Nervenkompressionssyndrome und ihre Behandlung

Es gibt viele unterschiedliche Nervenkompressionssyndrome, die sich auch in ihrer Behandlung unterscheiden. Wird eine Operation durchgeführt, erfolgt diese in der Regel in Lokalanästhesie. Eine Vollnarkose ist für diese Eingriffe nur bei sehr ängstlichen Patienten erforderlich. Im Folgenden erhalten Sie Informationen zum Karpaltunnelsyndrom (KTS), Loge-de-Guyon-Syndrom, Pronator-Syndrom, Sulcus-Ulnaris-Syndrom, Supinator-Syndrom und Wartenberg-Syndrom.

Themenübersicht dieses Artikels

Was sind Nervenkompressionssyndrome?

Viele Nerven durchziehen anatomische Engpässe, in denen es zu Nervenirritationen kommen kann. Treten Missverhältnisse zwischen Nervengrösse/-durchmesser und Weite des Nervenlagers durch Einengung der Durchtrittsstelle oder Volumenvermehrung ihres Inhaltes auf, so entsteht eine Nerveneinengung und in der Folge ein Nervenkompressionssyndrom.

Karpaltunnelsyndrom (KTS)

Das Karpaltunnelsydrom ist das bekannteste Nervenkompressionssyndrom. Es entsteht durch die Einengung des Mittelnervs (Nervus medianus), eines der drei Hauptnerven der Hand, im Bereich der Beugeseite des Handgelenkes. Etwa 10 Prozent der Erwachsenen, davon 70 Prozent Frauen, betrifft diese Krankheit.

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Ursachen des Karpaltunnelsyndroms

Der Karpaltunnel ist ein tunnelförmiger, von Bindegewebe umschlossener Kanal, der auf der Innenseite des Handgelenks liegt. Durch ihn laufen die Beugesehnen und der Mittelnerv zur Hand. Im Fall des Karpaltunnelsyndroms kommt es zu einer Einengung des Nervs. Die Ursache der Einengung ist häufig anlagebedingt, kann aber auchin

liegen.

Symptome des Karpaltunnelsyndroms

Typisches Erstsymptom sind nächtlich oder frühmorgens auftretende Schmerzen (Brachialgia nocturna) im Bereich

  • der Beugeseite des Daumens,
  • des Zeigefingers,
  • des Mittelfingers und
  • der speichenseitigen Hälfte des Ringfingers.

Bei milder Symptomatik klagen die Patienten über Schmerzen im Bereich des Handgelenks und Gefühlsstörungen, wie Kribbeln und Taubheitsgefühle im Hohlhandbereich, bis hin zu Muskelschwund im Bereich der Daumenballenmuskulatur bei chronischem KTS. Die Symptomatik entwickelt sich in der Regel über einen längeren Zeitraum (Monate oder Jahre).

Behandlung des Karpaltunnelsyndroms

Das Karpaltunnelsyndrom kann bei leichteren Formen konservativ, durch Ruhigstellung des Handgelenks mittels einer Schiene behandelt werden. Zur Linderung der Schmerzen werden Antiphlogistika (Diclofenac, Iboprofen) empfohlen. Die konservative Behandlungsmethode führt selten zu einem dauerhaften Erfolg.

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Schiene beim Karpaltunnelsyndrom; von SPUI - Eigenes Werk, Gemeinfrei, Link

Sollten die Beschwerden trotz konservativer Therapie weiter bestehen, wird ein operativer Eingriff empfohlen. Bei der Operation wird das bindegewebige Dach des Kanals (Retinaculum flexorum) gespalten, um dem Nerv mehr Platz zu bieten und ihn somit zu entlasten. Die Operation kann mittels offener Operationstechnik oder in seltenen Fällen mittels Endoskopie durchgeführt werden, bei der aber ein grösseres Komplikationsrisiko besteht. Daher wird das offene Verfahren von den meisten Handchirurgen favorisiert.

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Der Eingriff dauert etwa 15 bis 30 Minuten und wird in der Regel ambulant durchgeführt. Die Dauer der Arbeitsunfähigkeit beträgt je nach Tätigkeitsfeld wenige Tage bis einige Wochen, die vollständige manuelle Belastung der Hand kann nach 6 Wochen erfolgen.

Bei einer frühzeitigen Behandlung haben die Patienten eine sehr gute Prognose. Nur bei sehr weit fortgeschrittenen Stadien, bei denen der Nerv schon deutlich geschädigt ist, kann es zu bleibenden Ausfällen kommen.

Eine Ruhigstellung nach der Operation wird heute nicht mehr empfohlen.

Loge-de-Guyon-Syndrom

Das Loge-de-Guyon-Syndrom beschreibt eine Druckerhöhung auf den Ellennerv (Nervus ulnaris) im Bereich des Handgelenks auf der Kleinfingerseite.

