz)
  • Übergewicht
  • Bettlägerigkeit
  • Ruhigstellung einer Extremität
  • Operationen und Verletzungen
  • Schwangerschaft und Wochenbett
  • Nephrotisches Syndrom (Nierenerkrankung)
  • Schweres Krampfaderleiden
  • Rauchen
  • Einnahme der Antibabypille
  • Hormonersatztherapie in den Wechseljahren
  • Einnahme bestimmter Medikamente, wie zum Beispiel Krebsmedikamente
  • Höheres Lebensalter (über 60 Jahre)

Welche Symptome treten bei einer Durchblutungsstörung auf?

Die Art der Beschwerden hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie zum Beispiel:

  • Tritt die Verengung nur an einer Stelle oder mehreren Stellen im Gefäss auf?
  • Wie stark ist das Gefäss eingeengt?
  • Handelt es sich um eine akute oder eine chronische, um eine venöse oder arterielle Durchblutungsstörung?
  • Welches Gefäss bzw. welche Körperregion ist betroffen?

Ein akuter Gefässverschluss an den Extremitäten verursacht kalte Füsse oder Hände, Taubheitsgefühle, Schmerzen und eine weiss marmorierte Haut. An den beeinträchtigten Stellen ist kein Puls vorhanden. Eventuelle Wunden heilen nicht mehr ab. Sind innere Organe wie der Darm betroffen, kommt es zum Darm-Infarkt mit sehr starken Bauchschmerzen. Im Extremfall kann eine Darmlähmung die Folge sein.

Leidet der Patient an einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, sind meist die Beine schlecht durchblutet. Da die Muskeln unterversorgt sind, hat er Schmerzen und muss in gewissen Abständen stehenbleiben ("Schaufensterkrankheit"). In einem späteren Stadium der Verschlusskrankheit sind starke Gewebeschäden bis hin zum Raucherbein die Folge.

Ist das Herz von chronischer Durchblutungsstörung betroffen, entwickelt der Patient eine koronare Herzkrankheit (KHK). Sie zeigt sich in Form von mehr oder weniger starken Herzschmerzen und im schlimmsten Fall als Herzinfarkt.

Beim Raynaud-Syndrom, einer ungefährlichen Durchblutungsstörung, sind Zehen und Finger kurzfristig ungenügend durchblutet. Sie färben sich zuerst weiss und dann bläulich - was völlig schmerzlos geschieht.

Raynaud-Syndrom
Raynaud-Syndrom

Von Venenentzündungen sind nur die Beine betroffen. Sie werden dick, fühlen sich heiss an und sind druckempfindlich. An den betroffenen Stellen treten Hautrötungen auf. Die mit Venenentzündungen verbundenen Schmerzen lassen sich durch Hochlagerung der Beine lindern. Im Gegensatz zu arteriellen Durchblutungsstörungen ist bei ihnen der Puls in den Beinen noch spürbar.

Auch chronische Durchblutungsstörungen gehören in die Hände eines erfahrenen Mediziners. Stellen Sie eines oder mehrere der aufgeführten Symptome bei sich fest, sollten Sie baldmöglichst einen Facharzt für Angiologie (Spezialist für Gefässerkrankungen) aufsuchen.

Diagnose von Durchblutungsstörungen

Nach Beendigung der Voruntersuchungen überprüft der Facharzt seine Verdachtsdiagnose mithilfe verschiedener Methoden. Die Blutuntersuchung gibt Auskunft darüber, wie hoch die Blutfett- und Blutzuckerspiegel sind und dient der Bestimmung der Gerinnungsfaktoren. So erkennt er, welche Risikofaktoren beim Patienten massgebend sind.

Ergibt die Messung des Blutdrucks bei beiden Armen oder Beinen unterschiedliche Werte, liegt eine einseitige Verengung der Gefässe vor. Über die Bestimmung des Knöchel-Arm-Indexes (ABI, Doppler-Index) können Durchblutungsstörungen im Bein erkannt werden. Um ihn zu ermitteln, teilt man den am Knöchel des Patienten festgestellten Blutdruck-Wert durch den Wert am Oberarm. Werte unter oder gleich 0,92 sind beweisend für eine periphere arterielle Verschlusskrankheit.

Verschiedene weitere körperliche Tests können ebenfalls Hinweise auf Durchblutungsstörungen geben. Dazu gehören zum Beispiel der Allen-Test (Faustschlussübungen), die Lagerungsprobe nach Ratschow (Kreisbewegungen der Füsse) oder der Gehtest zur Bestimmung der schmerzfreien Wegstrecke. Während bei den ersten beiden Tests die Hautverfärbung (Rötung, Abblassen) beurteilt wird, wird beim Gehtest darauf geachtet, ob und wann es zu Schmerzen in den Beinen kommt.