Symptome des Loge-de-Guyon-Syndroms

Symptome zeigen sich durch Missempfindungen im Bereich des kleinen Fingers und des Ringfingers, bis hin zu muskulären Schwächen beim Fingerspreizen und -zusammenführen.

Ulnar sensory distribution.PNG
By Nootherone321 - Own work, CC BY-SA 4.0, Link

Ursachen des Loge-de-Guyon-Syndroms

Die Guyon Loge ist eine Engstelle, die im Handwurzelbereich zwischen dem Erbsenbein und dem Hakenbein liegt. Durch diese läuft neben dem Ellennerv auch die Arteria ulnaris (Ellenschlagader).

Die Ursache einer Verengung und dadurch entstehenden Druckerhöhung auf den Nerv ist häufig durch ein Überbein (Ganglion) in diesem Bereich begründet. Ausserdem kann der Engpass durch lang andauernde Kompressionen bei Beruf oder Sport (Rad- oder Motorradtouren) auftreten.

Behandlung des Loge-de-Guyon-Syndroms

Die konservative Behandlung besteht in einer Ruhigstellung durch eine Schiene. Sollte dies nicht erfolgreich sein, wird ein operativer Eingriff empfohlen. Dabei wird, wie bei der Behandlung des Karpaltunnelsyndroms, das Dach der Guyon Loge gespalten, um dem N. ulnaris mehr Platz zu bieten und somit den Druck auf diesen zu verringern.

Die Operation wird ambulant durchgeführt und dauert etwa eine halbe Stunde. Normalerweise sollte sich der Nerv in den ersten Wochen nach der OP gut erholen.

Auch hier ist nur eine kurze Arbeitsunfähigkeit gegeben, dennoch sollte eine Vollbelastung der Hand erst nach einigen Wochen erfolgen.

Pronator-Syndrom

Das Pronator-Syndrom entsteht durch eine Einschnürung des Mittelnervs (N. medianus) im Bereich des Pronator-teres-Muskels. Dieser Muskel verläuft auf der Vorderseite (Beugeseite) des Unterarms, beginnend an der Unterseite des Oberarmknochens schräg über die Elle (Ulna) und setzt im mittleren Bereich der Speiche (Radius) an. Er ist für die Einwärtsdrehung des Unterarms (Pronation) zuständig.

Symptome des Pronator-Syndroms

Der Mittelnerv (N. medianus) läuft in einem bindegewebigen Muskelkanal durch den oben genannten Muskel. Ist dieser Kanal zu eng, kommt es zu Symptomen, wie

  • dem Kribbeln der Finger sowie der Hohlhand,
  • Schmerzen bei der Einwärtsdrehung des Arms
  • bis hin zu einem Rückgang der Daumenballenmuskulatur.

Ursachen des Pronator-Syndroms

Die Ursachen dieser Erkrankung hängen oft mit der individuell verstärkten Beanspruchung des Pronator-teres-Muskels zusammen, wodurch sich der Muskel vergrössert und dem Nerv nicht mehr genügend Platz bietet.

Behandlung des Pronator-Syndroms

Deswegen therapiert man nach der Diagnose zunächst konservativ, in dem man den Arm mittels einer Schiene ruhigstellt und somit die muskuläre Beanspruchung reduziert. Sollte dies nicht zum gewünschten Erfolg führen, muss ein operativer Eingriff vorgenommen werden.

Bei der Operation wird der Nerv im verengten Bereich freigelegt und der Nervenkanal soweit vergrössert, dass dem Nerv genügend Platz eingeräumt wird.

Der Eingriff dauert in etwa 45 Minuten und wird ambulant durchgeführt. Die Arbeitsunfähigkeit beträgt nur wenige Tage, eine Vollbelastung des Arms ist früh möglich.

Sulcus-Ulnaris-Syndrom

Beim Sulcus-Ulnaris-Syndrom handelt es sich um eine Einengung des Ellennervs (Nervus ulnaris) im Bereich der Rinne an der Ellenbogeninnenseite, auch bekannt als „Musikantenknochen“.

Symtpome des Sulcus-Ulnaris-Syndroms

Bei gesunden Menschen tritt eine Reizung des Nervs bei starken Schlägen auf diese Stelle auf, bei einer Einengung wird der Nerv dauerhaft bei bestimmten Bewegungen des Arms gereizt. Die Symptome können bei einer Schädigung des Nervs bis hin zu Taubheitsgefühlen im kleinen Finger und im Ringfinger und motorischen Störungen gehen.