Mit der transkutanen Sauerstoffpartialdruckmessung, die über Sensoren auf der Haut erfolgt, lässt sich der Sauerstoffgehalt im Gewebe feststellen, was wiederum Rückschlüsse auf die Durchblutung des Gewebes erlaubt.

Im Bereich der Bildgebung können unterschiedliche Verfahren zum Einsatz kommen. Ein spezielles Ultraschallgerät bestimmt die Strömungsgeschwindigkeit und Richtung des Blutes innerhalb der Arterien (Doppler- und Duplexsonographie). Mit der computertomographischen Angiographie (CTA) lassen sich sehr gut die Gefässe darstellen, als Alternative oder für spezielle Fragestellungen stehen die strahlungsfreie kernspintomographische Angiographie (MRA), die digitale Subtraktionsangiographie (DSA) und die klassische Angiographie (eine Art Röntgenuntersuchung) zur Verfügung. Letztere wird häufig auch im Rahmen einer Gefässchirurgie eingesetzt. Mit diesen Verfahren lassen sich verengte Stellen in den Gefässen auffinden. Durch die Gabe eines Kontrastmittels können die Gefässe und die Verengungen noch genauer erkannt werden.

Behandlung von Durchblutungsstörungen

Die Behandlung der gestörten Durchblutung erfolgt symptomatisch (entsprechend den auftretenden Beschwerden) oder kausal (entsprechend der jeweiligen Ursache). Ein akuter Gefässverschluss ist häufig ein medizinischer Notfall und erfordert einen sofortigen operativen Eingriff, um die Durchgängigkeit des Gefässes (Revaskularisierung) wiederherzustellen, und intensivmedizinische Betreuung. Dasselbe kann mitunter bei chronischen Gefässerkrankungen der Fall sein.

Ein Blutgerinnsel kann chirurgisch entfernt und so das Gefäss wieder eröffnet werden. Bei der Thrombendarteriektomie werden neben dem Blutgerinnsel auch die arteriosklerotischen Veränderungen der Gefässwand entfernt (Ausschälplastik). Zur Dehnung eines verengten Gefässes setzt der Gefässchirurg Ballonkatheter oder Stents (Hülsen aus Draht), die medikamentenbeschichtet sein können, ein. Mit dem Legen eines Gefässbypasses, das ist eine Art Gefässimplantat, wird die verschlossene Stelle des Gefässes umgangen.

Zum Auflösen eines Thrombus (Lysebehandlung) können verschiedene Substanzen (Fibrinolytika) gespritzt werden, wie Streptokinase, Urokinase und Plasminogenaktivator (rt-PA, Alteplase). In bestimmten Fällen wird auch Heparin gegeben.

Bei einer sehr schweren Durchblutungsstörung und langandauernden Unterversorgung kommt es zum Absterben des Gewebes, was dann eine Amputation des betroffenen Körperglieds notwendig machen würde.

Zur medikamentösen Therapie bzw. zur Vorbeugung von Thrombosen kommen durchblutungsfördernde (Prostaglandine) oder gerinnungshemmende (Thrombozytenaggregationshemmer wie Acetylsalicylsäure, ASS, oder Clopidogrel) Medikamente zum Einsatz. Hat der Patient Schmerzen, verschreibt ihm der Arzt noch Schmerzmittel oder spritzt (in schweren Fällen) Morphium.

Bei einer chronischen pAVK kann ein spezielles überwachtes Geh- und Gefässtraining sowie mässige sportliche Aktivitäten (Schwimmen, Fahrradfahren) helfen, die Sauerstoffversorgung des betroffenen Körperteils zu verbessern. Warme Armbäder steigern die Durchblutung.

Zur kausalen Therapie und um einer Verschlechterung des Krankheitszustands vorzubeugen, empfiehlt der Arzt dem Kranken, die Risikofaktoren zu beseitigen: Der Blutdruck wird bei Bluthochdruck gesenkt, Raucher machen eine Raucherentwöhnung und Übergewichtige eine kalorienreduzierte Diät, der Diabetiker sollte gut eingestellt sein, die Blutfette bzw. der Cholesterinspiegel überwacht und gegebenenfalls medikamentös korrigiert werden.

Quellen

  • AWMF - Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (2015) S3-Leitlinie Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE), AWMF-Register Nr. 003/001
  • Deutsche Gesellschaft für Angiologie - Gesellschaft für Gefässmedizin e.V. (2015) S3-Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, AWMF-Register Nr. 065/003
  • Ludwig M (2019) Facharztwissen Angiologie: Diagnostik und Therapie arterieller, venöser und lymphatischer Erkrankungen. Springer, Heidelberg