Behandlung des Sulcus-Ulnaris-Syndroms

Die Beschwerden können meist konservativ behandelt werden, indem man den betroffenen Bereich am Ellenbogen polstert und somit vor Reizungen schützt und vor Druck entlastet. Wenn dies nicht helfen sollte, wird bei einer Operation dem Nervenkanal mehr Platz verschafft.

Im Allgemeinen genügt es, den Nerv durch Spaltung des Dachs der Ellenbogenrinne zu entlasten. Kommt es bei der Operation zu einem Heraustreten des Nervs aus der Rinne (Luxation) nachdem das Dach gespalten ist, sollte der Nerv in eine geschützte Position ausserhalb des Kanals verlagert werden.

Die Dauer der Operation liegt bei einer halben Stunde, sie kann entweder endoskopisch oder ambulant durchgeführt werden.

Prognose beim Sulcus-Ulnaris-Syndrom

Das unangenehme Kribbeln sollte schnell verschwinden. Wenn der Nerv durch die Einklemmung geschädigt worden ist, kann es allerdings bis zu einem Jahr dauern, bis man vollkommen schmerzfrei ist.

Im Allgemeinen ist keine Ruhigstellung erforderlich, die Arbeitsunfähigkeit ist, je nach Tätigkeit, mit bis zu zwei Wochen anzusetzen.

Supinator-Syndrom

Das Supinator-Syndrom entsteht durch eine Einengung des Speichenervs (Nervus radialis) auf der Aussenseite des Unterarms im Bereich des Supinator-Muskels und ist insgesamt selten. Dieser Muskel ist für die Auswärtsdrehung (Supination) des Unterarms zuständig. Er hat seinen Ursprung am Oberarm und am Ellenbogengelenk und setzt am oberen Teil der Speiche (Radius) an. Er wird von einem Ast des N. Radialis durchbohrt.

Ursachen des Supinator-Syndroms

Bei einer Vergrösserung dieses Muskels (Hypertrophie) kann es zur Kompression des Nervs kommen, der durch den Muskel läuft, manchmal sind aber die Ursachen der Kompressionssymptomatik nicht zu klären.

Symptome des Supinator-Syndroms

Der Ast des Speichennervs (N. radialis), der diesen Muskel durchbohrt, innerviert nur Streckmuskeln der Hand und keine des Unterarms; er ist nicht für Sensibilität zuständig. Bei einer Erkrankung tritt somit nur eine Streck- und Abspreizschwäche im Daumen auf. Schmerzen treten bei dieser Erkrankung meist im Bereich der Aussenseite des Unterarms ca. 5 cm unterhalb des Ellenbogens auf, da dort die Durchtrittsstelle des Nervs durch den Muskel liegt, die verengt ist.

Behandlung des Supinator-Syndroms

Das Supinator-Syndrom kann bis auf wenige Ausnahmefälle nur operativ behoben werden. Bei einer Operation wird der Nerv in seinem Verlauf entlang des Unterarms freigelegt, so dass der Nerventunnel durch den Supinator-Muskel aufgespalten und erweitert werden kann.

Die Operation wird in der Regel ambulant durchgeführt und dauert ca. 45 Minuten. Der Arm wird sofort nach der Operation bewegt, die Arbeitsunfähigkeit ist kurz.

Wartenberg-Syndrom

Auch beim sehr seltenen Wartenberg-Syndrom liegt eine Druckschädigung des Speichennervs (N. radialis) vor.

Symptome des Wartenberg-Syndroms

Patienten klagen bei dieser Krankheit oft über Gefühlsausfälle und Schmerzen auf der Handgelenksrückseite (Streckseite), vor allem des Daumens und Zeigefingers. Der Hauptschmerzpunkt liegt etwas oberhalb des Handgelenkes, wo der Nerv zwischen den Streckmuskeln durchtritt.

Ursachen des Wartenberg-Syndroms

Die Schmerzen werden verursacht durch zu enge Uhren, Armbänder oder Gipsverbände oberhalb des Handgelenks, da diese einen zu hohen Druck auf den Nerv ausüben und er somit geschädigt werden kann.

Behandlung des Wartenberg-Syndroms

Das Wartenberg-Syndrom wird vorwiegend konservativ behandelt, indem man die betroffenen Stellen mit einer Unterarmgipsschiene schont und den Nerv somit entlastet. Sollte diese Behandlung nicht erfolgreich verlaufen, empfiehlt sich eine Operation, bei welcher der entstandene Druck auf den Speichennerv beseitigt wird. Eine Operation dieser Art dauert etwa 45 Minuten und kann ambulant durchgeführt werden.

Auch bei diesem Eingriff ist keine Ruhigstellung erforderlich, die Arbeitsunfähigkeit ist kurz und eine Vollbelastung kann bald erfolgen.

Autor: PD Dr. med. Michael Pelzer